| 02:37 Uhr

"Es war aufschlussreich für unentschiedene Wähler"

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stellte sich am Sonntag ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD).
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stellte sich am Sonntag ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD). FOTO: dpa
Berlin. Das TV-Duell zwischen den Spitzenkandidaten von Union und SPD ist besser als sein Ruf. Und es war am Sonntag recht aufschlussreich insbesondere für unentschiedene Wähler.

Das erklärt Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim (Baden-Württemberg).

Herr Brettschneider, wie hilfreich war das Duell für die persönliche Wahlentscheidung?
Brettschneider Die klassischen Stammwähler von Union und SPD sind davon nicht zu beeindrucken. Sie fühlen sich in ihrer eigenen Meinung eher noch bestätigt. Wichtiger sind die noch nicht entschiedenen Wähler. Sie werden festgestellt haben, dass es zwischen den beiden Kandidaten viele Gemeinsamkeiten und wenig Unterschiede gibt.

Und was folgt daraus?
Brettschneider Die noch Unentschiedenen können entweder in weiteren Sendungen nach Unterschieden zwischen Union und SPD suchen. Oder sie können schauen, was die kleinen Parteien inhaltlich zu bieten haben. Da gibt es auf jeden Fall größere Unterschiede.

Viele haben das starre Korsett der Sendung beklagt. Sie auch?
Brettschneider Im Grundsatz ist das TV-Duell besser als sein Ruf. Viele Bürger schätzen es, auch mal länger am Stück Positionen zu bestimmten Themen zu hören und nicht wie in den gängigen Talk-Shows nur 15-Sekunden-Statements, die im schlimmsten Fall auch noch wild durcheinander abgesondert werden. Ein paar Reformen an diesem TV-Format wären allerdings sinnvoll.

Nämlich welche?
Brettschneider Die wichtigste Lehre des Sonntags muss sein, die Themenauswahl bürgernäher zu gestalten. Es ist unverständlich, dass mehr als die Hälfte der Sendung für die Zuwanderung und die Türkei-Politik draufging. Beides ist sicher wichtig. Aber wenn der Wohnungsbau oder der Klimawandel überhaupt keine Rolle spielen, dann läuft etwas schief.

Was schlagen Sie vor?
Brettschneider Ein Meinungsforschungsinstitut könnte eine Woche vor einem solchen Duell die Bürger nach ihrer Themenpräferenz fragen, an die sich Fragesteller und Gefragte dann auch halten müssen. Übrigens: Vier Moderatoren braucht kein Mensch. Zwei sind völlig ausreichend. Gern auch für zwei Duelle, das eine zur Innen- und das andere zur Außenpolitik. Dann könnten nämlich auch Passagen eingebaut werden, in denen die beiden Kandidaten stärker miteinander diskutieren und nicht nur schulmäßig abgefragt werden.

Allen Umfragen zufolge hat Merkel das Duell gewonnen. Was hat Schulz falsch gemacht?
Brettschneider Schulz hat nicht deutlich machen können, warum er der Bessere ist, warum man ihn bevorzugen soll statt Merkel. Schulz hätte viel selbstbewusster auf die Erfolge der SPD in der Großen Koalition hinweisen können. Für den kleineren Regierungspartner ist es nie gut, so zu tun, als sei er Oppositionspartei. Zwar schreiben die Wähler der SPD beim Thema soziale Gerechtigkeit die größte Kompetenz zu. Noch vor der CDU. Aber ihr fehlt hier schlicht die zündende Botschaft, zumal es dem Land insgesamt gut geht.

Der Ausgang des Duells hat die allgemeine Überzeugung bestärkt, dass Merkel Kanzlerin bleibt. Wie sehen Sie das?
Brettschneider Entschieden ist hier noch gar nichts. Die Union wird mehr Stimmen bekommen als die SPD. Damit liegt Merkel vor Schulz. Das kann man jetzt schon sagen. Aber Kanzlerin muss sie deshalb noch lange nicht bleiben. Beide Lager brauchen Koalitionspartner. Da können am Ende ein paar Tausend Stimmen entscheiden. Und das wird sich erst am Wahltag herausstellen.

Also doch kein Wahlkampf im Schlafwagen für Merkel?
Brettschneider Im Gegenteil. Der Wahlkampf fängt jetzt erst richtig an.

Mit Frank Brettschneider

sprach Stefan Vetter