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| 10:45 Uhr

Eine Alternative gibt es nicht
Die russische Jugend vor den Wahlen

Moskau. Am 18. März wird Wladimir Putin voraussichtlich zum russischen Präsidenten gewählt. Ein ernstzunehmender Gegenspieler fehlt auch bei diesen Wahlen. Putin ist seit 18 Jahren der russische Staatschef. Eine Alternative gibt es nicht. Was sagen junge Menschen zur Aussicht auf weitere sechs Jahre Putin? Sie kennen keinen anderen Machthaber als Putin. Wir haben vier junge Frauen und Männer aus Moskau befragt. Von Klaus-Helge Donath

Hier herrscht Stillstand

“Ich erinnere mich noch, wie erleichtert die Erwachsenen waren, als Wladimir Putin im Jahr 2000 zum Präsidenten gewählt wurde”, sagt Katja Nekrasowa. Sie war damals 15 Jahre alt und lebte in Jekaterinburg fast 2000 Kilometer östlich von Moskau. Politik interessierte sie nicht. Doch auch sie verspürte in ihrem Umfeld eine Art Aufschwung. Mit dem jungen energischen Präsidenten ging es bergauf im Land. Nekrasowa zog nach Moskau, studierte Textildesign, ein Traum ging für sie in Erfüllung.

Für Politik begann sie sich erst 2011 zu interessieren. Damals kam heraus, dass die Kremlpartei “Einiges Russland” bei den Dumawahlen betrogen hatte. Es kam zu Massenprotesten. Der Kreml wurde nervös, musste reagieren. Er versprach durch Reformen im Wahlrecht dem Volk mehr Mitbestimmung. “Damals glaubt ich, dass sich etwas verändert. Dass ich sogar mit meinem Stimmzettel etwas verändern kann”, sagt Nekrasowa. Doch sie wurde enttäuscht, wie so viele Russen. Die Repression habe seither zugenommen, sagt sie.

An Demonstrationen nimmt die selbständige Textilingenieurin und Designerin nicht mehr teil. Sie will nicht verhaftet werden und im Gefängnis landen. Ohnehin hätten die Proteste wenig eingebracht. Auch Verurtei- lungen wegen Posts im Internet nehmen seit Jahren zu. Die Behörden gingen selektiv vor, gerade das verunsichere.

Natürlich werde Wladimir Putin wiedergewählt, sagt die alleinstehende Frau. Aber es gehe nicht bloss um die Person Putin. Auch wenn es ihn nicht gäbe, würde sich nichts ändern. Es gehe um die verkrusteten Machtstrukturen. Solange sich daran nichts ändere, werde am Ende immer ein Putin herauskommen.

Die Aussicht auf mindestens sechs weitere Jahre unter der Führung Wladimir Putins hätten viele kreative Menschen in eine Apathie versetzt. Sie seien lustlos und hätten nur noch einen Wunsch: Lasst uns bitte in Ruhe! Das sei zurzeit die gesellschaftliche Stimmung. “Hier herrscht Stillstand, politisch, wirtschaftlich und technologisch”.

Die Hoffnung auf Veränderung hat Nekrasowa aber nicht verloren. “Ich spüre, dass irgendetwas passieren muss”, sagt sie. So könne es doch nicht ewig weitergehen. Sollte die Atmosphäre noch bleierner werden und die Repressionen zunehmen, überlegt sie, ins Ausland zu gehen. Beruflich komme sie in Russland ohnehin nicht weiter. Der Textilbereich sei unterentwickelt. “Wenn ich im Ausland Arbeit finde und dazulernen kann, bleib ich auch gerne dort”. Die Liebe zur Heimat, zu Russland, sei auch eine Liebe zu sich selbst, sagt sie.

Der Kreml wird untergehen

Er ist einer von den hartnäckigeren Demonstranten, der kaum eine Gelegenheit auslässt, Unzufriedenheit mit dem System Putin zu zeigen. “Ich klettere aber nicht auf Laternenmasten, das wäre die nächste Stufe der Radikalisierung”, lacht der 27-jährige Marketingexperte. Er ist Vater eines fünfjährigen Sohnes, lebt aber von seiner Frau getrennt. Fortunkov hat in London studiert, kehrte nach dem Studium aber gleich nach Moskau zurück. “Ich fühle mich in Russland sehr wohl - wenn ich keine Nachrichten schaue”, sagt er. Das Abschalten fällt Fortunkov jedoch schwer. Dank seiner Familie hat er schon in Europa und den USA gelebt. Er ist ein Kosmopolit, spricht mehrere Sprachen.

