| 02:37 Uhr

Bundestagswahlkampf 2017
Ein furioser Start und ein spannungsloser Verlauf

Zwar füllten die Wahlkämpfer in den vergangenen Wochen so manchen Marktplatz, in der Stimmung verändert haben sie dabei allerdings nur wenig.
Zwar füllten die Wahlkämpfer in den vergangenen Wochen so manchen Marktplatz, in der Stimmung verändert haben sie dabei allerdings nur wenig. FOTO: dpa
Berlin. Mit Appellen an die Bürger, am Sonntag ihre Stimme abzugeben, haben die Parteien den Wahlkampf beendet. Die beiden Kanzlerkandidaten Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) traten noch einmal bei Schlusskundgebungen in München und Berlin auf. Werner Kolhoff

Aber wie war der Bundestagswahlkampf 2017 eigentlich? Hier eine Rückschau.

Der Start. Furios bei der SPD. Der "Schulz-Hype" katapultierte den Herausforderer nach oben; die Sozialdemokraten waren euphorisiert. Wechsel lag in der Luft. Bei der Union genau das gegenteilige Bild. Nur zögerlich hatte Angela Merkel im Dezember ihre Kandidatur erklärt, desaströs verlief Anfang Februar eine gemeinsame Pressekonferenz mit Horst Seehofer (CSU). Keinen guten Start erwischten auch die Grünen mit ihren zwei auf Schwarz-Grün setzenden Spitzenkandidaten. Denn anfangs standen die Zeichen auf Rot-Rot-Grün. Die Linken konnten sich personell nicht entscheiden und präsentierten ein Viererteam. Die AfD startete mit der Entmachtung von Parteichefin Frauke Petry auf dem Kölner Parteitag ins Wahljahr, also mit einem Riss. Außer der SPD wirkte zu Beginn nur die FDP richtig stabil.

Der erste Knick. Die Landtagswahlen im Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen beendeten Martin Schulz‘ Höhenflug abrupt. Die Frage nach der stärksten Partei war de facto im Mai schon entschieden. Und nicht nur das: Das rot-rot-grüne Modell erwies sich für die SPD als Pleite - damit entfiel eine Machtoption. An der Küste entwickelte die Union dafür mit "Jamaika" für sich eine neue Regierungsmöglichkeit. Angela Merkel konnte ganz entspannt in den Urlaub fahren.

Die Themen. Es gab in diesem Wahlkampf kein Großthema, allenfalls eine "Weiter-So"-Stimmung. Wirtschaftlich steht Deutschland gut da, was die CDU auf ihren Wahlplakaten auch genüsslich zelebrierte. Der Versuch der SPD, einen Wahlkampf um die soziale Gerechtigkeit zu führen, verfing nicht. Zuletzt versuchte Martin Schulz in immer hektischerer Folge neue Akzente zu setzen: Familie, Rüstungsausgaben, Pflege. Einziges Thema, das etwas herausragte, war der Diesel, wovon aber keine Partei profitierte. Die Flüchtlingsproblematik spielte nur eine Nebenrolle.

Die Kampagnen. Die ganze Werbung dient ja nur dazu, darauf aufmerksam zu machen, dass Bundestagswahl ist und die eigenen Anhänger zu mobilisieren. Das ist zwei Parteien hervorragend gelungen: Der FDP mit einer stylischen Kampagne um ihren Vorsitzenden Christian Lindner. Und der AfD mit gezielten Tabubrüchen. Gaulands kalkulierte Ausrutscher, Weidels Auszug aus einer TV-Debatte - die Rechtspopulisten wollten Schlagzeilen machen und bekamen sie auch. Die anderen Parteien führten dagegen relativ biedere Kampagnen durch. Dabei setzten die großen Parteien auch auf einen zielgenauen Haustürwahlkampf.

Die Medien. Obwohl es keine echte Konfrontation gab, bemühten sich die Medien mit viel Kreativität Programme und Inhalte zu vermitteln. Wahrscheinlich fand in den Zeitungen mehr Wahlkampf statt als in der Realität. Die Fernsehsender brachten spannende Formate wie Wahl-Arenen und "Town-Hall-Meetings", bei denen die Kandidaten sich den Fragen normaler Bürger stellen mussten. Das waren Highlights. Das klassische TV-Duell Merkel gegen Schulz hingegen enttäuschte total. Ein derart eingezwängtes Format braucht niemand.

Die Ausrutscher. Die AfD klagte über viele zerstörte Wahlplakate, zu Recht. Allerdings sorgten ihre Anhänger mit Pfiffen und Tomatenwürfen vor allem gegen Angela Merkel für den Tiefpunkt dieses Wahlkampfes. Die Aktionen waren offenbar straff organisiert. Die befürchteten Fake-News-Kampagnen im Netz blieben dagegen weitgehend aus. Auch kleine Pannen passierten, etwa die einem Bekannten fröhlich zuwinkende SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl im TV-Bild hinter Martin Schulz, der gerade den Terroropfern von Barcelona kondolierte, oder Peter Altmaiers (CDU) Empfehlung, lieber gar nicht zu wählen, als AfD.

Der zweite Knick. Die Entscheidung der Unentschiedenen bringt in den letzten Tagen vor der Wahl oft noch einen Swing, der alles verändern kann. Doch diesmal ist er laut den Umfragen anders ausgefallen, als jedenfalls Martin Schulz sich erhofft hatte. Die SPD bewegt sich nicht nach oben, sondern verliert weiter. Allerdings verlieren auch Union und Grüne. Nur FDP, AfD und Linke legen zu und kämpfen um Platz drei.

Freilich, am Sonntag steht für jene rund 70 Prozent der Bürger, die noch nicht per Briefwahl abgestimmt haben, wieder alles auf Anfang. Theoretisch zumindest. Denn in der Wahlkabine ist jeder völlig frei.