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Delegiertenkonferenz in Hannover
Die Chance der neuen Grünen

Die neuen Bundesvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock freuen sich über ihre Wahl bei der außerordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in Hannover.
Die neuen Bundesvorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock freuen sich über ihre Wahl bei der außerordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in Hannover. FOTO: dpa, bvj kno
Mit Robert Habeck und Annalena Baerbock an der Parteispitze werden die Grünen künftig stärker und überraschender. Aber die Flügelkämpfe zwischen Parteilinken und Realos werden deshalb nicht aufhören. Birgit Marschall, Hannover

Habeck ist für Cem Özdemir, der nach fast zehn Jahren im Amt nicht nochmals als Parteichef antreten wollte, ein guter Ersatz. Baerbock wertet den Frauenplatz in der Parteiführung auf, denn ihre Vogängerin Simone Peter konnte nie die Schlagkraft entwickeln, die bei Baerbock schon in ihrer Bewerbungsrede sichtbar wurde.

Habeck und Baerbock gelten beide als Vertreter des moderaten Realo-Flügels bei den Grünen. Beide beherrschen den publikumswirksamen Auftritt, beide sind starke Persönlichkeiten mit Strahlkraft. Sie wurden auch von Parteilinken gewählt, weil die Grünen heute anders als früher pragmatisch genug sind, einfach das beste zur Verfügung stehende Personal zu wählen.

Allerdings bedeutet diese gewachsene Vernunft gerade nicht, dass die Realo-Doppelspitze das Ende der Flügelkämpfe zwischen Parteilinken und Realos einläuten wird. Eher im Gegenteil dürften diese jetzt umso mehr wieder ausbrechen. Ein Risiko, das vor allem Habeck kennt. Ihm könnte es aber gelingen, die gesamte Partei hinter sich zu sammeln.

Wichtig für die Grünen ist der rasche Blick nach vorn. Gerade formiert sich die Groko. Ihr Sondierungspapier zeugt von wenig neuen Ideen für die Zukunft: Viel will die Groko für Rentnerinnen und Rentner tun, wenig für Zukunftsthemen wie die Gestaltung der digitalen Arbeitswelt. Die Schwäche von Union und SPD, die zusammen nur noch knapp auf die Mehrheit im Bundestag kommen, ist eine Chance für die kleinste Oppositionspartei.

Wenn es ihr gelingt, sich überzeugend gegen rechte und linke Extremisten als linksliberale, pragmatische Alternative zu etablieren. Dann können die neuen Grünen aus allen politischen Lagern, nicht nur von SPD und Linken, mit Zulauf rechnen.