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| 18:06 Uhr

Export von Plastikabfällen
Asien als Müllkippe Europas

 Eine Frau sortiert in einer Sammelstelle in Jakarta (Indonesien) Kunststoffflaschen und -becher zum Recycling.
Eine Frau sortiert in einer Sammelstelle in Jakarta (Indonesien) Kunststoffflaschen und -becher zum Recycling. FOTO: dpa / Tatan Syuflana
Berlin. Mehr als eine Million Tonnen Plastikmüll werden jedes Jahr von Deutschland ins Ausland exportiert. Ein Großteil landet in Asien, obwohl  der Müll im Zielland oft nicht recycelt wird. Von Simon Siman

Das deutsche Recyclingsystem steht auf dem Prüfstand. Wieder mal. Immer noch wird weitaus mehr Plastik verbrannt als wiederverwertet. Millionen Tonnen landen im Ausland und zählen damit als recycelt, obwohl dies nicht kontrolliert wird. Der Deutsche Landkreistag hat deshalb ein sofortiges Exportverbot für Plastikmüll gefordert. Was passiert mit dem Plastikmüll?

Wie viel wird recycelt?

6,15 Millionen Tonnen Plastikmüll, sind laut Bundesumweltministerium (BMU) 2017 weggeworfen worden. Zwei Drittel davon kommen aus der Industrie, ein Drittel aus den Haushalten. Die offizielle Recyclingquote liegt bei 46 Prozent. Der Rest wurde zur Energiegewinnung – beispielsweise in Zementwerken – verbrannt: was mit hohem Schadstoffausstoß und Gefahren für Mensch und Umwelt verbunden ist.

Warum kann nicht jedes Plastik recycelt werden?

 Jeder nur denkbare Plastikabfall landet in Asien.
Jeder nur denkbare Plastikabfall landet in Asien. FOTO: dpa / Tatan Syuflana

Sortieranlagen können Verpackungen nur grob voneinander trennen, sagt Norbert Völl, Pressesprecher der Marke Grüner Punkt. Probleme bereiten vor allem sogenannte Multilayer-Materialien, bei denen Hersteller verschiedene Kunststoffe miteinander verarbeiten. Diese müssen zuerst chemisch voneinander getrennt werden. Erst am Ende dieses Prozesses bleibt das sogenannte Rezyklat zurück, mit dem neue Kunststoffprodukte hergestellt werden.

Wie viel wird tatsächlich wiederverwertet?

1,9 Millionen Tonnen Rezyklat sind laut Umweltministerium 2017 in Deutschland entstanden. In Relation zu der Müllmenge sind dies etwa 30 Prozent – im Gegensatz zu den 46 Prozent der Recyclingquote. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Heinrich-Böll-Stiftung werden sogar nur 16 Prozent wiederverwertet. Von den 1,9 Millionen Tonnen hergestellter Rezyklate wurden laut BMU etwa 140 000 Tonnen exportiert. Die restlichen 1,76 Millionen Tonnen machen damit grob zwölf Prozent in der Wiederverarbeitung von etwa 14,4 Millionen Tonnen neuem Plastik aus.

Wie viel wird exportiert?

Nach Zahlen des Umweltbundesamtes (UBA) exportiert Deutschland pro Jahr mehr als eine Million Tonnen Plastikmüll. Seit 2016 gingen mehr als dreieinhalb Millionen Tonnen Plastik ins Ausland. Wie viel davon aus dem Gelben Sack stammt, ist unbekannt. Der überwältigende Teil stamme jedoch aus der Industrie.

Wohin wird exportiert?

Bis März 2018 war China noch die Müllkippe der Welt – auch für Deutschland. „Etwa 400 Dollar pro Tonne haben die Chinesen damals dafür bezahlt. Daraus wurden dann unter anderem Fleece-Pullis oder gelbe Säcke hergestellt, die wir wiederum aus China gekauft haben“, sagt Völl. Dann schloss China seine Grenzen für Kunststoffabfälle. Seitdem geht der deutsche Müll überwiegend nach Malaysia, Indonesien und Indien. Alleine in diese Länder exportierte Deutschland im vergangenen Jahr laut vorläufiger Statistik des Umweltbundesamtes mehr als 260 000 Tonnen Müll – rund die Hälfte davon nach Malaysia. Innerhalb der EU sind die Niederlande mit 120 000 Tonnen der größte Abnehmer.

Wie wird kontrolliert?

Für die Überwachung der Recyclingquoten ist die Zentrale Stelle Verpackungsregister in Osnabrück zuständig. Von der dortigen Vorstandsvorsitzenden Gunda Rachut heißt es, dass Kunststoffe nur an zertifizierte Anlagen gebracht werden, deren Verarbeitung regelmäßig überprüft werde. Das gelte zwar für alle Anlagen, Kontrollen außerhalb der EU fänden jedoch „fast nicht statt“, sagt Rachut. Oberhalb dieser Mindestquote werden Plastikabfälle laut Rachut energetisch verbrannt – und zählen so als recycelt. Erlaubt ist der Export laut BMU nur, wenn der Müll im Zielland auch recycelt werden soll. Dennoch landet Müll aus Deutschland etwa auch auf Deponien in Malaysia, wie Recherchen der Umweltorganisation Greenpeace zeigten. „Wir exportieren in Länder, von denen wir wissen, dass das Entsorgungssystem dort nicht ausgereift ist“, sagt Kay Ruge, Umweltdezernent und stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Landkreistags. Wie mit dem Müll dort umgegangen wird, könne nicht sicher gesagt werden.

Gibt es internationale Regeln?

Das Basler Übereinkommen regelt seit dem Jahr 1995 den weltweiten Umgang mit gefährlichen Abfällen. Mitte Mai dieses Jahres einigten sich die 187 Vertragsstaaten in Genf einstimmig darauf, den Export schlecht recycelbarer Abfälle aus der Europäischen Union in Entwicklungsländer ab 2021 komplett zu verbieten.

 Eine Frau sortiert in einer Sammelstelle in Jakarta (Indonesien) Kunststoffflaschen und -becher zum Recycling.
Eine Frau sortiert in einer Sammelstelle in Jakarta (Indonesien) Kunststoffflaschen und -becher zum Recycling. FOTO: dpa / Tatan Syuflana