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| 16:38 Uhr

Weil sie nichts Besseres finden
Migranten ziehen in arme Stadtviertel

FOTO: dpa / Patrick Pleul
Berlin/Cottbus/Frankfurt. Flüchtlinge lassen sich in den ostdeutschen Städten meist da nieder, wo niemand anders wohnen will: In den heruntergekommenen Plattenbausiedlungen am Stadtrand. Von Christine Keilholz

In ostdeutschen Städten lassen sich immer mehr Migranten nieder. Die meisten landen allerdings dort, wo niemand gerne hinziehen möchte. Vor allem in den benachteiligten Stadtvierteln steigt der Anteil an Ausländern. Das zeigt eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin. Der Soziologe Marcel Helbig hat dafür 83 deutsche Städte untersucht mit der Frage, wie sich Einwohner ohne deutschen Pass dort verteilen. Entscheidend waren die Veränderungen zwischen 2014 und 2017. Die Studie zielt darauf ab, wo die Flüchtlinge, die in diesen Jahren aufgenommen wurden. Das Ergebnis zeigt: meist in den ärmsten Stadtteilen.

Das sind die Viertel, in denen mehr als 60 Prozent der Bewohner Sozialleistungen erhalten. In Cottbus stieg in diesen stark benachteiligten Wohnlagen der Ausländeranteil um 5,42 Prozent an. Ganz anders als in den besseren Gegenden, wo höchstens 20 Prozent Leistungsempfänger leben. Dort stieg der Anteil an ausländischen Bewohnern zwar auch, aber nur um 0,46 Prozent.

Stralsund und Halle mit besonders großen Unterschieden

Ähnlich fallen die Unterschiede in Frankfurt/Oder aus. Dort haben die bessern Viertel 0,76 Prozent mehr Ausländer bekommen, die stark benachteiligten dagegen 6,13 Prozent. Beide Städte liegen damit im Mittelfeld. Die höchsten Anstiege in diesen Vierteln verzeichneten Stralsund mit 12,24 Prozent und Halle mit 8,04 Prozent. „Schutzsuchende sind häufig Personen mit geringem Einkommen und Vermögen, also ärmere Menschen ohne deutschen Pass“, heißt es in der Studie. Die Integration dieser Gruppen findet meist dort statt, „wo bereits andere Einkommensarme leben“. Das liegt nicht nur an den niedrigen Mieten, auf die die Zuwanderer angewiesen sind. Sie finden auch oft Landsleute, die dort bereits wohnen.

In Ostdeutschland ziehen Migranten in die Platte

Ärmere Viertel sind in den ostdeutschen Städten immer die gleichen. Es sind die großen Plattenbaugebiete an den Stadträndern, die am stärksten von Leerstand betroffen sind. Diese Siedlungen entwickeln sich immer mehr zu sozialen Brennpunkten. Sie leiden unter dem Wegzug der Mittelstandfamilien, die sich in besseren Vierteln Wohnung suchen. Dagegen bleiben arme und alte Bewohner in den einst begehrten Neubauwohnungen zurück. Zuzüge erfahren diese Viertel oft nur durch Menschen, die sich nichts Besseres leisten können. Ein Problem für die soziale Mischung der Städte: Arme wohnen unter sich, Reiche auch.

In Cottbus vergleichsweise kleine Unterschiede

In Cottbus sind diese Unterschiede innerhalb der Stadt vergleichsweise klein. „Dies mag daran liegen, dass sich die Wohnlagen in Cottbus weniger stark unterscheiden wie in anderen ostdeutschen Städten“, sagt Marcel Helbig. „Zudem fehlen großflächige begehrte Wohnlagen wie in Rostock, Erfurt, Schwerin oder Halle.“ In diesen Städten ist die soziale Spaltung der Wohngegenden viel deutlicher - das Problem also größer.

Besonders stark angestiegen ist der Anteil der Ausländer in Plattenbausiedlungen mit hohem Leerstand. Das sehen die Forscher als Hinweis darauf, dass Zugewanderte nur dort Wohnungen gefunden haben.

Verteilung gelingt im Westen besser

Besser gelang die Verteilung der Geflüchteten in Westdeutschland. Dort fanden mehr von ihnen Wohnungen auch in den bessern Vierteln. In Städten, die wirtschaftlich prosperieren, verteilen sich Zugewanderte gleichmäßiger. Beispielhaft gelang das in Trier, Bonn oder München, wo vergleichsweise wenige Ausländer auf die ärmsten Viertel ausweichen mussten. Auch die Finanzlage einer Stadt wirke sich hier aus, heißt es in der Studie. Marcel Helbig erklärt das mit dem größeren Handlungsspielraum, den Kommunen mit guten Einnahmen in der Wohnungspolitik haben.

Überhaupt zieht es Zuwanderer eher in den Westen der Republik. Das zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Demnach lassen sich Zuwanderer in Ostdeutschland kaum nieder, zeigt die neue IW-Studie: Die meisten von ihnen zieht es in wirtschaftsschwächere Städte in Westdeutschland. „Deutschland ist weit entfernt von einer gleichmäßigen Verteilung der Zuwanderung", sagt der Autor der Studie, Wido Geis-Thöne. Er führt das darauf zurück, dass viele ländliche deutsche Regionen im Ausland weitgehend unbekannt seien.

Zunächst in Erstaufnahme-Einrichtungen untergebracht

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise kamen 2015 rund 890 000 Schutzsuchende nach Deutschland. 2016 sank die Zahl auf 280 000. Ein Jahr später waren es noch 190 000. Schutzsuchende, die Asyl beantragen, werden in Deutschland zunächst in Erstaufnahme-Einrichtungen untergebracht, die von den Bundesländern betrieben werden. Nach sechs Monaten bekommen die Antragsteller in den Kommunen Gemeinschaftsunterkünfte oder Einzelwohnungen zugewiesen. Sobald sie Asyl haben, können sie sich eigenständig Wohnungen suchen.