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| 18:51 Uhr

Lehman-Pleite
„Diese Gier existiert natürlich immer“

Jörg Asmussen: „Das nächste Mal kommt es von woanders.“
Jörg Asmussen: „Das nächste Mal kommt es von woanders.“ FOTO: picture alliance / dpa / Oliver Berg
Finanzexperte war als Staatssekretär im Finanzministerium wichtiger deutscher Akteur in der Krise. Guido Bohsem

Herr Asmussen, ein paar Monate vor der Lehman-Pleite haben führende deutsche Banker den damaligen Finanzminister Peer Steinbrück in die USA begleitet. Damals berichteten US-Medien schon groß über die Immobilienkrise. Doch kaum jemand befürchtete größere Auswirkungen, schon gar nicht auf Deutschland und den Euro. Wie konnte das sein?

Asmussen Ich denke, der Grad der globalen Vernetzung der Banken war damals nicht bekannt. Dass zum Beispiel US-Immobilienkredite bei deutschen Landesbanken auftauchen würden, hatte man nicht erwartet. Man meinte, die fördern die regionale Wirtschaft.

War es für Sie auch eine persönliche Niederlage, als die US-Regierung Lehman Brothers am 15. September pleitegehen ließen?

Asmussen Nein, Beamte nehmen am besten nichts persönlich.

Warum haben sich US-Finanzminister Hank Paulson und seine Leute nicht von den Warnungen der Europäer beeindrucken lassen?

Asmussen Das war meiner Meinung nach eine bewusste politische Entscheidung, um zu zeigen, dass man nicht immer mit Steuerzahlergeld Banken rettet.

In den Tagen rund um die Lehman-Pleite waren Sie und ihre Kollegen im Dauereinsatz. Hatten Sie jemals das Gefühl von Kontrolle?

Asmussen Ohne größenwahnsinnig zu sein: Ich habe immer gedacht, die Stabilisierung des Finanzsystems kriegen wir gemeinsam hin.

Nach welchen Kriterien trifft man in solchen Situationen Entscheidungen?

Asmussen Es gab mehrere Kriterien: zunächst die Stabilität des Finanzsystems als Ganzes zu sichern. Dann galt es, das Vertrauen der Bürger in das Finanzsystem zu bewahren, zum Beispiel durch die Garantie der Spareinlagen. Und schließlich wollten wir natürlich auch möglichst sparsam mit Steuerzahlergeld umgehen.

Was würden Sie anders machen?

Asmussen Mit dem Wissen von heute würde man sicher mehr zum Instrument der Zwangskapitalisierung greifen, weniger zu freiwilligen Angeboten von Kapital. Das heißt: härter eingreifen. Damals haben wir das aus ordnungspolitischen Gründen nicht getan.

Gier galt als wesentliche Ursache für die Krise. Ist Gier seither verpönt – oder hat sie sich ein neues Kleid zugelegt?

Asmussen Gier ist aus meiner Sicht moralisch verpönt, aber sie existiert natürlich immer. Viel wichtiger ist es, Anreizsysteme in Unternehmen so zu gestalten, dass sie sich am langfristigen und nachhaltigen Unternehmenserfolg orientieren. Das hat damals gefehlt.

Man könnte die Lehman-Pleite auch als Geburtsstunde der AfD begreifen. Warum ist der Politik die Erklärung so schwergefallen, dass sie mit den Banken auch das Vermögen und die Arbeitsplätze vieler Deutscher gerettet hat?

Asmussen So weit würde ich nicht gehen, aber der Ausdruck „Banken retten“ greift ja zu kurz. Was ist denn eine Bank? Vereinfacht gesagt, eine Organisation zur Transformation von Fristen und Risiken, aber ohne die Spareinlagen der Kunden eigentlich nur eine leere Hülle. Daher kann eine Bank auch geordnet untergehen, aber bitte wirklich geordnet und ohne eine Schockwelle im System auszulösen und auch ohne die Sparer zu schädigen. Ein gutes Beispiel dafür war hier die WestLB.

Kein Produkt, kein Akteur und kein Finanzplatz sollte mehr unkontrolliert sein – zu wie viel Prozent trifft das inzwischen zu?

Asmussen Das ist nicht zu beziffern. Es gibt jeden Tag Tausende neue Finanzprodukte. Die Aufsicht ist besser geworden, aber es bleiben Probleme wie der Schattenbankensektor, Steueroasen oder die Geldwäsche.

Kann es wieder passieren?

Asmussen Es wird immer Finanzkrisen geben, da zum Beispiel der Herdentrieb zum Menschen gehört. Daher muss man das Finanzsystem als Ganzes robuster bauen, damit es mit Schocks und Krisen besser umgehen kann. Es ist aber unwahrscheinlich, dass in so kurzen Zeitabständen die Ursache wieder die gleiche sein wird. Das nächste Mal kommt es von woanders.

Mit Jörg Asmussen
sprach Guido Bohsem