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| 17:18 Uhr

Politik
Die Hilfen für die Bauern werden höher ausfallen als im Jahr 2003

Renate Künast fordert, vermehrt Familienbetriebe zu stärken und nachhaltige Produktionsweisen zu fördern.
Renate Künast fordert, vermehrt Familienbetriebe zu stärken und nachhaltige Produktionsweisen zu fördern. FOTO: Karlheinz Schindler
Berlin. Die grüne Ex-Agrarministerin sieht in den Dürreschäden einen Weckruf für eine andere Politik. Von Stefan Vetter

Nach ersten Schätzungen aus den Bundesländern hat die Dürre in der Landwirtschaft einen Schaden im Umfang von mehr als einer Milliarde Euro angerichtet. Wie soll es jetzt weitergehen? Darüber sprach die RUNDSCHAU mit der Grünen-Verbraucherschutzexpertin und früheren Bundesagrarministerin, Renate Künast:

Frau Künast, im Dürrejahr 2003 waren Sie Bundesagrarministerin. Damals bekamen die Bauern Soforthilfen von insgesamt 72 Millionen Euro zugestanden. Wie viel Geld ist jetzt erforderlich?

Künast Ich gehe davon aus, dass die Hilfszahlungen sicher spürbar höher ausfallen werden als 2003. Denn die aktuelle Trockenheitsperiode dauert schon jetzt viel länger als damals. Allerdings kann es diese Hilfen nur nach einer ordentlichen Prüfung jedes einzelnen Falls geben. Ansonsten besteht nämlich das Risiko, dass die EU in Brüssel die Hilfszahlungen als unerlaubte Beihilfe einstuft.

Der Deutsche Bauernverband hatte den möglichen Hilfsbedarf schon frühzeitig auf mindestens eine Milliarde Euro beziffert. Damit lag er offenkundig nicht schlecht, oder?

Künast Es wird definitiv keine Hilfen in einer solch exorbitanten Höhe geben. Der Bauernverband muss endlich verbal abrüsten. Er fordert großspurig Hilfe und Unterstützung ein. Er muss aber auch sagen, was geben wir dafür zurück. Doch da ist Schweigen im Walde.

Würden die Preise für Getreideprodukte steigen, bräuchte es auch weniger Direkthilfen an die Bauern.

Künast Das ist richtig. Aber das Grundproblem besteht darin, dass wir es immer noch mit einer falschen Agrarpolitik zu tun haben. Die Bauern wurden lange Zeit in der Überzeugung bestärkt, dass man sich auf den Export und die Massenproduktion konzentrieren müsse – übrigens auch durch den Deutschen Bauernverband. Sobald aber das Klima und die Futtermittepreise dabei nicht mitziehen, sind die Bauern die Dummen.

Was schlagen Sie vor?

Künast Man muss den Bauern, die jetzt in einer Notsituation sind, helfen, aber zeitgleich auch eine neue Agrarpolitik anpacken. Für ein verändertes Klima ist auch eine veränderte bäuerliche Arbeitsweise notwendig. Das erfordert deutliche Veränderungen bei den EU-Agrarsubventionen. Familienbetriebe müssen gestärkt und nachhaltige Produktionsweisen gefördert werden. Wer viel Tierfutter produziert, auf viel Fruchtwechsel setzt, wer Humus im Boden aufbaut und nicht nur Chemie verwendet, der muss das finanziell besser zu spüren bekommen, als der, der das nicht tut. Denn das ist die Landwirtschaft der Zukunft.

Agrarressortchefin Klöckner argumentiert, Betriebe, die jetzt schon vor Liquiditätsproblemen stünden, hätten auch noch andere Probleme als die Dürre. Sehen sie das auch so?

Künast Grundsätzlich ja. Jeder muss auch Rücklagen für schlechte Zeiten bilden. Aber das ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Denn durch Klöckners Agrarpolitik werden wie schon gesagt ja genau die Strukturen finanziert, die eben nicht nachhaltig sind. Aber vielleicht ist dieser Sommer endlich ein Weckruf dafür, dass diese Politik anders funktionieren muss. Den Bauern zu suggerieren, sie seien selbst schuld an der Misere, ist jedenfalls deutlich zu kurz gesprungen.

Mit Renate Künast
sprach Stefan Vetter