Die Korruption im Land und die aussenpolitische Isolation treibt den jungen Mann um. Putin wolle diese Probleme nicht angehen. Auch in der Wirtschaft laufe es schlecht, sagt er. Mit Innovationen sei nicht zu rech- nen. Einblicke in die Wirtschaft fehlen ihm nicht. In seiner Familie gibt es viele erfolgreiche Unternehmer.

Fortunkov glaubt, dass das System Putin bald zusammenbreche. “Der Kreml schiebt den Untergang nur hinaus”, meint der Betriebswirt. Je später es zusammenfalle, desto schlimmer werde es für Russland. Putin und seine Entourage wüssten nicht mehr, woher sie das Geld nehmen sollen, sagt er. Überlegt werde sogar, den Nachhilfeunterricht für Schüler zu besteuern, schmunzelt Fortunkov.

Zurzeit besucht er eine Schauspielschule. Das war immer sein Wunsch. “Unter den Mitschülern bin ich der einzige, der gegen Putin wetter”. Meine Schulkollegen haben sich aber schon daran gewöhnt. In Russland sei es nicht üblich, einen Politiker so schroff anzugreifen. Sie liessen ihn gewähren, auch weil es sie nicht interessiere. Keiner seiner Mitschüler sei ein Putin-Verehrer. Doch sie sagten: “Wir können nicht ohne Zaren”. Natürlich wüssten alle, dass auch der Präsident korrupt sei und kräftig zulange, sagt Fortunkov. Doch Putin könne es sich erlauben, immerhin sei er der Chef, und er mache den USA ordentlich Feuer.

Fortunkov wird nicht zur Wahl gehen, wie es der Oppositionspolitiker Alexei Nawalny, der selber nicht kandidieren darf, empfohlen hat.

Putin ist wie ein zweiter Vater

Er sei mit Präsident Wladimir Putin aufgewachsen, sagt Wladislaw Murajew. Putin ist für den jungen Mann mehr als ein Idol. Er ist für ihn so etwas wie ein zweiter Vater, sagt er. “Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass jemand anders Russland regieren könnte”, sagt er. “Was sollte ich dann machen?” Die Verstörung ist weder gespielt noch Koketterie. Wenn er Zeit hat, folgt er dem Präsidenten im Fernsehen oder im Internet. “Dann schaue ich mir alles an”, sagt Murajew. Und die Korruptionsvorwürfe an die Adresse des Präsidenten? “Alles nur Gerüchte”, sagt Murajew. Wladimir Wladimirowitsch sei ein anständiger Mensch, beteuert er. Murajew freut sich auf die Wahl, ist er doch erst 18 und darf zum ersten Mal wählen gehen. Im Sommer wird er Abitur machen.

Murajews Vater ist ein Militär,
der in der Rosgwardija dient, der 
russischen Nationalgarde. Sie wurde vor allem zum Schutz des 
Präsidenten und der inneren 
Sicherheit auf Grundlage der
 Truppen des Innenministeriums
vor zwei Jahren gegründet. Auch
 Murajews Vater hält den Kreml
chef für einen ausgezeichneten
Präsidenten, sagt der Sohn.

Die Familie zog 2012 von St. Petersburg nach Moskau. Der Vater wurde versetzt. Auch die Mutter und der ältere Bruder dienen im Militär. Murajew hofft ebenfalls auf eine Karriere im Waffenrock. “Die Plätze sind begehrt”, sagt er. Sollte es nicht klappen, wolle er vielleicht Geschichte auf Lehramt studieren.

