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| 18:52 Uhr

Politik
Ein Eichsfeld für Gauland, eins für Özoguz

Aydan Özoguz informierte sich in Heiligenstadt unter anderem bei einem Besuch des katholischen Hilfswerks „Villa Lampe“ über das Eichsfeld.
Aydan Özoguz informierte sich in Heiligenstadt unter anderem bei einem Besuch des katholischen Hilfswerks „Villa Lampe“ über das Eichsfeld. FOTO: Swen Pförtner / dpa
Heiligenstadt. Drei Monate nach der Attacke des AfD-Politikers zeigt die Integratonsministerin Flagge in Nordthüringen.

Der Wahlkampf ist vorbei, der Besuch von Aydan Özoguz im Eichsfeld erregt jetzt kaum noch Aufsehen. Hier hatte der AfD-Politiker Alexander Gauland vor drei Monaten gefordert, man solle die Integrationsministerin nach „Anatolien entsorgen“. Ein regionales Fernsehteam, ein paar Reporter, das ist es an medialer Aufmerksamkeit für die angegriffene SPD-Politikerin am Samstag in Heiligenstadt.

„Ladet Sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifische deutsche Kultur ist“, hatte Gauland im benachbarten Leinefelde unter großem Beifall hunderter Bürger bei einer Wahlkampfkundgebung formuliert. Jetzt ist die Angesprochene gekommen, „Flagge zeigen“, wie ihre Sprecherin sagt. Erst ein Besuch in einer Jugendhilfeeinrichtung, die auch minderjährige Flüchtlinge betreut, dann eine Podiumsdiskussion mit geladenen Gästen. Eine geschlossene Veranstaltung ohne AfD und NPD. Die zwei abkommandierten Polizisten und Özoguz‘ Bodyguards haben einen ruhigen Tag.

Die Staatsministerin bekommt nur einen Teil der Eichsfelder Wirklichkeit zu sehen: Flüchtlingshelfer, SPD-Kommunalpolitiker, Anti-Rechts-Aktivisten. Von den Rechten selbst sieht die Staatsministerin nur vier AfD-Anhänger, die sich vor der Jugendhilfeeinrichtung mit einem Plakat „Lieber Eichsfeld-Kultur als Kultur vom Bosporus“ postiert haben und friedlich bleiben.

In der Diskussion geht es zum einen darum, was denn nun deutsche Leitkultur sei – denn Özoguz‘ Satz, eine solche sei jenseits der Sprache „schlicht nicht identifizierbar“, war der Anlass für Gaulands Entgleisung gewesen. Die Sozialdemokratin fühlt sich allerdings missverstanden, sie habe nur darauf hinweisen wollen, dass es in Deutschland sehr viele verschiedene regionale Kulturen gebe. Die anderen Teilnehmer pflichten ihr entweder bei oder sagen, dass diese ganze Leitkulturdebatte an den Sorgen der Bürger weitend vorbeigehe.

Die kleine Diskussion mit 50 Teilnehmern wäre ein Veranstaltung im Echoraum Gleichgesinnter geworden, wenn da nicht Landrat Werner Henning auf dem Podium sitzen würde. Der CDU-Mann hat auf Gaulands Sätze seinerzeit nicht reagiert, die Attacke des AfD-Mannes ist für ihn auch heute nur „eine flapsige Bemerkung, die in weiteren Formulierungen nicht akzeptabel war“. Die örtlichen Aktivisten attackieren ihn heftig dafür. Von „Landräten mit wenig Haltung“ als Generalproblem in Thüringen spricht Sandro Witt, DGB-Landeschef. Henning aber findet, die Auseinandersetzung mit den Rechten sei nicht seine Sache. „Ich bin nur Kommunalpolitiker, und möchte die ideologischen Auseinandersetzungen aus meiner Ebene heraushalten“.

Was den 61-Jährigen aufregt, ist, „dass sich jetzt eine ganze Region erklären muss, weil Politikern im Wahlkampf da etwas kreuz und quer gegangen ist“. Henning sieht die Ehre des Eichsfeldes bedrängt, nicht von Gauland, sondern von der Debatte. „Was hat das Eichsfeld mit dieser Auseinandersetzung zwischen Gauland und Özoguz zu tun?“ Der Landrat amtiert hier seit über 25 Jahren, für ihn ist das seine heile Welt. Sehr katholisch, sehr konservativ, sehr bodenständig. Aber auch hier bekam die AfD bei der Bundestagswahl über 21 Prozent und wurde zweitstärkste Kraft. Özoguz hört lange zu. „Einfach laufen lassen, das kann nicht mehr funktionieren“, sagt die Staatsministerin schließlich, ohne dabei jemanden spezifisch anzusprechen. „Ich wünsche mir mehr Rückgrat“.