| 09:16 Uhr

Berlin
Er will es immer noch allen zeigen

Berlin. Radikal im Leben, in der Liebe, in der Politik - Joschka Fischer fasziniert auch noch mit 70. Gregor Mayntz

Es ist der 7. Februar 1999, als ein Bundeswehr-Jet in Frankfurt abhebt und Kurs auf Dakar nimmt. An Bord ist Bundesaußenminister Joschka Fischer, seit gerade einmal hundert Tagen im Amt und als amtierender EU-Ratsvorsitzender in der Pflicht, im Senegal zu den 71 Vertretern der afrikanisch-karibisch-pazifischen Staaten zu sprechen. Aber er findet kaum Gelegenheit, sich vorzubereiten. Die meiste Zeit des Fluges verbringt er mit Telefonieren. Denn gerade ist für seine hessischen Grünen die Welt untergegangen. Überdies hat Rot-Grün durch die unerwartete Landtagswahlniederlage die Mehrheit im Bundesrat verloren. Das fordert ihn als Vizekanzler und mehr noch als heimlichen Herrscher der Grünen.

Das genau ist seine Position in dem bislang einmaligen rot-grünen Projekt auf Bundesebene: Er ist nicht mehr als Fraktionschef und schon gar nicht als Parteichef zu fassen. Man kann ihn nicht wählen und nicht abwählen. Er ist die entrückte Ausnahmefigur in einer eigentlich basisdemokratischen Partei, die sich immer noch als pazifistisch versteht und von Fischer schon sechs Wochen später gezwungen wird, den ersten Krieg zu führen. Fischer wähnt sich in diesen Wochen "wie in einer einzigen Achterbahnfahrt". Seine Regierung ist bereits vor Amtsantritt von den USA auf den Balkan-Krieg vorbereitet worden. Und nun drohen alle die Nerven zu verlieren.

Es kommt mal wieder dicke für den Mann, der seit 1994 die Grünen und sich selbst auf Macht getrimmt hat. Die Flegeljahre sind vorbei, die Protestpartei gibt sich staatstragend und ist dabei, sich selbst zu verlieren. Es ist so ganz anders geworden, als es sich Gerhard Schröder und Fischer Jahre zuvor in der Bonner Kneipe "Provinz" in Bierlaune ausmalten, als sie ihr erstes Kabinett auf einen Bierdeckel schrieben.

Als "Monsieur le Président" wird Fischer in der Nacht in Senegal begrüßt. Solche Augenblicke täuschen ihn nicht darüber hinweg, dass Schröder in der Koalition der Koch und Fischer allenfalls der Kellner sein soll. Vor den Wahlen hat er wochenlang in Abrede gestellt, Außenminister werden zu wollen. Am Tag seiner Ernennung düst er sofort los nach Paris, nach London und nach Warschau, entert das diplomatische Parkett, als hätte er sich sein Leben lang auf nichts anderes vorbereitet.

Dabei hat das Leben davor so viele Brüche, dass ihre Anzahl eigentlich für mehrere Leben reicht. Zwischen Messdiener und Minister liegen bei dem Metzgerssohn mit ungarischen Familienwurzeln ein abgebrochener Versuch, das Abitur zu machen, eine aufgegebene Idee, eine Fotografenlehre zu absolvieren, ein gescheitertes Bemühen, bei Opel die Arbeiter für die Revolution zu begeistern. So radikal Fischer sich ab 1998 in die Außenpolitik wirft, so radikal hat er sich 1967 in die Studentenbewegung geworfen, ohne selbst formal Student zu sein. Fotos vom Fischer als steineschmeißendes Mitglied der Frankfurter "Putzgruppe" holen ihn als Vizekanzler wieder ein. Er bedauert die Straßenschlachtphase und versichert, das bereits beim Abdriften der Stadtguerilla in den Linksterrorismus erkannt zu haben.

Die Provokation zieht mit den Grünen 1983 in den Bundestag ein. Fischer ist immer einen Tick provokanter, wird prominent. Nicht nur, weil er den Bundestagsvizepräsidenten als "Arschloch" beschimpft. Sondern auch, weil er 1985 in Jeans und Turnschuhen den Amtseid als hessischer Umweltminister leistet. Aus dem Bundestag ist er längst rausrotiert, und auch die erste Regierungszeit in Hessen hält nicht. Ab 1991 wird er bei der zweiten Auflage von Rot-Grün in Wiesbaden beständiger, und 1994 übernimmt er die Führung der grünen Bundestagsfraktion. Der schwergewichtige Fischer jagt den schwergewichtigen Kohl. Doch bevor er ihn zur Strecke bringen kann, hat er sich um 40 Kilo erleichtert und zum schlanken Nadelstreifenanzugsträger gejoggt.

Rote Farbbeutel verletzen Monate später sein Ohr. Sie fliegen auf dem Kriegsparteitag gegen seinen Kopf, als er die Grünen dazu bringt, ihm bei "Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus" zu folgen. Kein anderer hätte die Koalition an diesem wunden Punkt zusammenhalten können. Und Fischer liefert auch die griffigste Formulierung für die Nichtbeteiligung Deutschlands 2003 am Irakkrieg. "I am not convinced", er sei nicht überzeugt, rief er der US-Delegation bei der Münchner Sicherheitskonferenz entgegen.

Später wird er als Meisterstratege erläutern, er habe Außenminister werden müssen, damit die Trennlinie nicht zwischen SPD und Grünen, sondern zwischen Grünen in der Regierung und grüner Partei verlief. Aber wer Fischer erlebte, wie er im Schein der über dem See Genesareth untergehenden Sonne den Fischerplan für die Befriedung des Nahen Ostens entwickelte, der bekommt schon mehr als eine Ahnung davon, wie sehr er das Außenamt auch als Lebensbestimmung eines Autodidakten begriff, es der ganzen Welt zeigen zu können.

Er tritt 2006 so radikal ab, wie er stets radikal aufgetreten ist. Im Leben mit Steinen, Worten, Rhetorik und Jojo-Gewicht. In der Liebe mit fünf Ehen. Und er tut alles, um in die Rolle des weisen Elder Statesman hineinzuwachsen, zum Geburtstag mit neuem Buch: Wie er sich um Europa sorgt - und was die nach ihm tun müssen.