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| 08:55 Uhr

Die Masche Gauland

AfD-Chef Alexander Gauland hat mit Äußerungen über die NS-Zeit scharfe Kritik provoziert. Das könnte man als bloßes Kalkül abtun. Doch Worte sind nie ohne Wirkung. Dorothee Krings

Wieder das gleiche Schema: Ein AfD-Politiker wirft eine Äußerung zu den sensiblen Themen der Zeit in die Öffentlichkeit, verwendet ein sprachliches Bild, das in den Köpfen hängen bleibt, und muss auf den Wirbel nur warten. Nach Alice Weidels "Kopftuchmädchen" hat der zweite AfD-Chef, Alexander Gauland, nun vor der Jugendorganisation seiner Partei im thüringischen Seebach die Zeit des Nationalsozialismus als "Vogelschiss" bezeichnet. Medien zitierten ihn mit den Worten: "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte." Die Delegierten sollen diesen Satz gefeiert, Gauland sich zuvor grundsätzlich zur Verantwortung der Deutschen für den Nationalsozialismus bekannt haben.

Scharfe Kritik aus allen Parteien gab es sofort. Sogar der Bundespräsident hat reagiert, wenn auch ohne Gaulands Namen zu erwähnen. Bei einem Festakt zum zehnjährigen Bestehen des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen sagte Frank-Walter Steinmeier abweichend vom Redemanuskript: "Wer heute diesen einzigartigen Bruch mit der Zivilisation leugnet, klein redet oder relativiert, verhöhnt nicht nur die Opfer, sondern will alte Wunden wieder aufreißen und sät neuen Hass." CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer schrieb auf Twitter: "50 Mio. Kriegsopfer, Holocaust und totaler Krieg für AfD und Gauland nur ein ,Vogelschiss'! So sieht die Partei hinter bürgerlicher Maske aus." SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil twitterte: "Das ist eine erschreckende Verharmlosung des Nationalsozialismus. Es ist eine Schande, dass solche Typen im Deutschen Bundestag sitzen." Sätze wie dieser seien "keine Ausrutscher, sondern System", erklärte der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck.

Bemerkenswert an Gaulands Satz ist nicht nur die Unverfrorenheit, mit der ein Bundestagsabgeordneter das Leid der Millionen Opfer des Nationalsozialismus wegwischt und eine Metapher der Verächtlichkeit an seine Stelle setzt. Dass Gauland sich zuvor grundsätzlich zur deutschen Verantwortung äußerte, macht die Sache nicht besser. Sollte die darauf folgende Äußerung auch ein juristisches Nachspiel haben, kann der AfD-Chef seine eigene Relativierung der NS-Zeit gleich wieder relativieren. Grundsätzlich hat er sich ja zur deutschen Schuld bekannt. Gauland hat zugleich die jahrzehntelange Beschäftigung der Deutschen mit ihrer Geschichte zur Nichtigkeit erklärt. Dabei gehören Debatten wie der Historikerstreit, bei dem es auf ganz anderem Niveau um die Singularität der Shoa und die Gefahr der Schlussstrichmentalität ging, genauso zur deutschen Identität wie Waldromantik, schnelle Autos und der Fußball. Doch all das Nachdenken darüber, wie Rassenwahn, aggressiver Nationalismus und systematische Menschenvernichtung in künftigen Generationen zu verhindern sind, ist Gauland nichts wert. Vor jungen Anhängern glaubt er durch Verweis auf 1000 Jahre vermeintlicher Erfolgsgeschichte der Deutschen punkten zu können. Natürlich ist das nicht nur historisch ein Witz, sondern spielt mit Anklängen an das "Tausendjährige Reich" - ein Propagandabegriff, mit dem die Nazis ihre eigene Herrschaft als quasi religiöse Erlösung zu verklären suchten. Die AfD fischt also nicht nur am rechten Rand, wie es so oft heißt, sie hat die "bürgerliche Maske" längst abgestreift - und scheint keine negativen Folgen zu fürchten.

"Die Relativierung der NS-Zeit, des Vernichtungskriegs und des Holocaust in deutschem Namen ist historisch ja gar nicht möglich", sagt Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. "Gauland weiß, wie falsch und dumm seine Aussagen sind. Dass der Fraktionsvorsitzende der drittstärksten Kraft im Bundestag sich dennoch so äußert, weil er dafür Zuspruch von seinen Parteimitgliedern und -anhängern erhält, ist eine fatale Entwicklung. Leider ist sein Kalkül, an niederste völkisch-nationalistische Motive anzudocken, bisher immer aufgegangen. Dass solche primitiven Manöver künftig nicht mehr verfangen, sondern als plumpe, geschichtsblinde und verantwortungslose Perfidie verhallen, ist eine Bewährungsprobe für unsere Republik."

Es hilft wenig, die Provokationen der AfD als billiges Kalkül abzutun. Worte sind nie ohne Wirkung. Selbst wenn auf Provokationen Kritik folgt, die vergifteten Metaphern sind in der Welt und entfalten Langzeitwirkung. Dann kann die Thüringer AfD um Landeschef Björn Höcke auch einen steuerfinanzierten Rentenaufschlag nur für deutsche Beitragszahler ins Spiel bringen und so tun als sei nichts dabei, deutsche gegen ausländische Beitragszahler auszuspielen.

Die wiederholten Tabubrüche der AfD verschieben indes nicht nur die Grenzen des Sagbaren. Sie schaffen auch Überdruss an den Debatten, die sich anschließen. Zu einem Satz, wie Gauland ihn aussprach, können Demokraten nicht schweigen. Doch wissen sie zugleich, dass ihre Mahnungen an Wirkung verlieren, je öfter sie ausgesprochen werden müssen. Die Masche Gauland funktioniert - allerdings dürften Bürger, die aus Verdruss an den etablierten Parteien bei der AfD gelandet sind, Zweifel bekommen. Zumindest müssen sie sich fragen, ob Politikern noch zu trauen ist, die einen so wesentlichen Bestandteil deutscher Identität wie das Ringen mit der deutschen Schuld für Dreck erklären.