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| 07:49 Uhr

Analyse
Die Sommerfrische darf nicht sterben!

Düsseldorf. Der Duden streicht regelmäßig Wörter, weil sie in der Umgangssprache nicht mehr oft genug verwendet werden. Die meisten landen auf dem Friedhof der vergessenen Begriffe. Manche haben jedoch Glück: Sie kehren zurück. Philipp Holstein

Wie kann es sein, dass niemand gegen diesen Skandal aufbegehrt und demonstriert, dass die Menschen keine Petitionen unterschreiben oder Flashmobs veranstalten? Im Gegenteil: Alle nehmen es offenbar einfach so hin. Dabei ist doch die "Sommerfrische" vom Aussterben bedroht! Eines der schönsten Wörter der deutschen Sprache wird auf der Homepage des Duden mit dem Zusatz "veraltend" versehen. Und das bedeutet so viel wie: hat nicht mehr lange, muss schleunigst an den Tropf, braucht lebenserhaltende Maßnahmen. Sonst geht es sehr bald in die ewigen Jagdgründe ein, wo bereits die Kollegen "Backfisch", "Hupfdohle" und "Hagestolz" warten.

Die deutsche Sprache ist eine lebendige Sprache, aber sie stirbt jedes Jahr 1000 Tode. Der Duden beweist das. Er versteht sich als Kollektivwortschatz, als Abbild des aktuellen Gebrauchsstandes der deutschen Sprache. Dort stehen also nur jene Begriffe, die tatsächlich verwendet werden. So werden im Schnitt bis zu 1000 neue Wörter pro Jahr aufgenommen, im Gegenzug aber etliche alte gestrichen. "Vor allem Begriffe mit starker regionaler Prägung fallen bei uns schneller weg", sagt Katharina Mahrenholtz, die gerade ein Buch über vergessene Wörter im Duden-Verlag veröffentlicht hat. Titel: "Luftikus und Tausendsassa". Auch Ausdrücke aus der Jugendsprache hätten zumeist nur eine geringe Halbwertszeit. Nur mal so als Vergleich: Das Oxford English Dictionary funktioniert anders; es fungiert ausdrücklich als Gedächtnisspeicher. Wörter, die einmal drinstehen, fallen nicht heraus.

Das Eigenartige ist nun, dass für den Duden zwar stets genau nachgewiesen wurde, was hinzukam. Eine Liste aller je gestrichenen Wörter existiert aber nicht. Der Publizist Bodo Mrozek hat deshalb "Das Lexikon der bedrohten Wörter" in zwei Bänden herausgegeben. Eine Art Friedhof für abgelegte Begriffe, liebevoll eingehegt und gepflegt. Manche Wörter sterben schlichtweg an Altersschwäche, sagt Mrozek, "wohlfeil" etwa. Andere wie die "Wählscheibe" werden durch den technischen Fortschritt überflüssig. "Das Sterben der Wörter und der Wandel der Sprache sind ein Zeichen dafür, dass sich in der Kultur und im Sozialen etwas ändert", sagt Mrozek. Heute sage denn auch kaum jemand "Bürgersteig", man spreche von "Gehweg", und das deute darauf hin, dass es den Bürger und das Bürgertum, wie sie im 19. Jahrhundert begriffen wurden, so nicht mehr gibt.

Mrozek mag nicht einfach zusehen, wie Wörter sterben, und man kann ihn gut verstehen. Er gründete deshalb eine Plattform, auf der man überkommene Begriffe betrauern darf. Unter www.bedrohte-woerter.de kann jeder liebgewonnener Ausdrücke wie "Fete", "Kolonialwaren", "Schuft", "Bummelstudent", "Bonanzarad" und "Katzenmusik" gedenken. 10.000 sind dort schon verzeichnet; es ist eine Art World Wildlife Fund für die deutsche Sprache. Linguistische Schatzkammer, heitere sprachwissenschaftliche Altkleidersammlung. Einmal veranstaltete Mrozek augenzwinkernd sogar einen Wettbewerb: Welches ist das schönste vergessene Wort? Es gewann das "Kleinod", und einen sehr angemessenen und passenden Preis gab es auch: einen "Käseigel".

Neue Begriffe entstehen oft zufällig. So wie 1998, als der Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni seine Wutrede radebrechte und den Ausdruck "Flasche leer" prägte. Der fand direkt Eingang in die Umgangssprache. Oder Hilmar Kopper von der Deutschen Bank. Der bezeichnete im Jahr 1994 die 50 Millionen Mark Schadenssumme, die der Bauunternehmer Jürgen Schneider angehäuft hatte, als "Peanuts". Der Ausdruck wurde zum Hit. Bei sterbenden Wörter dauert es ein bisschen länger, bis sie aus dem Duden verschwinden. Meist läuft es so: Ein Redakteur teilt den Kollegen einen Anfangsverdacht mit. "Ich glaube, niemand sagte heute mehr Sommerfrische, oder?" Das Wort bekommt den Stempel "veraltend". Und dann wird recherchiert. Man sieht Gedrucktes und Gesprochenes durch. TV, Radio, Zeitung, Buch: Überall schaut man nach, ob "Sommerfrische" noch geläufig ist, die mündliche Sprache zählt dabei etwas stärker als die geschriebene. Und wenn man schließlich den Nachweis hat, dass das Wort nicht mehr benutzt wird, also "gering vorkommend" ist, erhält es den Stempel "veraltet". Und das war es dann.

Wobei, und das ist das Schöne und Hoffnungmachende: Manchmal kehren totgeglaubte Wörter zurück. Mrozek nennt das Beispiel "Petitessen". Das wurde in den 1970er Jahren aus dem Duden gestrichen. Dann verwendete es der damalige Bundeskanzler Willy Brandt an prominentem Ort in einer Rede, und auf einmal benutzten es viele Leute wieder. So fand es neuerlich Eingang in den Duden. Oder das Wort "Fräulein". In den 1970er Jahren wurde im Bundestag debattiert, ob man es nicht aus dem Amtsverkehr entfernen solle, weil es diskriminierend wirke. Man entschied sich dafür, und das Wort geriet in Vergessenheit. Aber Anfang der 1980er Jahre, zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle, wurde die Sängerin Frl. Menke ("Hohe Berge") so populär, dass mancher das Wort "Fräulein" wieder verwendete.

Vielleicht kann man also auch der "Sommerfrische" zum Comeback verhelfen. Man muss das Wort nur benutzen, in Umlauf halten und weitergeben. Ihm buchstäblich neuen Atem einhauchen. 1933 inspirierte der Begriff Joachim Ringelnatz zu einem Gedicht, das so beginnt: "Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß / Das durch den sonnigen Himmel schreitet." Herrlich, oder? Am 16. Juli ist Ferienbeginn in Nordrhein-Westfalen. Das ideale Datum eigentlich, das Wort "Sommerfrische" zu posten, zu twittern und zu sprechen.

Die "Sommerfrische" darf nicht sterben.