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| 20:18 Uhr

Neue Justizreform
Frankreichs verrottete Gefängnisse

Das Innere einer Zelle im Gefängnis Les Baumettes in Marseille.
Das Innere einer Zelle im Gefängnis Les Baumettes in Marseille. FOTO: laif
Paris. In den Haftanstalten herrschen unhaltbare Zustände. Ungeziefer breitet sich aus. Eine Justizreform soll Abhilfe schaffen. Christine Longin

Drei graue Metallbetten übereinandergestapelt, auf dem untersten sitzt ein Mann, zwei andere auf engstem Raum daneben. So sehen die seltenen Bilder aus, die aus den Gefängniszellen von Fresnes nach draußen dringen. Fresnes ist eine der größten Haftanstalten Frankreichs und mit mehr als 2400 Gefangenen auf 1200 Plätzen hoffnungslos überbelegt. "Die Gefangenen urinieren in Flaschen, die sie dann über die Mauern schmeißen", schreibt die unabhängige Kontrollstelle von Gefängnissen zum Mangel an Toiletten. Gleichzeitig ist das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das nur rund zehn Kilometer von der Pariser Stadtgrenze entfernt liegt, von Ungeziefer befallen. "Die Ratten vermehren sich massenweise in den Untergeschossen der Gebäude, außerhalb und im Hof. Der Geruch ihrer Exkremente und ihrer Kadaver kommt zu dem der Abfälle hinzu, die sich am Rand der Gebäude auftürmen."

Fresnes, wo sich drei Männer eine Neun-Quadratmeter-Zelle teilen, ist ein besonders eklatantes Beispiel für die Überfüllung französischer Gefängnisse. Landesweit sitzen derzeit 70.367 Häftlinge ein, wie die Leitung der Gefängnisverwaltungen nun mitteilte. Ein neuer Rekord. Auf 100 Plätze kommen durchschnittlich 118 Gefangene – in Deutschland sind es 82. Frankreich wird wegen der Überbelegung seiner Gefängnisse regelmäßig vom Europarat kritisiert. "Die Haftbedingungen bedeuten eine unmenschliche oder entwürdigende Behandlung nach Artikel drei der europäischen Menschenrechtskonvention", bemerkt die Vorsitzende der unabhängigen Kontrollstelle, Adeline Hazan, zu den Zuständen in Fresnes.

Auf Artikel drei berufen sich auch mehrere Anwälte von Gefangenen, die in Fresnes einsitzen, und die sich im Dezember an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewandt haben. Die Straßburger Richter befassen sich laut der Internationalen Beobachtungsstelle für Gefängnisse derzeit mit 40 Klagen gegen fünf französische Haftanstalten. 34 Gefängnisleitungen wurden bereits von der französischen Justiz wegen unwürdiger Haftbedingungen verurteilt. Ende März wurden Ermittlungsverfahren gegen mehrere Mitarbeiter in Fresnes, darunter einen der Direktoren, wegen Korruption, Geldwäsche und Komplizenschaft eingeleitet. Sie sollen Gefangenen gegen Geld mehr Möglichkeiten zum Duschen gegeben oder ihnen Handys besorgt haben.

Das, was die TV-Serie "Orange Is the New Black" einem breiten Publikum über die Situation in den US-Gefängnissen zeigt, passiert also auch in Frankreich hinter verschlossenen Türen. Am 3. März besuchte Emmanuel Macron das Gefängnis von Fresnes. Vier Stunden lang blieb der Präsident ohne Begleitung von Kameras und Journalisten. Er sprach auch mit den Aufsehern, die mit ihrem Streik im Januar Schlagzeilen gemacht hatten. Sie wollten damals nicht nur mehr Geld, sondern auch mehr Mitarbeiter, um vor allem die radikalisierten Häftlinge besser bewachen zu können.

"Das Gefängnis begünstigt die Radikalisierung", warnt der Soziologe Farhad Khosrokhavar. Er fordert wie die Gewerkschaften mehr Personal, um solche Entwicklungen genau zu beobachten und darauf zu reagieren. Gleichzeitig kritisiert der Spezialist die Zustände in den Haftanstalten: "Ein annehmbares Gefängnis, wo die Gefangenen menschlich behandelt werden, würde zu deutlich weniger Radikalisierung führen", schreibt er in der Zeitung "Le Monde".

Gestern präsentierte Ministerin Nicole Belloubet eine Justizreform, die die Haftanstalten entlasten soll. 1,6 Milliarden Euro sollen insgesamt ausgegeben werden, vor allem um 7000 neue Gefängnisplätze zu schaffen. Außerdem sollen die Arbeit der völlig überforderten Justiz erleichtert und die Verfahren beschleunigt werden. Geplant sind mehr alternative Strafen wie Fußfesseln und gemeinnützige Arbeit. Haftstrafen unter einem Monat, die immerhin 10.000 Verurteilungen pro Jahr ausmachen, sollen überhaupt nicht mehr verhängt werden.

Gerade für die gemeinnützige Arbeit fehlt es allerdings den Kommunen an Geld. Die Justizreform könnte deshalb dasselbe Schicksal ereilen wie ihre Vorgängerin 2013. Schon damals wollte Justizministerin Christiane Taubira die Gefängnisse entlasten. "Diese ganzen Möglichkeiten gibt es bereits, und sie werden nur wenig genutzt", kritisiert der Gewerkschafter Samuel Dehondt im Fernsehsender BFMTV. "Das alles reicht nicht aus, um unsere Strukturen zu reformieren."