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| 18:08 Uhr

Meinungsstark
Er hat noch was zu sagen

Der frühere Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) unterhält sich am Dienstag im Haus der Bundespressekonferenz, zu Beginn einer Debatte zum Kurs der deutschen Außenpolitik, mit Journalisten.
Der frühere Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) unterhält sich am Dienstag im Haus der Bundespressekonferenz, zu Beginn einer Debatte zum Kurs der deutschen Außenpolitik, mit Journalisten. FOTO: dpa / Wolfgang Kumm
Berlin. Ex-Außenminister Gabriel mischt weiter umtriebig mit – nicht immer zur Freude seiner Partei. Von Hagen Strauss

  Der neue Sigmar Gabriel verzichtet jetzt gerne auf die Krawatte und trägt ein lässiges Polo-Shirt unter seinem Sakko. Sobald er jedoch das Wort ergreift, ist der frühere SPD-Chef und Bundesaußenminister ganz der Alte – er stichelt, er doziert, er erklärt die Welt. Kein anderer Minister, der nach der Bundestagswahl sein Amt verloren hat, mischt sich derart umtriebig in die Tagespolitik ein wie Gabriel. Er will gehört und nicht vergessen werden.

Am Dienstag bot sich dafür in Berlin wieder eine Gelegenheit jenseits von Gastbeiträgen und Interviews, die Gabriel gerne geschickt mit politischen Spitzen garniert. So ist er, so war er immer. Deswegen war der Saal im Haus der Bundespressekonferenz voll und viele Kamerateams gekommen. Der 58-Jährige saß bei der Vorstellung des Buches „Wir verstehen die Welt nicht mehr. Deutschlands Entfremdung von seinen Freunden“ des Journalisten Christoph von Marschall auf dem Podium. Ein Thema für ihn wie auf dem Silbertablett serviert. Gabriel wird dazu Mitte September auch ein eigenes Buch vorstellen: „Zeitenwende in der Weltpolitik“.

Deutschland müsse endlich „geostrategische Verantwortung“ übernehmen. „Das Land muss strategisch erwachsen werden“, forderte Gabriel. Mehr Mut, mehr Selbstbewusstsein, mehr Einfluss. Und das zügig. Außerdem müsse sich die Republik von ihrem „moralischen Rigorismus“ verabschieden, der sogar in einer „albernen“ Debatte gipfele, ob der türkische Präsident Erdogan bei seinem Staatsbesuch Ende September mit militärischen Ehren empfangen werden dürfe. „Na, klar!“, so der Mann aus Goslar. Allerdings: Gerade mit Blick auf die Türkei hatte er auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um inhaftierte Deutsche noch anders argumentiert. Das war vor einem Jahr.

Nun hat der Genosse in den vergangenen Jahren Deutschlands Rolle in der Welt mitgeprägt – zuletzt auch noch zu Zeiten des Brexits und Donald Trumps. Fast acht Jahre war er SPD-Vorsitzender, er war Wirtschaftsminister, Vizekanzler und Außenminister. Gerade mal fünf Monate ist das her. Wer so mächtig und anerkannt ist, den trifft doch gewiss eine Mitschuld, dass die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Erde sich offenbar der Illusion hingibt, nichts ändern zu müssen. Oder etwa nicht? Gabriels Antwort darauf: „In der SPD ist es ohnehin üblich, dass ich an allem schuld bin. Also hier auch.“ Das sei natürlich spaßig gemeint, schob er rasch nach. Wirklich?

In Wahrheit dürften die alten Stacheln weiterhin tief sitzen, und Gabriels Umtriebigkeit könnte ein Zeichen dafür sein, dass er noch lange nicht abgeschlossen hat mit seinem erzwungenen Karriereende in der Regierung. „Respektlos“ sei der Umgang in der SPD miteinander geworden, hatte er sich beklagt, nachdem ihm von Andrea Nahles und Olaf Scholz der Stuhl vor die Tür gestellt worden war. Für viele in der SPD, die ihrerseits unter seiner sprunghaften und harten Führung gelitten hatten, war die Äußerung freilich der Gipfel der Unverschämtheit. Mit einigen der alten SPD-Weggefährten hat sich Gabriel seitdem überworfen. Aber nicht mit allen. So sollen er und Martin Schulz, über den er nach der verlorenen Bundestagswahl in der ersten Wut übel redete, dem Vernehmen nach wieder miteinander im Reinen sein. Und Frank-Walter Steinmeier, den Gabriel ins Amt des Bundespräsidenten verhalf, wird voraussichtlich die Festrede halten, wenn er in gut einem Monat die Ehrenbürger-Würde seiner Geburtsstadt Goslar verliehen bekommt.

Dass man noch viel von Gabriel hören und lesen wird, hatte er Ende Juni quasi offiziell auf seiner Homepage mitgeteilt. Damals hatte das Bundeskabinett die Erlaubnis erteilt, dass er für die Zeitungen des Holtzbrinck-Verlages schreiben darf. Manch einer in der SPD empfand die Ankündigung als Drohung. Offenbar aus gutem Grund: So empfahl er beispielsweise in einem Text der Partei- und Faktionschefin Andrea Nahles öffentlich eine härtere Gangart in der Flüchtlingspolitik. Das sorgte für jede Menge Unmut bei den Genossen. Nach einer Karenzzeit wird Gabriel 2019 auch in den Verwaltungsrat des neuen deutsch-französischen  Schienenfahrzeugherstellers Siemens-Alstrom gehen.

 Wer ihn kennt, ahnt: Er wird sich weiter einmischen und sich nicht wie andere Ex-Minister aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Wenn man so will, spricht dafür auch ein ungewöhnliches Foto, das in dieser Woche gedruckt wurde: Es zeigt Gabriel mit Ehefrau und seinen kleinen Töchtern, die aber nicht unkenntlich gemacht wurden. Er hätte darauf verzichten können.