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| 18:11 Uhr

Groko
„Abhaken und nach vorne blicken“

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil (r.) fotografiert ein Selfie mit den designierten SPD Ministern in der Großen Koalition (vorne v. l.): Andrea Nahles, Katarina Barley und Svenja Schulze; (hinten v. l.): Olaf Scholz, Hubertus Heil, Franziska Giffey, der Staatsminister im Auswärtigen Amt Michael Roth und Heiko Maas.
SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil (r.) fotografiert ein Selfie mit den designierten SPD Ministern in der Großen Koalition (vorne v. l.): Andrea Nahles, Katarina Barley und Svenja Schulze; (hinten v. l.): Olaf Scholz, Hubertus Heil, Franziska Giffey, der Staatsminister im Auswärtigen Amt Michael Roth und Heiko Maas. FOTO: Lars Klingbeil / dpa
Berlin. Die SPD verkündet ihre Minister-Riege: Drei neue Gesichter am Kabinettstisch. Stefan Vetter und Werner Kolhoff

Das politische Puzzle ist komplett. Nach der Union hat am Freitag auch die SPD ihre Minister für die künftige Bundesregierung offiziell benannt. Drei Frauen und drei Männer schicken die Genossen an den Kabinettstisch. Drei davon sind dort neu und zwei bislang sogar ohne bundespolitische Erfahrung.

Pünktlich um 10 Uhr betraten Fraktionschefin Andrea Nahles und der kommissarische Vorsitzende Olaf Scholz gestern die Bühne im Berliner Willy-Brandt-Haus, um zu verkünden, was in den Tagen zuvor schon weitgehend durchgesickert war. Die einleitende Bemerkung von Scholz („Willkommen zur Vorstellung“)  klang dann auch eher wie Ironie. Nach und nach spazierten schließlich die Auserwählten aufs Podium. Erst die Frauen, dann die Männer. Jedes Mal bedacht  mit Lobpreisungen von Nahles und Scholz. Auch, als Nahles Scholz als Finanzminister und Vizekanzler „vorstellte“. Dabei stand gerade diese Personalie schon länger fest. Scholz (59) war bereits SPD-Generalsekretär, Bundesarbeitsminister und zuletzt Bürgermeister von Hamburg.

Der Wechsel von Heiko Maas aus dem Justizressort ins Außenamt zählte ebenfalls zu den frühzeitigen Gewissheiten. Als Fachmann für Internationales ist der 51-jährige Saarländer zwar noch nicht in Erscheinung getreten. Für Nahles ist aber allein schon seine Herkunft ein Qualitätsnachweis: Man müsse keinem Saarländer erklären, was Europa politisch bedeute, meinte sie mit Blick auf die geografsche Lage des kleinsten deutschen Flächenlandes.

Dass Katarina Barley im Kabinett bleiben würde, galt ebenfalls als ausgemacht. Nur über ihre konkrete Verwendung wurde bis zuletzt gerätselt.  Nun ist klar: Aus der bisherigen Familienministerin wird die künftige Justizministerin. Zuvor war die 49-jährige Rheinland-Pfälzerin auch schon einmal SPD-Generalsekretärin. Als promovierte Rechtswissenschaftlerin bringe sie das mit, was man für das neue Ministeramt brauche, erklärte Scholz.

Schon zur Wochenmitte hatten sich die Anzeichen verdichtet, dass die bisherige Bürgermeisterin des Berliner Problembezirks Neukölln, Franziska Giffey (39), Barleys Nachfolgerin als Familienministerin werden würde. Als junges Gesicht ist sie obendrein mit dem Vorteil der ostdeutschen Geburt ausgestattet. Giffey stammt aus Frankfurt/Oder, was umso stärker wiegt, als die Union auf  die Benennung einer Persönlichkeit aus den neuen Ländern für einen Ministerjob verzichtet hatte.

