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| 12:43 Uhr

Interview mit Diakonie-Präsident Ulrich Lilie
Der Hass hat vielfältige Wurzeln

 Die Kommune muss wieder zum Ort der Begegnung werden – sagt Diakonie-Präsident Ulrich Lilie.
Die Kommune muss wieder zum Ort der Begegnung werden – sagt Diakonie-Präsident Ulrich Lilie. FOTO: picture alliance / dpa / Arno Burgi
Berlin. Ulrich Lilie (61) ist seit vier Jahren Präsident der Diakonie, des größten evangelischen Wohlfahrtverbandes. Im Herbst hat er sich mit seinem Buch „Unerhört“ in der Debatte um die wachsende Polarisierung in der Gesellschaft zu Wort gemeldet. „Vom Verlieren und Finden des Zusammenhalts“ lautet der Untertitel. Unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff sprach mit ihm darüber.

In Chemnitz haben Rechte einen Mord instrumentalisiert und gegen Ausländer gehetzt. Woher kommt dieser aufgestaute Hass?

Lilie Der hat vielfältige Wurzeln. Eine ist die Veränderung unserer Gesellschaft. Sie wird mit großer Geschwindigkeit vielfältiger. In deutschen Großstädten haben schon 40 bis 80 Prozent der Kinder unter sechs Jahren einen Migrationshintergrund. Das heißt, das Land wird sich in kürzester Zeit verändern.

Und genau dazu sagen die Rechten: Dann macht das Land doch einfach dicht.

Lilie Die Flüchtlinge sind nur der kleinste Teil des Problems. Auch ohne sie wird das Land viel bunter. Die meisten Migranten sind seit Langem hier. Dazu kommt die Freizügigkeit innerhalb der EU, die auch die AfD bisher nicht infrage stellt. Die Politik hat durch Verleugnung der Migration dazu beigetragen, dass die Menschen auf die Veränderungen nicht vorbereitet sind. Noch 2013 stand in der schwarz-gelben Koalitionsvereinbarung, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Zudem herrscht in den neuen Bundesländern immer noch eine große Skepsis gegen den Staat, auch gegen die Medien.

Sie sprechen in Ihrem Buch von Empörungslust. Welcher Gewinn liegt für den Einzelnen darin?

Lilie Die neuen Medien befeuern es, dass man nur noch untereinander über andere redet. Und zwar immer radikaler. Man bewegt sich in Blasen des eigenen Selbstverständnisses. Das gibt Sicherheit und auch ein Stück gefühlte Stärke. Außerdem gibt es ja tatsächlich neue Entwicklungen, die Angst hervorrufen. Etwa der drohende Verlust von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung. Die, die zum Beispiel früher die Helden der SPD waren, der so genannte kleine Mann, kommen da vielfach nicht mit. Sie empfinden sich und ihr Leben als entwertet; was sie machen und denken gilt nicht mehr als modern. Auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe von Menschen, die mit all den Veränderungen sehr gut umgehen kann, die kosmopolitisch und multikulturell geprägt sind.

Sie unterstützen die Aktion „offene Gesellschaft“. Aber was nützt es, wenn die Gleichgesinnten sich immer wieder gegenseitig bestärken, dass sie die Guten sind?

Lilie Auch die liberalen, offenen, demokratisch eingestellten Menschen müssen sich überprüfen. Viel zu lange sind zum Beispiel die realen Probleme, die es in vielen Stadtteilen mit der Migration gibt oder in den Schulen, einfach weggeredet worden. Wir als Diakonie sind dort unterwegs, wo es, wie Sigmar Gabriel einmal gesagt hat, brodelt, riecht und stinkt, wo die Probleme sind. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, auch die linksliberalen Intellektuellen, zu denen ich mich auch zähle, aus ihrer Blase herauszuführen.

Wo können heute noch die Räume der Begegnung zwischen den Milieus sein?

Lilie Ich finde den Satz von Altbundespräsident Johannes Rau so wichtig wie noch nie: Die Kommune ist der Ernstfall der Demokratie. Dort regeln die Menschen ihre unmittelbare Umgebung, und zwar im Regelfall ruhig und konstruktiv. Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Bürger dort noch begegnen und eine gemeinsame Identität herausbilden. Als Bewohner eben ihres Dorfes oder ihres Kiezes. Dafür müssen die Kommunen vor allem in den ländlichen Gebieten, aber auch in den Stadtteilen, gut ausgestattet sein. Wir als Diakonie versuchen, dort die Zivilgesellschaft zu stärken.

Was macht man bei eingefleischten Ausländerhassern?

Lilie Man muss da sehr klar sein. Wer rassistisch, antiislamisch, sexistisch oder antisemitisch unterwegs ist, steht außerhalb unseres gesellschaftlichen Konsenses und ist im Zweifel ein Fall für Polizei und Gerichte. Wir müssen die erkämpfen Werte der sozialen Demokratie unseres Landes gegen jeden Angriff entschlossen verteidigen. Also Haltung zeigen. Und uns trotzdem den Argumenten der verunsicherten Menschen aussetzen.

Wenn Sie auf 2019 blicken, wird es da noch schlimmer?

Lilie Ich erhoffe mir von der Europawahl im Mai, dass die europäische Idee gewinnt. Dafür müssen die sozialen Rechte in Europa aber viel stärker in den Blickpunkt rücken. Wir brauchen gleichwertige Lebensverhältnisse nicht nur in Deutschland, sondern in Europa. Das ist die einzige Chance, den Populisten das Wasser abzugraben.