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| 19:05 Uhr

Interview mit Jan Techau
„Der Trend war schon vor Trump da“

Jan Techau
Jan Techau FOTO: GMF
Berlin. Zum Thema Europa sprach die RUNDSCHAU mit Jan Techau, Politikwissenschaftler bei der unabhängigen US-Stiftung German Marshall Fund of the United States. Von Ellen Hasenkamp

Herr Techau, Europa will unabhängiger werden von Amerika. Aber wie sieht es eigentlich umgekehrt aus: Kann Amerika ohne Europa?

Techau Eigentlich nicht. Aber das hängt von einer entscheidenden Frage ab: Möchte Amerika globale Ordnungsmacht bleiben? Wenn ja, dann muss es eine glaubwürdige Sicherheitsgarantie für Europa bieten. Trump sieht das allerdings anders; er glaubt an die Größe Amerikas auch ohne Allianzen.

 Aber die einstige strategische Bedeutung hat Europa doch verloren?

Techau Heute ist Asien der zentrale Markt für die Ordnungsfragen der Welt. Die Europäer wandern auf der Prioritätenliste nach unten. Dennoch: Sie sind der wichtigste Handelspartner für die Amerikaner, und die besten Alliierten. Und auch Russlands Rolle definiert sich in Europa.

Derzeit sucht Europa sein Heil in mehr Eigenständigkeit. Sollten wir uns stattdessen lieber wertvoller machen für Amerika?

Techau Es geht nicht darum, wie hübsch wir uns machen, sondern darum, für wie hübsch uns Washington hält. Darauf haben wir wenig Einfluss. Letztlich entscheiden die US-Eliten, welche Regionen in der Welt sie für strategisch wichtig halten.

Was also können die Europäer tun?

Techau Zwei Dinge: Die USA haben China als den großen Rivalen ausgemacht und die Europäer müssen sich in den bevorstehenden Konflikten entscheiden, auf welcher Seite sie  stehen wollen. Bei der alten Schutzmacht USA oder beim aufstrebenden, aber etwas unheimlichen China. Das ist ein Dilemma. Als Handelsgroßmacht wären wir für die Amerikaner durchaus ein attraktiver globaler Partner gegenüber China. Zweitens müssen die Europäer in der eigenen Nachbarschaft selbst zur Ordnungsmacht werden - und sich um Konflikte wie in der Ukraine, auf dem Balkan, in Nordafrika oder womöglich der Arktis selber kümmern. Das entlastet die Amerikaner und erhöht unseren Einfluss. Aber das fordert mehr Einsatz - auch von Deutschland.

Damit sind wir beim hoch umstrittenen Zwei-Prozent-Ziel für die Verteidigungsausgaben.

Techau Die Debatte ist durch Trump leider völlig vergiftet worden. Das Ziel ist im Prinzip richtig und viel älter als seine Präsidentschaft. Wir müssen es anders denken, aus unserem eigenen Interesse heraus und nicht, weil Trump es will. Man kann sogar sagen: Mit einer Stärkung des Multilateralismus wie in der Nato stützen wir genau die Strukturen, die Trump zum Einsturz bringen will. Außerdem sind zwei Prozent vergleichsweise günstig verglichen mit einem Worst-Case-Szenario: Müssten die Europäer strategisch wirklich autonom werden, inklusive nuklearer Abschreckung, dann liegen wir schnell weit darüber.

Wie viel hat die Neuausrichtung der USA überhaupt mit Trump zu tun? Sind das nicht lange Linien, die sich unabhängig vom aktuellen US-Präsidenten ausrollen?

Techau Ja, der Trend war schon vor Trump da: Amerika als Machtfaktor wird infrage gestellt durch die Chinesen, aber auch durch die US-Bürger selbst, die diese Rolle nur noch bedingt spielen wollen. Wir sehen einen globalen Ordnungswechsel, der jetzt beschleunigt wird. Die Konsequenzen sind zum Beispiel, dass ein Anruf aus Washington in Jerusalem oder Ankara oder Warschau nicht mehr dazu führt, dass man dort auch auf Kurs geht. Trump ist nur eine Episode – wenn auch eine ziemlich grelle – in diesem Geschehen.

Wir haben über China als aufstrebenden US-Konkurrenten gesprochen. Was ist mit Russland?

Techau Putins wichtigste Ziele lauten: Machterhalt – auch, um eines Tages aus einer Position der Stärke heraus eine Machtübergabe verhandeln zu können – und Schutz gegen die behauptete westliche Einkreisung. Das ist die russische Urangst. Putin will Russland als eigenes Modell gegen den angelsächsisch-geprägten Westen positionieren. Das verfängt ja sogar bei bestimmten Konservativen oder Linken – auch in Deutschland.

Mit Jan Techau
sprach Ellen Hasenkamp