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| 18:51 Uhr

Lehman-Pleite
Erschütterungen bis heute

Rettung durch die Politik: Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück verkünden unter höchstem Druck am 5. Oktober 2008 die Sicherheit der Spareinlagen der Bürger.
Rettung durch die Politik: Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück verkünden unter höchstem Druck am 5. Oktober 2008 die Sicherheit der Spareinlagen der Bürger. FOTO: dpa / Rainer Jensen
New York/Berlin. Banken-Kollaps ohnegleichen: Die Lehman-Pleite jährt sich heute zum zehnten Mal. dpa

Die Banker packten ihre Sachen und verließen mit Kartons das Hochhaus, Bilder verstörter Börsianer machten die Runde. Es hieß immer „too big to fail“, und nun wurde eine Bank nicht vom Staat gerettet. An diesem Samstag vor zehn Jahren erschütterte der Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers die Finanzmärkte und brachte die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs. Mit Hunderten Milliarden an Notfallkrediten aus Steuermitteln und drastischen Zinssenkungen versuchten Politik und Notenbanken, weitere Geldhäuser zu retten und den Absturz der Konjunktur zu bremsen. Das Schlimmste konnte zwar verhindert werden, doch der Preis dafür war hoch.

Nicht nur in der Finanzwelt hat sich das Datum eingebrannt: „Den 15. September 2008 werde ich niemals vergessen“, sagt Chefvolkswirt Jörg Krämer von der Commerzbank. Die Lehman-Pleite markiert genau genommen nur eine Eskalationsstufe der Finanzkrise, steht damit aber für eines der schwärzesten Kapitel der Wirtschaftsgeschichte – Millionen Menschen wurden arbeitslos, viele verloren ihre Eigenheime oder Ersparnisse. Die Folge waren tiefe gesellschaftliche Risse, denn während verantwortliche Manager kaum belangt wurden, zahlte die breite Bevölkerung die Zeche. Die Wut darüber bereitete radikalen politischen Strömungen den Boden.

Wie konnte es so weit kommen? „Lehman war keine besonders große Bank, doch sie hätte beinahe das globale Finanzsystem in den Abgrund gezogen“, erklärt Experte Harold James von der Universität Princeton. Mit vielen Töchtern und Zweckgesellschaften sei Lehman typisch für das Dickicht der Finanzmärkte gewesen, in dem faule Immobilienkredite zu toxischen Wertpapieren verpackt und – mit dubiosen Gütesiegeln großer Ratingagenturen versehen – weltweit bei Investoren platziert wurden. Als die Preise am US-Häusermarkt zu sinken begannen und die Hypotheken der heillos überschuldeten Eigenheimer wertlos wurden, sorgten diese internationalen Verflechtungen für einen Flächenbrand.

Obwohl die schwerste Finanzkrise seit der großen Depression der 1930er-Jahre ihren Ursprung in den USA hatte, richtete sie auch in Deutschland viel Schaden an und hinterließ tiefe Spuren. Am 5. Oktober 2008 verkündeten Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) in Stunden höchster Anspannung eine gewaltige Garantie: Die Spareinlagen der Bürger sind sicher. Sie taten das kommunikativ etwas holprig, sodass die Tragweite der Worte zunächst unklar blieb. Mit der nicht näher erläuterten Garantie sollte ein massenhaftes Abheben von Sparguthaben und ein Zusammenbruch des Finanzsektors vor der nächsten Börsenwoche abgewendet werden. Doch der folgende Wirtschaftseinbruch war tief.

Mit Kurzarbeit und Milliardenhilfen wurden aber mehr als 1,5 Millionen Jobs in der Krise gerettet. „Nur ein Handeln des Staates kann jetzt das notwendige Vertrauen zurückbringen“, sagte Merkel. „Wir tun das nicht im Interesse der Banken, sondern im Interesse der Menschen.“ Doch viele Bürger empfanden das Gegenteil. Zudem schwappte die Krise im Zuge der Rettungsmaßnahmen bald von der privaten Wirtschaft zu den öffentlichen Finanzen über. Besonders schwer waren die Verwerfungen in Griechenland.

„Scheitert der Euro, scheitert Europa“, wurde nun zu Merkels Dogma – weitere Rettungspakete waren die Folge. Als Anti-Euro-Partei gründete sich die Alternative für Deutschland (AfD), nach mehreren Häutungen und Vorsitzendenwechseln zieht die AfD heute ihre Stärke vor allem aus der Ablehnung von Merkels Flüchtlingspolitik. Aber die AfD verkörpert auch die Unsicherheit vieler Bürger nach der Finanzkrise. Auch in den USA gelten die gesellschaftlichen Folgen der Krise als Wegbereiter radikaler politischer Bewegungen wie der Tea Party oder Occupy Wall Street, die zusammen mit den sozialen Medien letztlich auch die Präsidentschaft von Donald Trump begünstigten.

Ist der Finanzsektor heute wenigstens krisenfester aufgestellt? Daran gibt es durchaus Zweifel. In den USA ist die Trump-Regierung schon wieder dabei, die Gesetze aus der Obama-Ära zu lockern, die als Lehre aus der Finanzkrise beschlossen worden waren. In Deutschland wurden zwar seit 2008 rund 50 Gesetze vom Finanzmarktstabilisierungs- bis zum Hochfrequenzhandelsgesetz auf den Weg gebracht, aber Kritiker sehen immer noch zu wenig Schutz – vor allem weil die Banken nicht zu mehr Rücklagen und höheren Eigenkapitalquoten verpflichtet würden. Und eine der Folgen für die Bürger sind heute die niedrigen Zinsen.

Der Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick hat im Bundestag immer wieder für härtere Maßnahmen gekämpft. Sein Urteil zehn Jahre danach fällt ernüchternd aus: „Was 2008 als Bankenkrise begann, wurde rasant zur Eurokrise. Statt die Krise grundlegend zu lösen, haben die Bundesregierungen unter Angela Merkel immer nur die Symptome bekämpft“, kritisiert er. „Inzwischen breitet sich die Krise auch auf SparerInnen, MieterInnen und HauskäuferInnen aus: Auch dank niedriger Zinsen explodieren Mieten und Hauspreise, und die private Altersvorsorge vieler schmilzt dahin.“ Zudem geraten Lebensversicherungen zunehmend unter Druck. Die Lage bleibt also fragil.