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| 19:18 Uhr

Britischer Journalist Jeremy Cliffe
"Deutschland ist viel cooler als vor drei Jahrzehnten"

"Wir sehen Deutschland als ein starkes Land in der Mitte Europas, von dem andere lernen können": Jeremy Cliffe.
"Wir sehen Deutschland als ein starkes Land in der Mitte Europas, von dem andere lernen können": Jeremy Cliffe. FOTO: DIW
Düsseldorf. Der britische Journalist Jeremy Cliffe ist wochenlang durch Deutschland gereist. Nun schwärmt er vom Land in der Mitte Europas als "cool Germany", dem es besser geht, als viele Deutsche es glauben. Wie er darauf kommt, erklärt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Markus Werning

Jeremy Cliffe ist der Berlin-Korrespondent der britischen Wochenzeitung "Economist", die weltweit ungefähr 1,5 Millionen Leser hat, darunter einige Zehntausend in Deutschland. Cliffe lebt seit etwa zwei Jahren in Berlin und hat für die aktuelle Ausgabe der Zeitung einen mehrseitigen Bericht über Deutschland geschrieben - der Titel: "Cool Germany". Darin beschreibt er, wie sich Deutschland aus seiner Sicht verändert hat und vor welchen Herausforderungen es steht.

Herr Cliffe, wie kommen Sie darauf, dass Deutschland cool ist?

Jeremy Cliffe Ich bin mehrere Wochen durch das Land gereist, durch Städte und die Provinz. Ich habe mit Dutzenden Menschen gesprochen, mit Politikern, Akademikern und einfachen Bürgern, mit Deutschen, Einwanderern und mit Ausländern, die seit vielen Jahren in Deutschland leben. In diesen Gesprächen habe ich festgestellt, dass Deutschland ein cooles Land geworden ist.

Was finden Sie an Deutschland cool?

Cliffe Deutschland ist nicht mehr so konservativ wie in der Vergangenheit. Es ist informeller, aufgeschlossener und weltoffener geworden. Vielleicht fällt einem das nicht auf, wenn man täglich die Nachrichten verfolgt, zumal viele Deutsche selbstkritisch sind. Deshalb glaube ich, dass es gut ist, manchmal einen Schritt zurückzugehen und auf einen längeren Zeitraum zu schauen und dabei zu fragen, in welche Richtung sich ein Land entwickelt - bei allen Herausforderungen und Schwierigkeiten, die es gibt. Für Deutschland kann ich sagen: Das heutige Deutschland ist viel cooler als vor drei Jahrzehnten. Die Gesellschaft ist entspannter und offener geworden, auch dank der vielen Menschen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind.

Aber gerade diese Zuwanderung macht vielen Menschen in Deutschland Angst. Was sagen Sie denen?

Cliffe Es gibt Schwierigkeiten. Ich will sie nicht klein reden, aber insgesamt ist die Lage besser, als manche Deutsche das denken. Und es ist gut, wenn eine Gesellschaft offener und vielfältiger wird. Zuwanderung bringt Herausforderungen mit sich. Das muss man klipp und klar sagen. Darüber müssen die Bürger reden. Deswegen finden wir es gut, dass die Diskussionen zugenommen haben. Denn die Gesellschaft muss viele Fragen beantworten. Wie passen die Zuwanderer in die Gesellschaft? Was wird aus unserer Identität? Wir Briten haben das schon etwas früher erlebt, und auch in Großbritannien gab es viele Sorgen. Aber die düsteren Prognosen haben sich nicht bewahrheitet. Die Zuwanderung hat das Land bereichert und gestärkt. Unsere Botschaft an die Deutschen ist deshalb: Natürlich machen sich die Menschen Sorgen, wenn sich eine Gesellschaft verändert. Aber langfristig sind offene Gesellschaften erfolgreicher als geschlossene, weil sie neue Ideen und Energien aufnehmen und dadurch robuster in die Zukunft gehen.

Haben Sie auch eine Botschaft an das Ausland?

Cliffe Ja, dass zum Teil eine falsches Bild von Deutschland vermittelt wird. Medien aus dem rechten Lager schreiben, dass die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin beinahe zum Zusammenbruch der Gesellschaft geführt habe und hier fast schon Anarchie herrsche. Dieses Bild entspricht nicht der Wahrheit. Das wollen wir mit unserem Bericht zeigen.

Und deshalb haben Sie jetzt über Deutschland geschrieben?

Cliffe Eine solche Länderanalyse machen wir alle paar Jahre. Die letzte über Deutschland stammt von 2013. Jetzt wollen wir nach der Bundestagswahl analysieren, wo das Land steht und wohin die neue Regierung Deutschland führen kann. Wenn Politik und Gesellschaft die Herausforderungen der Zuwanderung lösen können, dann wird Deutschland noch cooler und kann zum Vorbild für andere Staaten werden, die ebenfalls vor der Aufgabe stehen, Einwanderer aufzunehmen. Denken Sie daran, was gerade in der Welt passiert: Menschen fliehen vor Kriegen, Wirtschaftskrisen und Umweltkatastrophen, der Nationalismus wird stärker, die liberale Demokratie und die pluralistische Gesellschaft sind in Gefahr. Wir sehen Deutschland als ein starkes Land in der Mitte Europas, von dem andere lernen können.

Das Gespräch führte Markus Werning.