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Gott und die welt
Erinnerungstage sollen nicht nur Vergangenes bedenken, sondern Gegenwart werden.

So verrückt wie in diesem Jahr scheint es noch nie gewesen zu sein - mit so vielen jubiläumsträchtigen Ereignissen: dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges und dem Ende des Ersten Weltkrieges, mit Karl Marx und Martin Luther King, der 68-er Revolte. Ist 2018 einfach nur so eine Art Super-Jubiläumsjahr, oder hat es mit dem zunehmenden Alter zu tun, das unser Blick häufiger als sonst sich der Vergangenheit zuwendet? Steigt die Zahl der Jubiläen nur deshalb, weil die aufzeichnungsfähige Welt, je älter sie wird, schlicht und einfach immer mehr Jubiläen produziert? Vielleicht stimmt alles ein bisschen, ungeklärt aber bleibt dabei die Frage, warum ein Jubiläum (und dazu zählt auch der berüchtigte sogenannte runde Geburtstag) eigentlich so wichtig, derart bedenkenswert ist? Sicher, es gibt Anlass, sich an dies und das noch einmal zu erinnern und sich dabei - aus inzwischen gereifter Rückschau - über dies und das mehr Klarheit zu verschaffen. Indem wir Vergangenes reflektieren, also im wahrsten Wortsinn widerspiegeln, können wir im besten Fall etwas für uns und unser Leben heute erfahren, besser erkennen. Dass wir dadurch auch Fehler vermeiden, die die Menschen vor uns begangen haben, ist gerade bei Kriegsjubiläen ein hehrer Wunsch; die Geschichte zeigt, dass er allzu oft ein frommer Wunsch bleibt. Als das Jubiläum "erfunden" wurde, hatten die Menschen vor allem die Gegenwart im Sinn. Das alttestamentliche Jubeljahr fand seine christliche Entsprechung 1300 mit dem ersten Heiligen Jahr. Mit der Erinnerung auch an die Geburt Jesu Christi wird nicht an Vergangenes erinnert, sondern an einen Ausgangspunkt, von dem der Glaube und unsere Hoffnung auf Erlösung den Anfang genommen haben. Dieses Jubiläum ist als eine erinnerte, stets wiederkehrende Gegenwart gedacht.

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(RP)