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| 18:38 Uhr

Politik
Weltweiter Engpass bei Medikamenten trifft Patienten

 Fällt in China eine Maschine aus, kann es für deutsche Patienten eng werden.
Fällt in China eine Maschine aus, kann es für deutsche Patienten eng werden. FOTO: dpa / Friso Gentsch
Berlin. Immer häufiger müssen Apotheken – und damit auch Patienten – auf Medikamente warten. Von Hajo Zenker

Von Hajo Zenker

„Wir rennen den Medikamenten permanent hinterher.“ Für Apotheker Jens Andreas aus Strausberg ist die aktuelle Liefersituation kein Spaß. Dass man nicht alles vorrätig haben kann und deshalb etwas bestellt wird, ist klar. Dass immer mal wieder Arznei aus anderen Ecken Deutschlands beschafft werden muss, was für den Patienten länger als sonst gewohnt dauert, ist nicht neu. Dass beim Großhandel aber ein bestimmtes Mittel gar nicht mehr zu bekommen ist, kommt immer mal wieder vor – nimmt aber enorm zu.

Pro Monat ordert der Apotheker deshalb rund 100 Mal direkt beim Hersteller. Aber auch der ist längst nicht immer lieferfähig. Dass ein Patient sechs, sieben, acht Wochen auf sein Mittel warten muss, gibt es immer wieder. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) listet aktuell 470 Medikamente auf, für die es 2019 Lieferengpässe auf Wochen oder Monate gibt oder gab. Gängige Antibiotika, Schmerzmittel, Blutdrucksenker sind darunter.

Das Dilemma für die Apotheken begann aus der Sicht von Jens Andreas endgültig 2007, als die Krankenkassen damit starten durften, mit den Arzneimittelproduzenten Rabattverträge abzuschließen. Das geht so: Die Kassen schreiben Rabattverträge aus. Dabei sagen Pharmahersteller einen satten Nachlass auf den offiziellen Apothekenpreis zu. Dafür nutzt die Kasse für ihre Versicherten nur das Präparat dieser Anbieter. Der niedrigste Preis gewinnt. Die Laufzeit beträgt zwei Jahre.

2018 haben laut Bundesgesundheitsministerium die Krankenkassen 4,4 Milliarden Euro Nachlass erhalten. Nach Angaben des Lobbyverbandes Pro Generika zahlten die Kassen den Herstellern nur sechs Cent pro Tagesration eines Generikums, während ein patentgeschütztes Präparat mit 4,38 Euro zu Buche schlage.

Generika sind Nachahmerpräparate, die nach Patentablauf viel billiger als das Original angeboten werden. Acht von zehn verschriebenen Medikamenten sind Generika. Gut ein Drittel der Rabattverträge schließen die Kassen mit nur einem einzigen Anbieter ab.

Für Pro Generika treibt das die Branche immer weiter in die Monopolisierung. Die Rabattverträge zwischen den Kassen und oft nur einem Hersteller, sagt Geschäftsführer Bork Bretthauer, hätten „zu massivem Kostendruck und zu einer bedrohlichen Marktverengung geführt“. So werde das Arzneimittel Methotrexat, das gegen Krebserkrankungen und Rheuma eingesetzt wird, fast vollständig – nämlich zu 97 Prozent – von nur drei Herstellern produziert.

Auch der Versorgungsengpass beim Wirkstoff Oxytocin, der in diesem Jahr für Schlagzeilen sorgte und bei der Versorgung von Gebärenden im Kreißsaal benötigt wird, sei auf „die Marktverengung auf nur zwei Anbieter“ zurückzuführen – einer davon konnte zeitweise nicht liefern. Weiteres Problem: Hersteller, die nicht den Zuschlag bei einem Rabattvertrag erhalten haben, reduzieren ihre Produktion drastisch oder stellen sie gar bis zur nächsten Ausschreibung ein. Was bedeutet, dass kein Ersatz zur Verfügung steht, wenn der neue Rabattpartner der Krankenkasse nicht lieferfähig sein sollte.

Auch für den Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie zieht „das Kassen-Prinzip, die größtmögliche Einsparung zu erzielen, immer häufiger versorgungskritische Situationen nach sich“, meint Vorstandschef Martin Zentgraf. Er fordert ein Rabatt-Verbot für Wirkstoffe, die als „versorgungsrelevant“ gelten – also Stoffe, die nur noch von drei oder weniger Unternehmen angeboten werden.

Die Krankenkassen sehen das naturgemäß anders. Von der AOK, Einsparsumme 2018 durch Rabattverträge 1,8 Milliarden Euro, heißt es, „globale Arzneimittel-Lieferschwierigkeiten haben nichts mit Rabattverträgen zu tun“. Engpässe hätten meist technische Ursachen im Produktionsablauf, wenn Maschinen ausfielen, Rohstoffe nicht geliefert werden oder nicht den Qualitätskriterien entsprächen, betont AOK-Sprecher Kai Behrens. Als Beispiel nennt er das Schmerzmittel Ibuprofen. Das Lieferproblem sei Folge eines Produktionsstopps wegen eines defekten Teiles bei BASF in Texas, weshalb die anderen fünf Hersteller den Ausfall auffangen müssten. Dazu komme gestiegener Bedarf aus Grippewellen. „Solch eine komplexe, globale Situation kann zu Lieferengpässen führen, weltweit.“

Von 63 Wirkstoffen, die in diesem Frühjahr als Mangelware gelistet waren, hätten lediglich bei sieben Wirkstoffen Rabattverträge einzelner Krankenkassen bestanden. Allerdings räumt Behrens ein, dass bei besonders häufig verordneten Wirkstoffen die AOK zum Teil von einem Anbieter auf drei Hersteller gewechselt habe, um Probleme zu minimieren. Da sei man flexibel – angesichts der zweijährigen Vertragslaufzeiten allerdings mit Verzögerung.

Dass häufig nur noch einzelne Hersteller die Produktion in der Hand haben, bestreitet die AOK nicht – laut Kai Behrens werden 161 verschreibungspflichtige Wirkstoffe des Generikamarktes von weniger als vier Unternehmen angeboten. Laut der Unternehmensberatung Roland Berger kommen bei Antibiotika mehr als 80 Prozent der Wirkstoffe von außerhalb der EU, zumeist aus China und Indien. Teilweise gebe es nur zwei oder drei relevante Produzenten. Grund dafür sei der Preiskampf.

An einem Problem in China leidet auch Deutschland noch immer – vor einem Jahr waren alle Valsartan-Blutdrucksenker, die ihren Wirkstoff aus China erhalten hatten, aus dem Verkehr gezogen worden. Wegen Verunreinigungen, die krebserregend sein können.  Eine Million deutsche Patienten waren betroffen. Die wurden daraufhin häufig auf den Blutdrucksenker Candesartan umgestellt – mit der Folge, dass heute neben Valsartan auch Candesartan Mangelware ist.

 Fällt in China eine Maschine aus, kann es für deutsche Patienten eng werden.
Fällt in China eine Maschine aus, kann es für deutsche Patienten eng werden. FOTO: dpa / Friso Gentsch