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| 12:03 Uhr

Politik denkt über besondere Würdigung von Soldaten nach
Künftig freie Fahrt für Veteranen?

 Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU, r), ,besucht Soldaten der Bundeswehr in Mali. In Deutschland wird darüber nachgedacht, wie  Bundeswehr-Veteranen künftig besser gewürdigt werden sollen.
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU, r), ,besucht Soldaten der Bundeswehr in Mali. In Deutschland wird darüber nachgedacht, wie  Bundeswehr-Veteranen künftig besser gewürdigt werden sollen. FOTO: dpa / Michael Kappeler
Berlin. Rund zehn Millionen Deutsche sind seit 2018 Veteranen der Bundeswehr. Das heißt zunächst einmal schlicht: Sie haben gedient, egal wo. Jetzt wird über die Definition des Begriffs  und eine besondere Würdigung der Soldaten nachgedacht. Von Ellen Hasenkamp

Der Schriftsteller Axel Hacke ist einer. Der Komiker Michael Bully Herbig auch. Und natürlich der Freiherr und frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Sie alle sind – zusammen mit rund zehn Millionen Deutschen – seit vergangenem November ganz offiziell Veteranen der Bundeswehr. Axel Hacke hat das ein wenig schockiert, wie er kürzlich in seiner Kolumne schrieb: „Für mich klingt Veteran immer noch wie alter Knacker, mit Eisernen Kreuzen behängt vor dem Kriegerdenkmal herumsitzend.“

Doch weder mit hohem Alter noch mit hohen Auszeichnungen hat der Begriff etwas zu tun, sondern einzig und allein mit der Frage, ob man Soldat ist oder war. Wer – wie Herbig beim Faltschwimmbrückenzug – seinen Wehrdienst halbwegs anständig hinter sich gebracht hat, ist ebenso Veteran wie der KSK-Elitekämpfer, der in Afghanistan ins Gefecht gegen die Taliban gezogen ist.

Genau da beginnen die Probleme. Wenn alle Veteranen sind, welchen Wert hat der Titel dann? Und was genau folgt aus dem Label: Freie Fahrt mit Bus und Bahn? Ein neuer Feiertag? Am Ende eben doch Abzeichen für die Veteranenbrust, eiserne Kreuze gar? Diese und andere Fragen wollen Ministerium, Verbände und Politiker in den nächsten Wochen klären. Das ist auch deswegen nicht leicht, weil sie damit unausgesprochen einen viel größeren Komplex zu klären haben: Während die Regierung seit einigen Jahren mehr deutsche Verantwortungsübernahme weltweit verspricht, reagiert das Volk eher skeptisch. Fürs Schneeschippen in Bayern ist die Bundeswehr beliebt, fürs Schießen in Mali eher nicht. Ein bisschen mehr Veteranenkultur könnte das ändern.

Zugleich soll die Definition, die Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) vergangenen November veröffentlichte, auch intern eine gewisse Beruhigung herbeiführen. Aktive versus Ehemalige, Einsatzsoldaten versus Heimatstationierte, solche Gegensätze in der Truppe sollte die Festlegung hinter sich lassen: „Veteranin oder Veteran der Bundeswehr ist, wer als Soldatin oder Soldat der Bundeswehr im aktiven Dienst steht oder aus diesem Dienstverhältnis ehrenhaft ausgeschieden ist, also den Dienstgrad nicht verloren hat“, schrieb die Ministerin in ihrem Tagesbefehl. Der breite Ansatz nach langer Debatte war womöglich auch der Versuch von der Leyens, nach ihrem harten Wort vom „Haltungsproblem“ in der Bundeswehr ein wenig interne Wiedergutmachung zu betreiben.

Bereits von der Leyens Vorgänger, Thomas de Maizière, hatte in seiner Amtszeit mehrere Versuche gestartet, einen Veteranenbegriff zu definieren. Sein Vorschlag lautete: „Veteran ist, wer ehrenvoll aus dem aktiven Dienst der Bundeswehr entlassen worden ist und an mindestens einem Einsatz für humanitäre oder friedenserhaltene oder friedensschaffende Maßnahmen teilgenommen hat.“ Die Debatte versandete dann aber. Dabei hatte de Maizière 2013 sogar schon Veteranenabzeichen (Eisernes Kreuz mit Bundesadler) herstellen und beschaffen lassen – einschließlich Etui. Rund 10 000 Stück für insgesamt rund 8700 Euro lagern nach Regierungsangaben „in abschließbaren Schränken“ im Verteidigungsministerium. Peinlich wurde die Sache, als einige dieser Abzeichen beim Onlinemarktplatz Ebay angeboten wurden.

Jetzt also soll eine  Tradition entstehen. Alle, die Dienst in der Bundeswehr leisten oder geleistet haben, verdienten „mehr Sichtbarkeit in unserer Gesellschaft“, findet die Ministerin. Wie nun aber ein neues Bild geprägt werden soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Der Reservistenverband hat einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, der unter anderem die Forderung nach einem Abzeichen, einem Ausweis für ermäßigte Eintrittspreise und einem Veteranentag umfasst. „Was in anderen Ländern längst gängige Praxis ist, sollte auch hierzulande Eingang in die öffentliche Erinnerungskultur finden“, schreibt der Verband.

Die AfD schlägt den 12. November vor, den Geburtstag von Heeresreformer Gerhard von Scharnhorst und den der Bundeswehr. An diesem Tag im Jahr 1955 traten die ersten Freiwilligen in die Bundeswehr ein. Andere plädieren für den 29. Mai, den die Uno bereits zum Tag des Peacekeepers erklärt hat, oder für den deutschen Schicksalstag 9. November.

Auch Generalinspekteur Eberhard Zorn ist grundsätzlich für einen Veteranen-Tag, gab im Gespräch mit der RUNDSCHAU vor einigen Wochen aber zu bedenken: „Die Frage ist, ob die Bevölkerung da mitkommt. Unsere Kultur ist eben eine andere. Das muss sich entwickeln, das können wir nicht anordnen.“

Gegen eine solche Entwicklung stemmt sich unter anderem die Linke. Ihr Verteidigungsexperte Alexander Neu sieht in Definition und Nutzung des neuen Veteranenbegriffs „einen weiteren Baustein in dem Bemühen, die Akzeptanz des Militärischen in der Gesellschaft zu erhöhen“. Das Militärische solle nicht nur als Mittel der Außenpolitik, sondern auch gesellschaftlich normalisiert werden. Neu kritisiert zudem die „Teilung der Gesellschaft in gute Soldaten (Bundeswehr) und verachtenswerte Militärs (NVA)“. Denn wer nur in der früheren DDR-Armee gedient hat, ist vom Veteranen-Begriff ausgeschlossen.

 Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU, l.),besucht Soldaten der Bundeswehr in Mali. Irgendwann werden auch sie Veteranen sein. Werden sie dann anders gewürdigt, als es heute der Fall ist? 
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU, l.),besucht Soldaten der Bundeswehr in Mali. Irgendwann werden auch sie Veteranen sein. Werden sie dann anders gewürdigt, als es heute der Fall ist?  FOTO: dpa / Michael Kappeler