Sie sagen, die Bilder vom Syrien-Krieg seien unerträglich gewesen, und dass man doch etwas habe tun müssen. Und deshalb hätten sie im Herbst 2014 im Gemeinderat von Münster-Sarmsheim eben einen Beschluss erwirkt, er fiel einstimmig. "Die Menschen, die Krieg und Vertreibung, Armut und Elend aus ihren Heimatländern in unser Dorf geführt haben, sollen sich hier willkommen fühlen." Das Problem: Damals gab es in dem 3000-Seelen-Ort bei Bingen am Rhein noch gar keine Flüchtlinge. Dieser Beschluss war die Aufforderung an die Verantwortlichen im Kreis: Schickt uns auch welche.

20 "Flüchtlingslotsen"

Jetzt sind es zehn, zur Hälfte Syrer. Die 20 "Flüchtlingslotsen" der Bürgerinitiative haben ihnen Wohnungen beschafft und mit Spendenmöbeln eingerichtet, geben Deutschunterricht, besorgen Arzttermine und helfen gegenüber den Behörden. Nur das Grillfest mitten im Ramadan war keine so gute Idee, die Flüchtlinge aßen nichts. Landrat Claus Schick amtiert schon sehr lange im Landkreis Mainz-Bingen und erinnert sich: "In den 90er-Jahren während der Balkankriege hatten wir hier nicht so eine Willkommenskultur." Erklärungen dafür hat er nicht. Vielleicht, dass die Politik nicht so negative Signale sendet wie damals mit den vielen Abschiebungen. Vielleicht sind die Ansichten über Flüchtlinge jetzt auch einfach offener, mitfühlender. Er jedenfalls hat durchgesetzt, dass jeder Asylbewerber die Deutschkurse der Kreisvolkshochschule besuchen kann, gratis inklusive der Anfahrt. 482 der 1085 Asylbewerber im Landkreis nehmen daran teil. Landrat Schick: "Sprache ist doch die Schlüsselfrage." Die Region will, das merkt man, die Flüchtlinge am liebsten für immer behalten.

Manchmal ist das Engagement auch ganz persönlich. Boris von Wisotzky zum Beispiel hat in Köln dem jungen Afghanen Asghar Djafari (22) eine Lehrstelle als Maschinenführer in seiner Firma gegeben. Ihm hatte der Durchsetzungswille des jungen Mannes imponiert, der sich mit 16 Jahren allein nach Deutschland durchgeschlagen, die Sprache gelernt und den Realschulabschluss nachgeholt hatte. Wisotzky findet, dass sein Schützling eigentlich viel mehr kann, und will ihn fördern. Weiter nach oben. Oder zum Beispiel Bettina Bilstein, die sich wie 79 andere in Wuppertal bei der Diakonie als Vormund für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge gemeldet hat. Sechs bis acht Stunden Arbeit sind das pro Woche, und der junge Mann aus Guinea ist, obwohl er nicht bei ihr wohnt, "schon wie ein zusätzliches Familienmitglied". Bilstein macht das, "weil meine Kinder auch mal im Ausland waren und dort Unterstützung bekamen." Sie kann sich einfach vorstellen, wie das ist, als Jugendlicher so allein in der Fremde.

Dass die Bürger enorm hilfsbereit seien, erzählen die Verantwortlichen überall hier im Westen, und das ist eben etwas total anderes als die Bilder von Attacken gegen Flüchtlingsheime, die nicht nur, aber überwiegend aus dem Osten kommen. Ohne Ehrenamtliche wäre der Ansturm kaum zu bewältigten.

Spenden der Ingelheimer

In Ingelheim steht eines von zwei Erstaufnahmelagern des Landes Rheinland-Pfalz. Überall hängt Wäsche an den Zäunen, Kinder spielen barfuß auf den Wegen. Das Heim hat eigentlich 500 Plätze, sechs Betten je Zimmer. Genau 800 Flüchtlinge sind am Morgen gezählt worden, das Lager ist überfüllt. Die Kleiderkammer auch, Spenden der Ingelheimer. Zwei Rentner aus der Stadt versuchen, die Berge zu sortieren. Im Moment fehlen kleine Größen für Männer. Kriegsflüchtlinge haben nun einmal nicht die deutschen Umfänge. Ein entsprechender Hinweis für die Spender hängt nun draußen an der Pforte. Er wünsche sich, sagt einer der Rentner, dass nicht so negativ über die Flüchtlinge berichtet werde.

Am Großmarkt der Stadt steht zusätzlich ein provisorisches Zeltlager für die Erstaufnahme, das derzeit auf 300 Plätze aufgestockt werden soll, weil der Zustrom nicht aufhört. Außerdem hat die Stadt 100 Asylbewerber für den regulären Aufenthalt bis zur Entscheidung zugewiesen bekommen. Oberbürgermeister Ralf Claus sagt, die Hilfsbereitschaft seiner Bürger sei so groß, dass man jetzt das Rote Kreuz zur Koordination eingeschaltet habe. Ingelheim hat 24 000 Einwohner und beherbergt derzeit 1200 Flüchtlinge. Zum Vergleich: Freital in Sachsen, wo es Unruhen gibt, weil dort 200 Asylbewerber zur Erstaufnahme unterkommen sollen, ist fast doppelt so groß.

"Hobby-Psychologen"

Mitunter schießen die Helfer auch über das Ziel hinaus. In der psychosozialen Beratungsstelle der Caritas in Mayen schimpft Ruth Fischer über "Hobby-Psychologen". Hier werden traumatisierte Flüchtlinge betreut. Dass Gymnasiasten Deutschunterricht geben, andere Bürger als Flüchtlingspaten arbeiten oder zum "Erholungswochenende" irgendwo ins Grüne einladen, gut und schön. Aber dass welche glauben, die Traumatisierten selbst therapieren zu können, das geht zu weit. "Es gibt auch so etwas wie Retraumatisierung", sagt Fischer.

Einen, der meinte, eine Frau aus Syrien heilen zu können, in dem er sie mit bohrenden Nachfragen über ihre Kriegserlebnisse immer wieder an den Rand des Zusammenbruchs brachte, haben sie rausgeworfen.