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| 07:42 Uhr

Nellis
Deutsche Kampfjets in der Wüste

Nellis. Das Luftwaffenmanöver "Green Flag" in Nevada markiert eine Wende: Trainiert wird wieder um Bündnis- und Landesverteidigung. Helmut Michelis

Der Feind lauert im Schatten hinter einer Hügelkette. Doch bevor die näherkommenden Nato-Soldaten in den Hinterhalt geraten, donnern zwei Jagdbomber aus Nörvenich heran: Der reale Einsatz von Bomben und Bordkanonen steht im Mittelpunkt des Manövers "Green Flag" - bei 50 Grad Hitze in der staubigen Wüste von Nevada. Erstmals seit dem Ende des Kalten Kriegs trainiert die deutsche Luftwaffe wieder im großen Stil die Unterstützung von Bodentruppen. Es ist ein unausgesprochenes Warnsignal auch an den russischen Präsidenten Wladimir Putin, das Säbelrasseln an der Nord- und der Ostflanke der Nato nicht zu weit zu treiben.

"Natürlich ärgert mich das Bild, das derzeit von der Luftwaffe in der Öffentlichkeit gezeichnet wird. Denn letztlich werden dadurch, bei allen Problemen, die wir mit Einsatzbereitschaft unserer Waffensysteme haben, die hervorragenden Leistungen unserer Soldaten im täglichen Betrieb und im Einsatz herabqualifiziert", sagte der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Karl Müllner.

9000 Kilometer von Deutschland entfernt sind die jüngsten Berichte über mangelhafte Einsatzbereitschaft der Bundeswehr indes kein Thema. Im Gegenteil, die Luftwaffe demonstriert ihre Stärke: Mehr als 900 Tonnen Material wurden über den See- und Luftweg zur Nellis Air Force Base nahe der US-Glücksspielmetropole Las Vegas geschafft. Weil die sieben Eurofighter und fünf Tornado-Kampfflugzeuge für solche Flugdistanzen nicht gebaut sind, flogen sie in 15 Stunden von Nörvenich in Nordrhein-Westfalen und Büchel an der Mosel zunächst nach Bangor im US-Bundesstaat Maine. Dreizehnmal mussten sie dabei über dem Atlantik von amerikanischen Tankflugzeugen in der Luft mit Treibstoff versorgt werden - eine knifflige Angelegenheit, wenn bei rund 450 km/h in 8000 Meter Höhe mit dem Tankrüssel ein knapp 80 Zentimeter kleiner Fangkorb am Ende eines langen Schlauchs getroffen werden muss. Und weil es eine Toilette an Bord enger Kampfjets nicht gibt, wurden die Piloten vorsichtshalber vor dem Start mit Windeln ausgestattet.

An dem Manöver nehmen auch 5000 US-Soldaten teil, allein 2000 von ihnen als Feindarsteller. Das menschenleere Übungsgebiet bei Las Vegas erstreckt sich über eine Fläche, die zwei Dritteln von Nordrhein-Westfalen entspricht. "Eine abgeschiedene, weitläufige Wüste eröffnet andere fliegerische Übungsmöglichkeiten als der eng begrenzte Luftraum in Deutschland und Europa", erläuterte Müllner. "Unabhängig davon verbindet uns mit den USA und der US Air Force eine jahrzehntelange enge und verlässliche Freundschaft. Die meisten unserer Jetpiloten haben dort fliegen gelernt." Die amerikanische Luftwaffe sei aufgrund des hohen Ausbildungsstandes und ihrer umfangreichen Einsatzerfahrung "immer noch der wichtigste Partner und Gradmesser für unsere eigenen Standards", sagt der oberste Soldat der Luftwaffe.

Auf das Manöver in Nevada haben sich die Piloten im Simulator in Deutschland eingehend vorbereitet. Aber gerade die Übung mit scharfer Munition sei psychologisch für die Soldaten enorm wichtig, erklärt Hauptmann Robert Willmann, der Chef der Munitions-crew in Nellis. "Die Handgriffe sind zwar dieselben, aber es ist doch etwas ganz anderes, wenn ich mit scharfer Munition arbeite als mit Attrappen. Der Kopf reagiert da sofort."

Bei "Green Flag" testet die Luftwaffe ihren Eurofighter, ursprünglich ein reines Jagdflugzeug, auf seine neue Rolle auch als Jagdbomber. Die in Nellis gewonnenen Erfahrungen könnten auch die zukünftige Ausstattung der Luftwaffe beeinflussen, geht es doch um die milliardenschwere Entscheidung, ob die in die Jahre gekommenen Tornados durch ein neues, eventuell amerikanisches Kampfflugzeug ersetzt werden müssen, oder ob Eurofighter künftig diese Aufgabe mit übernehmen können.