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| 08:29 Uhr

Istanbul
Erdogans Widersacher

Istanbul. Nur einer könnte Sultan Erdogan noch aufhalten - sein einstiger Weggefährte Abdullah Gül. Wenn er gegen ihn antritt. Susanne Güsten

Nur einer könnte Sultan Erdogan noch aufhalten - sein einstiger Weggefährte Abdullah Gül. Wenn er gegen den Präsidenten antritt.

Wo betet Abdullah Gül an diesem Freitag? Die Frage ist nicht unwichtig für die Zukunft der Türkei und alle, die mit ihr zu tun haben. Der frühere Staatspräsident ist ein frommer Mann und besucht, wo immer er ist, zum Freitagsgebet stets die Moschee. Und wenn er etwas zu sagen hat, dann tut er das freitags nach verrichtetem Gebet vor der Moschee, wo deshalb immer ein Schwarm von Reportern auf ihn wartet. Viel hat Gül nicht mehr zu sagen, seit sein alter Weggefährte Recep Tayyip Erdogan ihn ausrangiert und kaltgestellt hat. Nur manchmal merkt er milde an, dass der Ausnahmezustand endlich aufgehoben werden solle, dass die eingesperrten Journalisten freigelassen werden sollten, dass die Türkei zu Demokratie und Reformen zurückkehren solle. Gebessert hat sich nichts, doch das wäre diesmal anders: Mit ein paar Worten könnte Gül am Freitag alles verändern.

Denn es gibt nur einen einzigen Mann in der Türkei, der das Sultanat von Erdogan noch verhindern kann, und das ist Abdullah Gül. Demokratisierung, Frieden mit den Kurden, EU-Beitritt - das waren seine Ziele als Staatspräsident, als Ministerpräsident, als Außenminister und als Mitbegründer der AKP. Seit Erdogan diese Ziele aus der AKP verdrängt hat wie ihn selbst, hat Gül sich aus der Politik zurückgezogen - und dennoch hängen in diesen Tagen die Hoffnungen von Millionen Türken an ihm. Sollte sich der 67-jährige Gül zur Kandidatur bei der Präsidentenwahl am 24. Juni entschließen, könnte er die ansonsten hoffnunglos zersplitterte Opposition hinter sich vereinen. Ihn würden - wenn auch widerwillig - sowohl die Kurden als auch die Kemalisten wählen, um Erdogan zu verhindern. Hinzu kommt eine wachsende Zahl von AKP-Anhängern, denen Erdogans Kurs nicht geheuer ist. Die große Frage ist: Wird er es wagen?

Gemeinsam schafften Gül und Erdogan einst das Unmögliche: Aus dem Stand heraus holte die von ihnen gegründete islamisch-konservative Partei AKP bei der Wahl im November 2002 die absolute Mehrheit der Stimmen im türkischen Parlament. Der Sieg war eine politische Zäsur für das Land, eine Revolution an der Wahlurne - und jetzt hätte Gül die Chance, das noch einmal zu schaffen.

Der große Unterschied ist aber, dass Gül diesmal gegen Erdogan antreten müsste. In seiner aktiven Zeit war er ein treuer Gefährte des heutigen Staatspräsidenten. Gül übernahm zunächst kommissarisch für Erdogan das Amt des Ministerpräsidenten und übergab es im Jahr 2003 an ihn, sobald dieser die Hürde eines politischen Betätigungsverbotes überwunden hatte. Vier Jahre später schaffte Gül als erster türkischer Präsident aus dem religiösen Lager eine Zeitenwende.

Als Präsidentschaftskandidat könnte er die Türkei gewissermaßen vor dem Präsidialsystem retten, das Erdogan bei der Wahl im Juni vollenden will. Erdogan will sich auf Dauer zentrale Machtbefugnisse sichern und eine Ein-Mann-Regierung bilden. Auch in der AKP hat der heutige Präsident die Macht nicht teilen wollen. Alte Mitstreiter wie Gül oder den früheren Parlamentspräsidenten Bülent Arinc hat er kaltgestellt und obendrein den Reformprozess abgewürgt.

Und Gül schaute zu. Kritiker halten ihn für einen Zauderer, der sich aus Furcht vor Erdogan nicht aus der Deckung wagt. "Er ist ein Schwächling", sagt Ahmet, ein Istanbuler Teehausbesucher.

Dennoch setzen in diesen Mann und seinen Mut die Erdogan-Gegner aus allen politischen Lagern ihre Hoffnungen. Kein anderer Politiker kann Erdogan so gefährlich werden wie Gül. Meral Aksener, die Chefin der neuen rechtspopulistischen Partei Iyi Parti, wildert zwar mit einigem Erfolg in der konservativen Stammwählerschaft der AKP, wird aber als knallharte Nationalistin und ehemalige Innenministerin von den Kurden abgelehnt, die mehr als zehn Prozent der türkischen Wähler stellen. Der charismatische Chef der legalen Kurdenpartei HDP, Selahattin Demirtas, sitzt wie andere Spitzenpolitiker seiner Partei im Gefängnis. Kemal Kilicdaroglu, als Chef der säkularen Partei der Sozialdemokraten CHP, nominell der Oppositionsführer, ist farblos und politisch ungeschickt. Eine gemeinsame Mobilisierung der Erdogan-kritischen Wähler ist weder mit Aksener noch mit Kilicdaroglu möglich.

Wohl aber mit Abdullah Gül. "Die Iyi Parti, die CHP und die MHP sollten sich hinter Gül stellen, das wäre etwas", sagt ein kurdischer Kleinhändler aus Istanbul, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung sehen will. "Wenn alle auf Gül setzen, dann ist es vorbei mit Erdogan."

Um Präsident zu werden, braucht ein Kandidat mindestens 50 Prozent der Stimmen. Erdogan will das Ziel beim ersten Wahlgang am 24. Juni erreichen - Güls Bewerbung könnte sicherstellen, dass daraus nichts wird. In einer Stichwahl Anfang Juli könnte Gül dann zum gemeinsamen Kandidaten der Opposition werden. Dann hätte sich Recep Tayyip Erdogan grandios verzockt. Laut den Umfragen kann sich Erdogan selbst ohne Gegenkandidatur Güls nicht sicher sein, dass er die 50-Prozent-Marke erreicht. Mit Gül im Rennen würden seine Chancen drastisch sinken.

Antreten könnte Gül als Kandidat der kleinen islamistischen Saadet-Partei. Ironischerweise ist die Saadet die politische Nachfolgerin jener Islamisten-Organisation, aus der Gül und Erdogan vor fast 20 Jahren ausstiegen, um die neue AKP zu gründen. Damals galt die Saadet als verknöcherter Altherren-Verein - doch heute positioniert sich die Partei geschickt als rechte Reform-Alternative zur AKP. Saadet-Chef Temel Karamollaoglu will in den nächsten Tagen mit Gül über eine Kandidatur reden. Millionen Türken warten auf seine Antwort.