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| 19:25 Uhr

Europäische Union
Ein Niederbayer will nach ganz oben

Manfred Weber sieht sich selbst in der EU vor allem als „Brückenbauer“.
Manfred Weber sieht sich selbst in der EU vor allem als „Brückenbauer“. FOTO: dpa / Emmanuel Dunand
Brüssel. CSU-Vize Weber wirft seinen Hut in den Ring und will an die Spitze der EU-Kommission. Von Markus Grabitz

Dieser Bayer ist in Brüssel und Straßburg bekannter als in Deutschland. Mittwochmittag tritt der Niederbayer Manfred Weber in sommerlich hellbraunem Anzug in Brüssel vor die Kameras. Gerade hat der 46-Jährige vor der 218 Abgeordnete aus ganz Europa zählenden Fraktion der christdemokratischen Parteienfamilie seine Kandidatur für den wichtigsten Job erklärt, den es in der EU zu vergeben gilt. Weber, seit 2014 EVP-Fraktionschef, will nach den Europawahlen die Nachfolge von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker antreten. Leicht gebräunt und mit einem Anflug eines stolzen Lächelns über den hohen Zuspruch, den ihm seine Fraktion eben gezollt hat, rückt er in den Vordergrund, was er am besten kann. Er sei ein „Brückenbauer“, sagt er in einem Englisch, das trotz seiner inzwischen 14 Jahre auf EU-Parkett noch sehr bayerisch klingt.

Der zutiefst liberale CSUler Weber ist eine integrative Figur. In seiner Fraktion, wo Abgeordnete aus der Fidesz des ungarischen Rechtspopulisten Viktor Orban ebenso sitzen wie moderne niederländische Christdemokraten, schafft er es, immer wieder Kompromisse zu schnüren. Der gelernte Ingenieur kündigt bei dieser ersten öffentlichen Bewerbungsrede für den Chefposten der einflussreichen EU-Kommission an, für ein „besseres und ehrgeizigeres Europa“ zu kämpfen. Er erteilt einer Zersplitterung Europas in Norden und Süden, Reich und Arm eine Absage. Es gehe darum, Europa zusammenzuhalten. Die Staatengemeinschaft sei an einem Wendepunkt angelangt. Die EU werde herausgefordert von äußeren und von inneren Gegnern.

Weber hat Ehrgeiz: Er will an die Spitze der 30 000 Beamte umfassenden Kommission kommen und das Kollegium von 27 Kommissaren anführen. Doch so weit ist es noch nicht: Er hat jetzt erst einmal seinen Hut für die Spitzenkandidatur der christdemokratischen Parteienfamilie EVP bei den Europawahlen in den Ring geworfen. Es wird aber noch mit anderen Kandidaten gerechnet. So muss sich Weber wahrscheinlich am 7. November, wenn die EVP ihren Kandidaten nominiert, in einer Kampfkandidatur durchsetzen. Dann muss er mit der EVP das stärkste Ergebnis aller Parteienfamilien bei der Europawahl einfahren. Auch damit wäre Weber noch nicht Kommissionspräsident. Früher einigten sich die „Chefs“ intern auf einen Kandidaten und ließen ihn von den Parlamentariern abnicken. Das war 2014 anders, als das Parlament durchsetzte, dass der Spitzenkandidat, der die meisten Stimmen holte, Kommissionschef wurde. Das EU-Parlament pocht auch diesmal auf seine Mitspracherechte.

Die Deutschen haben aus historischen Gründen Hemmungen, nach den Spitzenpositionen in der EU zu greifen. Sie befürchten, dass dies die im EU-Betrieb ohnehin verbreitete Mäkelei an der Dominanz des größten Mitgliedslandes noch vergrößern würde. Klar ist, dass für Deutschland höchstens einer der Spitzenjobs herausspringt. Umso erstaunlicher finden viele, dass Angela Merkel sich für Weber, einen CSU-Mann, als Kandidaten für den Topjob in der Kommission entschieden hat.

Tatsächlich kann sich die Kanzlerin wohl keinen besseren Kandidaten vorstellen. Politisch steht ihr der besonnene Weber nahe. Seine Kandidatur dürfte die CSU-Lautsprecher Horst Seehofer, Alexander Dobrindt und Markus Söder für die nächsten Monate in der Migrationsdebatte im Zaum halten. Als CSU-Mann ist ihr Weber aber auch nicht so wichtig, dass sie ihn nicht noch opfern könnte, wenn er doch nicht durchsetzbar sein sollte. Ein Selbstläufer ist seine Spitzenkandidatur auch im Parlament nicht. Nach den Umfragen haben Sozialisten und EVP, die das letzte Mal Juncker gewählt haben, keine Mehrheit. Der nächste Kommissionspräsident braucht auch Stimmen von Liberalen und Grünen. Das steigert die Chancen von Außenseitern.