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| 07:44 Uhr

Integration in der Lausitz:
„Mehr Begegnung wäre schön“

Hoyerswerda/Lauchhammer. Tausende Flüchtlinge haben in der Lausitz Aufnahme gefunden. Doch ihr Weg in die Gesellschaft scheitert oft an Hürden bei der Arbeitssuche und an fehlenden Kontakten zu Einheimischen. Von Christine Keilholz

Vor ein paar Monaten hat Kevin Stanulla den Versuch gemacht. Er lud ein zum Tag der offenen Tür im Flüchtlingsheim. In der Stadt hängte er Plakate auf, warb auf allen Kanälen. Gekommen sind zwei Leute. „Das war schon eine Enttäuschung“, sagt er.

 Kevin Stanulla.
Kevin Stanulla. FOTO: SPD

Nur zwei Hoyerswerdaer wollten die 540 Menschen kennenlernen, für die Stanulla zuständig ist. Sie sprechen russisch, arabisch, persisch oder spanisch und leben mitten in Hoyerswerda. Stanulla (45) betreut für die AWO die beiden Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge, die es in der Stadt gibt. Nur zwei Einheimische wollten sich anschauen, wie sie wohnen. Ist das ein gutes Zeichen oder ein schlechtes? Der Heimleiter fand es schade.

Das Interesse an den Flüchtlingen hat nachgelassen. Die Schutzsuchenden, die vor fünf Jahren noch die Nachrichten bestimmten, sind viel weniger geworden. Viele Unterkünfte, die 2015 schnell eröffneten, sind wieder geschlossen. Sie werden nicht mehr gebraucht. „Die Leute ziehen weiter, weil sie Arbeit gefunden haben oder irgendwo Familienangehörige haben“, sagt Stanulla. Es tritt eine Normalität ein, die es endlich möglich macht, die eigentlich wichtige Aufgabe anzugehen, nämlich die Neuankömmlinge in die Gesellschaft zu integrieren.

Dabei wird deutlich, wo es hakt. Das ist längst nicht mehr bei der Unterbringung. Im Kreis Bautzen wohnen die meisten Flüchtlinge in und um Hoyerswerda. Die große Gemeinschaftsunterkunft an der Thomas-Müntzer-Straße hat 400 Bewohner. Dort gibt es Etagen nur für Alleinreisende. Auf anderen wohnen Familien mit Kindern unter sich. Das ist weit entfernt von den Bildern von 2015, als Menschen in Turnhallen und Möbelhäusern campieren mussten.

Die Hindernisse beim Ankommen in der Lausitz sind heute andere – vor allem die Hürden auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Stanulla ist Kreis-Chef der SPD und engagiert sich dort für Migation. Ihn stört, dass so viele seiner Heimbewohner keinen Job finden - obwohl es die ja gibt. „Wir haben hier sehr viele strebsame und ehrliche Leute, die sofort arbeiten wollen“, sagt er, „aber das kommt nur in wenigen Fällen zustande.“

Etliche Gewerbetreibende hätten bei ihm angefragt, die sofort Leute einstellen würden. Stanulla berichtet von Dachdeckern, die aufgegeben hätten, nach nicht vorhandenen Fachkräften zu suchen, und von Caterern, die dringend Kellner bräuchten. Auch bei Reinigungsfirmen und im Wachschutz könnten Flüchtlinge problemlos in Lohn und Brot kommen. Wären nicht die Anforderungen an schriftliche Nachweise so hoch. Wer sich um eine Stelle bewerben will, muss einen Schulabschluss nachweisen können und möglichst eine Ausbildung. Das können Flüchtlinge nur selten erfüllen – Arbeitszeugnisse haben sie meist nicht dabei.

So bleiben die Erfolgserlebnisse selten. Einen Syrer konnte Stanulla als Sozialarbeiter unterbringen. Der Mann hat beim syrischen Fernsehen gearbeitet, bevor er aus seinem Land floh. „Die Leute kommen aus einem normalen geregelten Leben. Die haben als Schweißer oder als Kosmetikerin gearbeitet. Also Berufe, die wir hier auch haben.“

50 Kilometer weiter westlich sind die Erfahrungen ähnlich. Davon berichtet Viola Weinert, die in Lauchhammer Flüchtlinge betreut. Darunter sind viele junge Männer, die aus Kamerun und Eritrea stammen. „Die wollen gern eine Lehre anfangen“, sagt Weinert. Aber ohne Zeugnisse haben sie keine Chance.

Die 64-jährige Lehrerin und Linken-Politikerin koordiniert die Flüchtlingsbetreuung in Lauchhammer. Das sind um die 40 Leute, die dezentral in Wohnungen untergebracht sind. In Lauchhammer sind überwiegend Schwarzafrikaner geblieben. „Viele kommen aus Ländern, wo es eine Berufsausbildung so gar nicht gibt“, sagt sie. „Aber sie sind sehr diszipliniert und leicht zu integrieren.“ Die meisten haben Sprachkurse gehabt, können sich verständigen und sicher am Ort bewegen. Für Weinert sind das erste Integrationserfolge: „Wir sind eigentlich ganz stolz, wenn wir uns nicht mehr um sie kümmern müssen.“

Weinert kümmert sich seit 2015 sehr intensiv. Viele, die damals gekommen sind, seien gut integriert, hätten Wohnungen und Jobs, erzählt sie.

Sorgenkinder hat die Betreuerin auch. Weinert meint eine Handvoll Jugendlicher, die Probleme machen. „Manche passen sich leider nicht so an, wie sich die Gesellschaft das wünscht“, sagt Weinert. „Über die spricht dann die ganze Stadt.“ Kontakte zwischen den Neuankömmlingen haben nur die wenigen Einheimischen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Darüber hinaus kommt es kaum zu Begegnungen. „Mehr Begegnung wäre sicher gut“, sagt Weinert.

Kevin Stanulla hat in Hoyerswerda viel versucht, um Kontakte anzubahnen. Es klappt höchstens unter Kindern, die leicht zueinander finden. Schüler bringen nachmittags deutsche Freunde mit ins Heim. Oder Kinder kommen aufs Gelände gerannt, weil sie den Spielplatz toll finden. „Dann müssen die Omas und Opas eben hinterher.“ So macht der Zufall Integration möglich.

 Viola Weinert (2.v.r.) kümmert sich in Lauchhammer um Geflüchtete. Ghrmuy Haile, Habtom Arafoyna, Teru Tesjamariam und Hadusch Amare (v.l.) aus Eritrea kamen über das Mittelmeer. Das Foto entstand 2015.
Viola Weinert (2.v.r.) kümmert sich in Lauchhammer um Geflüchtete. Ghrmuy Haile, Habtom Arafoyna, Teru Tesjamariam und Hadusch Amare (v.l.) aus Eritrea kamen über das Mittelmeer. Das Foto entstand 2015. FOTO: LR / Steffen Rasche