Der junge Mann arbeitet fünf Mal in der Woche nach der Schule von 17 bis 22 Uhr bei McDonalds in der Burgerküche. Von den Eltern möchte er unabhängiger sein, vor allem materiell, sagt er. Stört Murajew nicht, dass er bei McDonalds, einem US-Konzern Geld verdient? “Nein”, sagt er. “McDonalds gibt es schon so lange bei uns”. Eigentlich sei die Kette in Russland auch schon russisch, lacht er. “Schauen Sie auf die Speisekarte, wie viele russische Spezialitäten da drauf stehen”. Überfremdung durch amerikanische Lebensweise fürchtet er nicht. Auch habe der Kapitalismus längst Einzug gehalten in Russland.

Mit Politik hat er sich bisher wenig befasst. Doch weiß er, dass sich Moskau immer gegen Angriffe auf seine Souveränität zur Wehr setzen müsse, das sei in der Geschichte schon immer so gewesen. Die Bedrohung durch die Nato, deren Vorrücken auf Russland und den US-Raketenabwehrschirm, der sich laut Murajew auch gegen Moskau richte, nennt er als unumstössliche Beweise.

Vor den Wahlen wird sich Murajew noch zusammen mit seinem Vater den Dokumentarfilm «Putin» des US Regisseurs Oliver Stone aus dem letzten Jahr zu Ende anschauen. “Der erste Teil gefiel mir sehr gut”, sagt Murajew. Zeigte der Film nicht unkritische Interviews, in denen Putin Propaganda-Sätze sagen durfte? “Nein”, sagt der junge Mann.

Kein selbständiges Denken erwünscht

“Russland braucht ein neues Gesicht”, sagt Anja Orlowa. “Einen anderen Präsidenten”, meint die 27-Jährige. Orlowa hat das Unvermeidliche, die Wiederwahl Wladimir Putins, für sich ins Positive gekehrt. “Dass dies nun die letzten sechs Jahre des Präsidenten sein müssten, dieser Gedanke wärmt mir das Herz”, sagt sie. Sie heiratete als junges Mädchen, liess sich aber früh scheiden und lebt heute mit ihrem Freund zusammen, von dem sie ein Kind erwartet. Nach Putin sollte eigentlich ein anderer die Bühne betreten. Diese Hoffnung darauf, helfe ihr durchzuhalten.

Orlowa ist in Krasnoarmejsk geboren, einer Rüstungsindustrie-Stadt vor den Toren Moskaus. Die junge Frau entwickelt neue Lernmethoden für private Schulen und Projekte. Die staatliche Schule sei nicht interessiert an Innovationen, erklärt sie. Der russische Bildungsbereich sei noch auf dem Stand der Sechzigerjahre. Abfragbares Wissen werde gefordert. Vorbild ist nach wie vor der Industriearbeiter, der für die Produktion trainiert und geformt wird. “Selbständig denkende Personen haben in diesem System kaum eine Chance”.

Es sei blauäugig anzunehmen, der Präsident werde in der letzten Amtsperiode alles nachholen, was in den vergangenen 18 Jahren versäumt worden sei. Dabei denkt sie nicht nur an das Bildungswesen. Auch das Gesundheitswesen sei reformbedürftig. “Wenn hier gespart wird, läuft das unter Reform”.

Sie weiß noch nicht, wen sie am 18. März wählen wird. Der Antikorruptionskämpfer und Herausforderer Putins, Alexei Nawalny, darf bei der Wahl nicht antreten. Dürfte er, hätte sie trotzdem Vorbehalte. Sie ist sich nicht sicher, ob sich der Volkstribun im Amt an demokratische Spielregeln halten werde. Sie könnte sich vorstellen, der Fernsehjournalistin Xenia Sobtschak die Stimme zu geben. Sobtschak ist umstritten, der jungen Frau wird vorgewerofen, vom Kreml selbst ins Rennen geschickt worden zu sein, um den Wahlen etwas Farbe zu verleihen. Das könnte sein, sagt Orlowa. “Sie ist aber mutig und greift Tabuthemen auf”. Alle anderen Kandidaten sind Männer und seit 20 Jahren eingeführte Sparringpartner des Kremlchefs.

Viele haben sich laut Orlowa mit Putin aus Frust und Verzweiflung arrangiert - nach dem Motto: “Wer außer Putin? Soll er doch noch 30 Jahre regieren”.