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| 18:00 Uhr

Chancengleichheit bei der Bildung
Estland macht vor, wie es geht

Andreas Schleicher leitet bei der OECD das Direktorat für Bildung.
Andreas Schleicher leitet bei der OECD das Direktorat für Bildung. FOTO: dpa / Jörg Carstensen
Berlin. Die soziale Herkunft bestimmt in Deutschland in stärkerem Maß über den Schulerfolg als in vielen anderen Ländern. Dies belegt ein neuer OECD-Bericht.

Bildungserfolg hängt in Deutschland noch immer stark vom sozialen Hintergrund ab. Ein Kind kann noch so talentiert sein  – wenn die Eltern es nicht unterstützen wollen oder können  oder wenn es die falsche Schule besucht, dann hat es bedeutend schlechtere Chancen auf einen ordentlichen Abschluss als andere Kinder. Das geht aus gleich zwei Studien hervor, die in diesen Tagen veröffentlicht wurden. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung  (OECD) hat am Dienstag eine Sonderauswertung der Pisa-Studie von 2015 vorgelegt und bescheinigt Deutschland darin eine vergleichsweise geringe Bildungsmobilität. Das heißt, dass nur wenige Kinder einen höheren Abschluss erreichen als ihre Eltern.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat sich den zehnten Jahrestag des Dresdner Bildungsgipfels zum Anlass für seine Untersuchung genommen. 2008 verabschiedeten die Regierungschefs von Bund und Ländern ein anspruchsvolles bildungspolitisches Konzept mit der Überschrift „Aufstieg durch Bildung”. Das Fazit des DGB: Dieses Versprechen wurde gebrochen. Es wurden nicht nur die sozialpolitischen Ziele des Gipfels verfehlt. Auch die angepeilten zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Bildung wurden nicht erreicht. Die Lücke 2015 betrug schon mehr als 27 Milliarden Euro, rechnen die Studienautoren vor.

Dass dieses Geld gut angelegt wäre, belegt die OECD-Analyse. Andreas Schleicher, der bei der OECD das Direktorat für Bildung leitet, wies bei der Vorstellung der Studie darauf hin, dass etwa der Vergleich zwischen Deutschland und Estland zeige, wie viel bei der Chancengerechtigkeit bewegt werden kann. Die estnischen Schüler aus privilegierten Haushalten erreichten ein ähnliches Leistungsniveau wie die deutschen. Die sozial benachteiligten Schüler allerdings waren längst nicht so abgehängt wie hierzulande.

Schleicher betonte allerdings auch: „Der soziale Kontext der Schule beeinflusst den Schüler stärker als der individuelle soziale Kontext.” Das heißt: Gute Schulen können die Fehler des Elternhauses ausbügeln – wenn sie entsprechend ausgestattet sind. Es müsse für die besten Lehrer deshalb finanziell und intellektuell attraktiv gemacht werden, an die schwierigen Schulen zu gehen, fordert Schleicher. Er wirbt zudem für eine stärkere soziale Durchmischung an den Schulen. Die Vorteile am unteren Rand des Spektrums würden die Nachteile am oberen Ende weit überwiegen, sagt er.

Das Ganze muss zudem möglichst früh geschehen. Denn die Schere zwischen Bildungsgewinnern und -verlierern öffnet sich immer weiter, je älter die Jugendlichen werden. Wie schlecht das allerdings bislang läuft, zeigt wiederum die Untersuchung des DGB. Deren Autoren haben vor allem zwei Gruppen Dreijähriger ausgemacht, die mit Bildung unterversorgt sind: Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern – jene  Gruppen also, die frühkindliche Förderung besonders stark benötigen.

Die OECD-Experten sagen, dass die Chancen auf Erfolg in der Schule ungleich verteilt sind.
Die OECD-Experten sagen, dass die Chancen auf Erfolg in der Schule ungleich verteilt sind. FOTO: dpa / Peter Steffen