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| 07:02 Uhr

Rakka
Der Teufel ist noch nicht besiegt

Rakka. Nach drei Jahren Schreckensherrschaft wurde der Islamische Staat aus Rakka vertrieben. Doch solange der Syrienkrieg weitergeht, droht eine Rückkehr des Grauens. Cedric Rehman

Nach drei Jahren Schreckensherrschaft wurde der Islamische Staat aus Rakka vertrieben. Doch solange der Syrienkrieg weitergeht, droht eine Rückkehr des Grauens.

Mohammed al Fahad blickt auf den Kreisverkehr, während er seine Mixer reinigt. Er verkauft Fruchtsäfte an jenem Platz im Zentrum von Rakka, wo der Islamische Staat (IS) noch bis im Oktober die Köpfe seiner Opfer auf Zaunlatten aufgespießt hat. "Sie haben uns gezwungen, alles mit anzusehen, die Folter, die Hinrichtungen", sagt der Mann aus der ehemaligen IS-Hauptstadt in Syrien. Eine Bananenstaude baumelt einsam von der Decke seines Geschäftes. Al Fahad hat wieder mal nichts zu tun. Abends wird er die ziemlich leere Kasse einpacken und mit einem Motorroller über die schuttbedeckten Straßen zu seinem Haus in einem Vorort von Rakka fahren. Zwei Kinder und seine Frau warten dort, erzählt er.

"Vor dem Krieg war ich Ingenieur", sagt al Fahad. Er trägt eine Armbanduhr mit Lederarmband und ein cremefarbenes Leinenhemd - wie ein Geist, der sich aus einer besseren Vergangenheit in den Schmutz und die Düsternis der Gegenwart verirrt hat. "Wissen Sie, wir waren mal gebildete Leute, wir hatten eine Universität, ein Archäologisches Museum, kulturelles Leben", sagt er, dann versagen ihm die Worte. Der Augenschein reicht aus, um zu wissen, was nun ist: Alles ringsherum ist zu Staub zerfallen. Was die Zukunft bringt? Über die Verwaltung der Trümmer Rakkas unter der Ägide der kurdisch-arabischen "Syrisch-Demokratischen Front" (SDF) könne er nicht klagen, sagt al Fahad. Was sollten die neuen Herren angesichts der Verwüstung auch ausrichten, als das nackte Überleben zu sichern. Vielleicht übernehme auch das Assad-Regime die Stadt wieder, meint er, wer wisse das schon im Moment. Es ist ihm ohnehin egal. Solange er niemals wieder mit ansehen müsse, wie Schwerter Köpfe abschlagen, danke er Gott. "Mein Kopf war immer auf Reisen, als das alles passiert ist. Ich war ganz woanders", sagt er. Auch jetzt, so scheint es, ist er noch nicht wirklich anwesend in seiner zerstörten Welt.

Es gibt die unterschiedlichsten Arten, wie Betonmauern und Stahlträger brechen, verbiegen oder in Stücke reißen können. Eine Stadt, die vor dem Krieg rund 200.000 Einwohner hatte, wirkt nun in Teilen wie planiert. Staub und Betonbrocken bedecken weite Flächen. Gewaltige Krater klaffen in ihnen, die von mächtigen Detonationen zeugen. Anderswo türmen sich Schutt und Metallteile zu Bergen in Haushöhe auf. Dazwischen gibt es Zonen mit halb eingestürzten Bauten. Stockwerke liegen bisweilen aufeinander geschichtet wie welke Salatblätter in einem Sandwich. Immerhin, wo die Ruinen stehen, lässt sich noch erkennen, dass es hier einmal eine Stadt gab. Deren Einwohner tragen in den halb oder ganz eingestürzten Gebäuden Trümmern mit Schaufeln ab. Sie hämmern und sägen, andere steuern Bulldozer, um Schutt von den Straßen in die Bombenkrater zu schieben. Die Männer müssen dabei Minen oder Sprengfallen aus dem Weg gehen.