Auf dem Chefsessel des Arbeitsministeriums sitzt künftig Hubertus Heil. Für den 45jährigen Niedersachsen ist die Berufung eine späte Genugtuung. Gehört er dem Bundestag doch schon 20 Jahre lang an. Zwei Mal war er Generalsekretär der Partei, von 2005 bis 2009 unter Franz Müntefering, und zuletzt im vergangen Jahr, als Martin Schulz kurzfristig Ersatz brauchte. Der Bildungs- und Wirtschaftsexperte war schon lange reif für ein Ministeramt, doch passte es irgendwie immer nie. Anfang 2017, als Sigmar Gabriel das Wirtschaftsministerium frei machte,  wurde ihm Brigitte Zypries vorgezogen. Und seine Hoffnungen auf das Bildungsministerium zerschlugen sich, weil das Ressort an die CDU fiel. Heil nahm das immer klaglos hin und blieb loyal. Er hatte sich auch jetzt wieder als stellvertretender Fraktionsvorsitzender in die zweite Reihe gestellt.

Für das Umweltressort schließlich kommt Svenja Schulze zum Zuge. Auch ihr Name waberte schon seit Tagen durch Berlin. Bundespolitisch ist die 49-jährige Münsteranerin  genauso wie Giffey noch ein unbeschriebenes Blatt. Schulze beerbt Barbara Hendricks, die ebenfalls aus Nordrhein-Westfalen stammt  und genauso wie der bisherige Außenamtschef Sigmar Gabriel aus dem Kabinett ausscheidet. Schulze ist Generalsekretärin der NRW-SPD, war schon Forschungsministerin in Düsseldorf und davor umweltpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion. Dem Vernehmen nach hatten die NRW-Genossen auf ihre Nominierung auch mit dem Kalkül gedrängt, sie als mögliche Spitzenkandidati für die nächste Landtagswahl im Jahr 2021 aufzubauen.

Schaut man sich das Personaltableau genauer an, dann ist nicht nur dem Geschlechterproporz Genüge getan, sondern auch landsmannschaftlichen Befindlichkeiten.  Als größter SPD- Landesverband musste NRW genauso bedient werden wie Niedersachsen – das einzige Bundesland, in dem die Partei im vergangenen Jahr eine Wahl gewinnen konnte.  Und ohne eine ostdeutsche Stimme  im Kabinett wären die Sozialdemokraten in den neuen Ländern auf die Barrikaden gegangen. Nach Informationen der RUNDSCHAU haderten allerdings die „Seeheimer“, also die konservativen SPD-Flügelkämpfer, mit den Entscheidungen von Nahles und Scholz, weil keiner der Ihren am Kabinettstisch sitzt. Andere wiederum störten sich an den Durchstechereien bei der Personalfindung. Juso-Chef  und Groko-Gegner Kevin Kühnert zum Beispiel höhnte per Twitter über  einen „Umlaufbeschluss auf Spiegel-Online“

Seinen ersten Stimmungstest bestand das Personaltableau bei einem anschließenden Sondertreffen der SPD-Bundestagsfraktion trotzdem. Freilich war auch nur  die Hälfte der Abgeordneten anwesend; die meisten sind in ihren Wahlkreisen. Als die sechs Minister zusammen mit Nahles den Saal betragen, brandete Beifall auf. Vor allem Giffey sei ein Coup, sagten etliche. Sie stand im Mittelpunkt des Interesses der vielen Kameraleute. Barbara Hendricks saß auf ihrem angestammten Platz in der zweiten Reihe und nahm Beileidsbekundungen entgegen, wirkte aber keineswegs traurig. Gabriel war nicht zu der Sitzung erschienen, angeblich wegen eines Einschulungstests seiner kleinen Tochter, und bekam nicht mit, wie seinem Nachfolger Maas von vielen gratuliert wurde. Debatten um diese Entscheidung gab es nicht. „Das ist inzwischen überall abgehakt“, meinte ein hessischer Abgeordneter. „Wir gucken jetzt alle nach vorne“.