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| 09:18 Uhr

Teheran/Riad
Die große Rivalität in Nahost

Teheran/Riad. Saudi-Arabien und der Iran kämpfen im Nahen Osten um Einfluss. Dabei geht es weniger um Religionen, als vielmehr um Macht und Einfluss. Besonders im Blick haben die beiden Ölstaaten den Irak. Thomas Seibert

Saudi-Arabien und der Iran kämpfen im Nahen Osten um Einfluss. Dabei geht es weniger um Religion als vielmehr um Macht und Einfluss. Besonders im Blick haben die beiden Ölstaaten den Irak.

Der Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und dem Iran im Nahen Osten wird nicht nur mit Bomben und Raketen ausgetragen. Im Schatten der Stellvertreterkriege im Jemen und anderswo ringen die beiden ölreichen Nationen um wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Einfluss: Die sogenannte Soft Power wird von beiden Seiten als Instrument zur eigenen Machterweiterung und zulasten des Gegners eingesetzt. Besonders auffällig ist das im Irak, wo selbst Weizen- und Reisfelder zu Bühnen der Auseinandersetzung werden.

Das Land an Euphrat und Tigris verfügt seit Menschengedenken über gute Ackerböden, die aber wegen der weitreichenden Zerstörungen im Strudel der Gewalt nach der westlichen Invasion im Jahr 2003 nicht voll genutzt werden können. Hier setzen die Spezialisten der Salic an, einer staatlichen saudischen Agrar-Firma. In der westirakischen Provinz Anbar wollen sie im Rahmen eines saudisch-irakischen Joint Ventures eine Fäche von einer Million Hektar Ackerland bearbeiten.

Geld spielt für die Saudis und andere reiche Golfstaaten, die sich gegen den iranischen Einfluss in der Region stemmen, nur eine Nebenrolle. Bei einer Geberkonferenz in Kuwait im Februar sagten die Golf-Araber mehr als acht Milliarden Dollar an Wiederaufbauhilfe für den Irak zu, das sind fast zehn Prozent der benötigten Gesamtsumme. Allein Gastgeber Kuwait versprach eine Milliarde Dollar an Krediten für Wiederaufbauprojekte und eine weitere Milliarde an Investitionen.

Auf politischer Ebene ist den Saudis ein ganz besonderer Coup gelungen. Der irakische Schiiten-Führer Moktada al Sadr traf vor wenigen Monaten bei seinem ersten Besuch im Königreich seit elf Jahren die Führung des sunnitischen saudischen Königtums: ein Schachzug der Saudis gegen die schiitische Regionalmacht Iran, die im mehrheitlich schiitischen Irak einen klaren Vorteil besitzt. Die engen Kontakte der Saudis zu Sadr zeigen, dass es im saudisch-iranischen Wettkampf nicht um Religion geht, sondern um Macht und Einfluss.

Allerdings kommt die arabische Initiative recht spät. Der Iran hat in den vergangenen Jahren weitgehend ungestört die Chance nutzen können, seinen Einfluss auf die irakische Gesellschaft auszuweiten. Die Saudis und die anderen Golf-Araber haben einiges aufzuholen.

Der iranische Einfluss im Irak betrifft nicht nur die Politik, pro-iranische Milizen oder die Tatsache, dass Einheiten der iranischen Revolutionsgarde gemeinsam mit irakischen Truppen gegen den Islamischen Staat (IS) gekämpft haben. Im Alltag des Irak sind die Iraner überall zur Stelle: Autos auf den Straßen, Klimaanlagen in den Häusern und sogar Datteln auf den Märkten kommen aus dem Iran. Bei einem Warenaustausch mit einem Volumen von zwölf Milliarden Dollar im Jahr ist der Iran der wichtigste Handelspartner für den Irak - Saudi-Arabien rangiert mit rund sechs Milliarden weit hinter Teheran.

Auf kultureller Ebene sind die Iraner ebenfalls aktiv. Teheran will in mehreren irakischen Städten Niederlassungen der iranischen Azad-Universität eröffnen, wie sie bereits in Ländern wie Syrien und dem Libanon betrieben werden. Mithilfe der Hochschulen verbreite der Iran die "ideologischen und politischen Ziele der Islamischen Republik", schrieb der Iran-Experte Ahmad Majidyar in einer Analyse für das Nahost-Zentrum in Washington. Laut Majidyar dienen kulturelle oder humanitäre Auslandsorganisationen des Iran zudem als Deckmäntel für diskrete Aktivitäten der iranischen Revolutionsgarde.

Ohne die iranische Soft Power zu verstehen, könne die Machtausbreitung des Landes im Nahen Osten nicht effizient bekämpft werden, betonte Majidyar in seiner Analyse. Saudi-Arabien hat die Botschaft verstanden. Im vergangenen Jahr wurde der fast drei Jahrzehnte lang geschlossene Grenzübergang Arar zwischen Saudi-Arabien und dem Irak wieder geöffnet. Riad will zudem neue Konsulate im Irak einrichten und hat eine gemeinsame Handelskommission mit den Irakern gegründet, um gemeinsame Projekte voranzutreiben, darunter den Bau von Krankenhäusern in irakischen Großstädten. Ähnlich wie auf den diversen Schlachtfeldern des Nahen Ostens steht beim nicht-militärischen Konkurrenzkampf zwischen den Golf-Arabern und dem Iran die Entscheidung noch aus.