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| 19:01 Uhr

Friedensnobelpreise verliehen
Der Körper als Schlachtfeld und Waffe

Berit Reiss-Andersen und Olav Njölstad vom Friedensnobelpreis-Komitee geben die diesjährigen Preisträger bekannt.
Berit Reiss-Andersen und Olav Njölstad vom Friedensnobelpreis-Komitee geben die diesjährigen Preisträger bekannt. FOTO: dpa / Terje Pedersen
Oslo. Hunderttausende Frauen werden in Kriegs- und Konfliktgebieten brutal vergewaltigt. Der Friedensnobelpreis ehrt nicht nur zwei mutige Menschen, die dagegen kämpfen. Er ist auch eine Mahnung an die internationale Gemeinschaft. Von Theresa Münch

Nadia Murad und Denis Mukwege haben Dinge erlebt und gesehen, die niemand je sehen sollte. Die junge Irakerin überlebte Monate als Sex-Sklavin der Terrormiliz IS: gefoltert, missbraucht, gedemütigt. Der kongolesische Arzt rettet Tausende schwerst verletzte Frauen, die mit Gewehrläufen, Bajonetten und abgebrochenen Flaschen vergewaltigt wurden. Beide, die junge Jesidin und der afrikanische Gynäkologe, lassen sich von diesen grausamen Erlebnissen nicht einschüchtern: Sie erheben ihre Stimme und zeigen der Welt, wie sexuelle Gewalt in Kriegs- und Konfliktgebieten als Waffe genutzt wird. Dafür erhalten Murad und Mukwege nun den Friedensnobelpreis.

Mehrere Hunderttausend Frauen werden Schätzungen zufolge in bewaffneten Konflikten jedes Jahr systematisch vergewaltigt. Ihre Körper werden zum Schlachtfeld militärischer Taktik. Das Ziel: Die Frauen brechen und ihre Männer demütigen. Solche Wunden verheilen schwer, sie hinterlassen Narben, die ganze Familien, ganze Gemeinschaften, ganze Völkergruppen zerstören können.

Der Kongolese Denis Mukwege spricht nicht von Vergewaltigung, sondern von „sexuellem Terror“.
Der Kongolese Denis Mukwege spricht nicht von Vergewaltigung, sondern von „sexuellem Terror“. FOTO: dpa / Christian Lutz

Der Tod, berichtete Murad nach ihrer Flucht aus der Sklaverei des Islamischen Staates (IS), habe für sie den Schrecken verloren. „Der Tod ist harmlos im Vergleich zu der Hölle, durch die wir alle gehen mussten.“ Die heute 25-Jährige war gerade 19 Jahre alt, sie ging noch zur Schule, als der Islamische Staat ihr Dorf im Sindschar-Gebiet überfiel. Ihre Mutter und sechs Brüder wurden getötet, Nadia gefangen genommen, benutzt, weiterverkauft. „Blonde, blauäugige und hellhäutige Mädchen waren besonders gefragt“, erzählte sie später.

Für die Jesidin Nadia Murad hat der Tod den Schrecken verloren.
Für die Jesidin Nadia Murad hat der Tod den Schrecken verloren. FOTO: dpa / Christian Lutz

Drei Monate überlebte sie, wo viele längst aufgegeben hätten. Bis die junge Frau beim Kauf einer Burka ihren Peinigern entkam. Ausgerechnet eine muslimische Familie half der jungen Jesidin bei der Flucht ins kurdische Grenzgebiet. Von dort gelangte Murad nach Baden-Württemberg, wo sie heute noch lebt. Und wo sie den Kampf gegen den IS-Terror aufgenommen hat. Murad spricht offen über ihre Qualen, klagt an, inzwischen sogar als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen. Mit Menschenrechtsarbeit verarbeitet sie ihre Traumata, teils bis an den Rand der eigenen Kräfte.

„Ich bewundere ihren Mut und Aktivismus“, schrieb der Premierminister der kurdischen Autonomieregierung am Freitag auf Twitter. Eine andere Kurdin: „Niemand kann sich vorstellen, was es heißt, so etwas durchzustehen. Es braucht viel Mut, öffentlich so bekannt zu sein für seine Geschichte.“

Denis Mukwege hat Murad nie behandelt, doch er kennt Tausende Frauen mit ähnlichen Schicksalen. In seiner von Konflikten zerrissenen Heimat Kongo sind Frauen zur Beute degradiert. Vergewaltigung sei als Wort noch zu schwach für das, was sie erlebten, sagt der 63-jährige Gynäkologe. Er nutzt den Begriff „sexueller Terror“. Hilfsorganisationen bezeichnen sein Land als Vergewaltigungshochburg der Welt. Eine amerikanische Studie, die im Jahr 2011 veröffentlicht wurde, berichtete von 48 Frauen, die jede Stunde brutal missbraucht werden – das sind am Tag mehr als 1000 Fälle.

Mukwege gründete 1999 das Panzi-Krankenhaus in Bukavu im instabilen Osten des Landes. Dort behandelt er Frauen mit verletzten inneren Organen. Mädchen, die viel zu früh schwanger wurden, denen Sex und Geburt schwere innere Verletzungen zufügten, denen Urin und Fäkalien unkontrolliert aus dem Körper laufen. Mukwege flickt sie nicht nur zusammen, er bietet ihnen psychologische, juristische und finanzielle Unterstützung an. Denn die Frauen müssen fürchten, von ihrer Familie verstoßen zu werden.

Mukwege riskiert für diese Frauen sein Leben. Bei einem Überfall auf sein Haus wurde ein Freund getötet, im vergangenen Jahr ein Kollege. Doch der Arzt macht weiter, prangert bei zahlreichen Vorträgen auf der ganzen Welt eine internationale Gleichgültigkeit an, kritisiert leere Hilfsversprechen, nach denen doch wieder nichts geschieht.

„Die Bedeutung von Doktor Mukweges engagierten und selbstlosen Bemühungen in diesem Bereich kann nicht genug betont werden“, sagt nun die Jury für den Friedensnobelpreis. Sie hatte Mukwege schon seit Jahren auf der Liste. In diesem Jahr wählte sie ihn wohl auch vor dem Hintergrund des #metoo-Skandals um sexuelle Belästigung in Nordamerika und Europa. Das Nobelkomitee wolle auch Länder und internationale Gemeinschaften auffordern, Verantwortung zu übernehmen, sagte die Vorsitzende Berit Reiss-Andersen.

„Denis Mukwege und Nadia Murad riskieren ihre eigene Sicherheit, indem sie mutig Kriegsverbrechen bekämpfen und Gerechtigkeit für die Opfer suchen“, betonte sie. „Wir wollen die Botschaft aussenden, dass Frauen tatsächlich als Waffe im Krieg benutzt werden, dass sie Schutz brauchen und dass die Täter bestraft werden müssen. Wir sind überzeugt, dass das eine grundlegende Voraussetzung für dauerhaften Frieden ist.“