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| 19:01 Uhr

Erlebt in Kanada
Feste feiern in Toronto

Christine Keilholz hat in Toronto - jedenfalls für acht Monate - eine neue Heimat gefunden.
Christine Keilholz hat in Toronto - jedenfalls für acht Monate - eine neue Heimat gefunden. FOTO: Christine Keilholz
Unsere Korrespondentin Christine Keilholz ist nach Kanada ausgeflogen. Sie wurde für ein Journalisten-Seminar an der Universität Toronto ausgewählt. Über ihre Erlebnisse schreibt sie jeden Dienstag in dieser RUNDSCHAU-Kolumne. Von Christine Keilholz

Manches ist in Kanada nicht anders als zu Hause in Deutschland. Zum Beispiel ist auch hier bald Weihnachten. Nordamerikaner sind verrückt nach Weihnachten. Auch die, die mit Jesus, der daselbst geboren ward, nichts anfangen können. Die Einwohner der Metropole Toronto kommen aus aller Welt – sie sind zu 60 Prozent Christen. Aber die hier verbreitete Art, Weihnachten als Familienereignis mit Geschenken und Essen und schlechter Pop-Musik zu feiern, macht das Fest anschlussfähig auch für andere Glaubensrichtungen. Das heißt, auch Juden und Muslime feiern Weihnachten irgendwie mit. Viele Juden verbinden es mit ihrem Lichterfest Chanukka, das sie Anfang Dezember acht Tage lang feiern.

Toronto feiert Weihnachten früh. Mitte November schon zieht die Nikolaus-Parade durch Downtown. Das ist eine Art Karnevals-Umzug mit bunten Wagen und Clownskostümen, den es seit etwa 100 Jahren gibt. Anfangs wurde der Weihnachtsmann in einem Wagen durch die Stadt gezogen. Heute fahren riesige animierte Trucks die Hauptstraße lang, die hier Bloor Street heißt. Es gibt einen Verein, der die „Santa Clause Parade“ organisiert und schon Tage vorher sind die Kinder aus dem Häuschen.

In meiner Wohnung steht seit sechs Wochen ein Weihnachtsbaum. Der löst bei mir gemischte Gefühle aus. Kanada hat so schöne Bäume, ganze Wälder voll. Die Provinz Nova Scotia an der Ostküste ist berühmt für ihre Tannen und Kiefern, die sie zum Feste sonstwohin exportiert. Aber dieser, der mir nun im Weg steht, ist eine Draht-Kiefer von ausgesuchter Hässlichkeit.

Anfang November war’s, da räumte meine Mitbewohnerin Mariah die Halloween-Dekoration in die Rumpelkammer. Sofort holte sie den Baum raus, und da steht er nun. Der reichhaltige Behang aus Plastikkugeln und kunterbunten Zuckerstangen macht ihn auch nicht schöner. Ich fragte Mariah, ob das nicht ein bisschen zeitig sei für den Höhepunkt des Jahres. Sie strahlte mich an und jauchzte: „Christmas is my favourite season.“ (Weihnachten ist mein Lieblingsfest.) Ich wollte sagen: Es ist aber noch nicht soweit – blieb dann doch lieber still. Deutsche, die in der Weltgemeinschaft Einwände erheben, stehen oft als Spaßbremsen da.

Drum beschloss ich, diesen Baum mitten im Wohnzimmer zu ignorieren. Erst seit dem ersten Advent nehme ich ihn zur Kenntnis. Er ist nicht schöner geworden, aber er harmoniert mit den Drahtkiefer-Girlanden, die Mariah inzwischen dazu gehängt hat. Es liegen auch schon hübsch verpackte Geschenke drunter, womit wir beim Kern des Themas angekommen wären. Aber dafür ist es wirklich noch zu früh.