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| 08:51 Uhr

Analyse
Die Berufe der Berufenen

Exklusiv | Berlin. Was haben die Männer und Frauen im politischen Berlin eigentlich beruflich gemacht, bevor sie zu Regierenden in Angela Merkels viertem Kabinett wurden? Oft lagen nur wenige Monate oder Jahre zwischen Hörsaal und Plenarsaal. Gregor Mayntz

Was haben die Männer und Frauen im politischen Berlin eigentlich beruflich gemacht, bevor sie zu Regierenden in Angela Merkels viertem Kabinett wurden? Oft lagen nur wenige Monate oder Jahre zwischen Hörsaal und Plenarsaal.

Angela Merkels vierte Regierung ist so groß wie keine zuvor: Neben den 15 Ministern haben CDU, CSU und SPD noch 35 Parlamentarische Staatssekretäre berufen. Doch die Bandbreite der Berufe wird immer kleiner. Wollte sich "Was bin ich?", das einst legendäre "heitere" Beruferaten, diese Regierung vornehmen, wäre das Rateteam meist von Langeweile geplagt: Mehr als jeder Zweite aus der aktuellen Regierungsmannschaft ist Jurist oder Politologe. Der Wechsel in die Profipolitik geschieht auf den typischen Karrierewegen auch so früh, dass zwischen Hörsaal und Plenarsaal nur wenige Jahre, oft sogar nur Monate liegen, in denen die später Regierenden Kontakt mit dem echten Berufsleben haben.

Da ist Nachwuchstalent Jens Spahn, der 37-jährige Gesundheitsminister, keine Ausnahme. Bis 2001 absolvierte er eine Lehre als Bankkaufmann, woraufhin er laut seiner Vita anschließend als Bankkaufmann tätig war. Freilich: 2002 saß er bereits als Abgeordneter im Bundestag. Der Studien-Ehrgeiz ließ ihn jedoch auch als Jungparlamentarier nicht los, und so absolvierte er nebenher auch noch ein Politikstudium an der Fernuni mit Abschluss im vergangenen Jahr.

Auch die vier anderen Jüngeren im Kabinett haben vor der Politik Politik studiert: Verkehrsminister Andreas Scheuer (43) schloss es 2001 ab, kam 2002 in den Bundestag. Umweltministerin Svenja Schulze (49) arbeitete nach dem Studium ab 1996 als PR- und Unternehmensberaterin, bevor sie 2004 in den Düsseldorfer Landtag einzog und 2010 Ministerin in NRW wurde. Arbeitsminister Hubertus Heil (43) machte es ähnlich wie Spahn und schloss sein Fernstudium 2006 ab, nachdem er 1998 Bundestagsabgeordneter geworden war. Und die neue Familienministerin Franziska Giffey (39) wurde 2010 mit ihrer Politik-Promotion fertig - im Jahr ihrer Wahl zur Bezirksstadträtin von Neukölln. Vorher hatte sie ihren Master als Verwaltungsmanagerin gemacht und als Dozentin gearbeitet.

Vier Juristen sitzen am Kabinettstisch: Wirtschaftsminister Peter Altmaier (59) war nach seinem zweiten Staatsexamen 1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Saarland und EU-Beamter, bevor er 1994 in den Bundestag kam. Sein saarländischer Amtskollege, Außenminister Heiko Maas (51), machte zwar 1996 sein zweites Staatsexamen, war aber bereits seit 1994 im Landtag - und im Jahr des Staatsexamens wurde er dort bereits Umwelt-Staatssekretär, zwei Jahre später Umweltminister. Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Maas hat die neue Justizministerin Katarina Barley (49) eine greifbare Berufserfahrung als Juristin nach Staatsexamen und Promotion: Sie arbeitete ab 1998 als Rechtsanwältin für Medizinrecht in Hamburg, als Mitarbeiterin beim Bundesverfassungsgericht, als Richterin in Trier und Wittlich und ab 2008 als Referentin im Mainzer Justizministerium. Fast alles somit auch schon sehr politiknah. Finanzminister Olaf Scholz (59) begann nach Studium und Staatsexamen 1985 als Fachanwalt für Arbeitsrecht, bevor er 1998 Bundestagsabgeordneter, 2001 Innensenator und später Erster Bürgermeister wurde.

Mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (59) und Kanzleramtsminister Helge Braun (45) sitzen zwei Mediziner im Zentrum der Macht. Während von der Leyen vorher auch schon Archäologie und Wirtschaftslehre studiert hatte und nach Approbation und Promotion mit der Geburt ihres vierten und fünften Kindes die Facharztausbildung stoppte, nutzte Braun nach dem Einzug in den Bundestag 2002 den verpassten Wiedereinzug ab 2005, um als Narkosearzt und an seiner Promotion zu arbeiten, bis er 2009 wieder Abgeordneter wurde.

Fehlen noch vier: Bildungsministerin Anja Karliczek (46) ist Bankkauffrau, Betriebswirtin und Diplom-Kauffrau mit Berufserfahrung als Hotelfachfrau, Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (45) hat ein Staatsexamen fürs Lehramt an Gymnasien und Berufserfahrung als Journalistin in der Weinbranche, Innenminister Horst Seehofer (68) arbeitete sich nach der Mittleren Reife in der Kommunalverwaltung als Beamter nach oben, und Entwicklungsminister Gerd Müller (62) wurde Diplom-Wirtschaftspädagoge und Verbandsgeschäftsführer, bevor er als Oberregierungsrat im Wirtschaftsministerium Bayerns arbeitete und Europa- und Bundestagsabgeordneter wurde.

Unter den 35 Parlamentarischen Staatssekretären sind 13 und damit 37 Prozent Juristen. Auch sie wurden mit ihrer Ausbildung und ihrem Referendariat zum Großteil kurz vor ihrem Einzug in den Bundestag fertig. Fünf sind Politologen mit ebenfalls sehr eingeschränkter praktischer Berufserfahrung. Staatsministerin Dorothee Bär etwa bekam 2005 ihr Diplom, saß aber bereits 2002 im Bundestag. Drei der Parlamentarischen Staatssekretäre sind Historiker und je zwei Geografen, Betriebswirte, Lehrer und ohne Abschluss. Weiterhin finden sich hier eine Journalistin, ein Tourismusfachwirt und neben einer Tierärztin auch eine Goldschmiedin: Bettina Hagedorn, Finanzstaatssekretärin, hat dafür zumindest einen Gesellenbrief, kümmerte sich jedoch zunächst um ihre drei Söhne, bevor sie "anfing, in die Politik zu gehen".

Bei den Staatssekretärinnen in den 50ern und 60ern schlägt sich in den Lebensläufen auch die Mutterrolle nieder, was ihnen natürlich auch zusätzliche Berufserfahrung sehr praktischer Art bescherte: So hat Familien-Staatssekretärin Caren Marks nach ihrem Diplom-Abschluss als Geografin nur kurz als wissenschaftliche Mitarbeiterin an ihrer Universität gearbeitet, war dann aber von 1991 bis 2002 "Familienfrau", wie sie es nennt - also mit passender Erfahrung für ihre spätere Führungsaufgabe im Ministerium für Familie und Frauen.

Die Posten von Parlamentarischen Staatssekretären wurden 1967 "erfunden", um die Minister zu entlasten und talentierte Nachwuchspolitiker schon mal als "Juniorminister" Erfahrungen sammeln zu lassen. Die Regierung Kiesinger startete damals mit sieben, in der folgenden Regierung Brandt waren es bereits 15. In den 80ern waren 25 dieser Zwitter zwischen Minister und Abgeordneten üblich geworden. Unter Kohl pendelte die Zahl zwischen 27 und 33, unter Rot-Grün zwischen 23 und 27. Merkel startete mit 30, erhöhte 2013 auf 33 und nun auf den Rekord von 35. Der Steuerzahlerbund kritisiert die immensen Kosten, die damit verbunden sind, und beziffert sie auf über 300.000 Euro pro Stelle und Jahr. Zur Entlastung des Ministers, etwa bei Fragestunden oder im Kabinett, reiche doch einer je Ressort, also 15 statt 35. Mit dem Begriff "Juniorminister" ist es ohnehin zumindest beim Vergleich der Lebensalter nicht mehr weit her. Das Durchschnittsalter der 15 Minister liegt nun bei 50,4 Jahren, das ihrer Parlamentarischen Staatssekretäre bei 49,9. Bezogen auf die einzelnen Häuser wird noch deutlicher, dass es weniger um Nachwuchsförderung als um Belohnung für Verdienste und um Fachexpertise geht: 14 Parlamentarische Staatssekretäre sind älter als ihre eigenen Minister.