Sie finden auch nach all den Monaten immer noch Leichen, nicht nur Knochen. Es sind die namenlosen Toten der alliierten Luftangriffe. Sie enden wie der Schutt in Gruben. Der Verwesungsprozess verzögere sich, wenn Tote fast ohne Luftzufuhr begraben sind, erklärt ein Helfer der sogenannten "Emergency Units", der Noteinsatzteams der neuen Zivilverwaltung am Straßenrand. Der Mann wischt sich den Schweiß von der Stirn und zündet sich eine Zigarette an. "Jeden Tag, wenn wir graben, fängt es irgendwo fürchterlich zu stinken an", sagt der Mann. "Das ist, wie wenn ein Sack fauler Melonen angestochen wird", meint er und raucht weiter.

150.000 Menschen sollen sich nach den Angaben der neuen Stadtverwaltung von Rakka zumindest tagsüber in den Ruinen der Stadt aufhalten. Die meisten von ihnen kehren aber nachts in die Vororte oder Dörfer in der Umgebung zurück. Rakka war vor dem Krieg keine arme Stadt. Viele Bewohner besitzen daher ein Landhaus, das die Kämpfe und Bombardements der Anti-IS-Koalition in den meisten Fällen unbeschadet überstanden hat. Wer weniger Glück hatte, muss in Camps unter Zeltplanen leben.

Die Einwohner kommen auf Eselsrücken in ihre zerstörte Stadt, um etwas Geld zu verdienen. Viele eröffnen in den Ruinen Läden und hoffen, dass andere, die genauso wenig haben wie sie, dort etwas kaufen. Andere bauen als Angestellte der neuen Zivilverwaltung die Stadt wieder auf. Doch es fehlt an allem: Werkzeug, Maschinen und Lohn für die harte und lebensgefährliche Arbeit. Und nirgends sind die Jeeps mit den Logos der internationalen Hilfsorganisationen zu sehen. Die halbe Welt hat diese Stadt bombardiert. Doch jetzt scheint sie sich selbst überlassen.

Die neue Bürgermeisterin der Stadt will nicht an ihrem Schreibtisch fotografiert werden. Leila Mustafa bleibt lieber auf dem Sessel gegenüber dem Sofa sitzen. Dort sitzen die Bürger und tragen ihre Klagen über das Fehlen von Strom oder Trinkwasser vor. Einer nach dem anderen wird empfangen, und so geht es endlos Stunde um Stunde. Im Oktober 2017 kehrte die in Rakka geborene Kurdin Mustafa mit der SDF in ihre Heimatstadt zurück. Gemeinsam mit einem Araber leitet sie nun die provisorische Verwaltung. Wenn die Stadt wieder lebt oder zumindest wieder Stadt genannt werden kann, solle das Provisorium durch ein gewähltes Gremium ersetzt werden, erklärt die Bürgermeisterin.

Sie hat hier das Sagen, als Frau, Kurdin und das auch noch ohne Kopftuch - in einer Stadt, in der Dschihadisten noch vor kurzem Peitschenhiebe versetzten, wenn Frauen nur einen Knöchel entblößten. Es klingt nach einem gewagten Experiment. Doch Mustafa sieht es anders. "Die Menschen haben es so satt", sagt sie. Sie meint den religiösen Fanatismus, das Sektierertum, die Heuchelei. Ihre Stadtverwaltung will strikt neutral sein gegenüber Religions- oder Volkszugehörigkeit, und auch gegenüber dem Geschlecht. Dass das funktioniert, zeigt sich im Vorzimmer der Bürgermeisterin. Drei Mitarbeiterinnen erklären einigen in traditioneller Dschellaba gekleideten Stammesvertretern, sie können sich jetzt ruhig auch mal gedulden, bis die Frau Bürgermeisterin Zeit für sie hat. Die Herren nehmen widerstandslos Platz.

Leila Mustafa kann sich auch nicht so recht erklären, wo die internationale Hilfe bleibt. Die Amerikaner, die in der Stadt Patrouille fahren, liefern manchmal schweres Gerät. Das war es aber auch schon, was an Hilfe von außen komme, sagt sie. Rakka und andere arabisch-sunnitische, vom IS befreite Städte und Dörfer hängen am Tropf der autonomen Kurdenregion Rojava in Nordostsyrien. Dort hat die PYD das Sagen. Sie ist der Ideologie der als Terrororganisation eingestuften kurdischen Arbeiterpartei PKK von Abdullah Öcalan verbunden. Die Türkei führt im Nordenwesten Syriens Krieg gegen die PYD und hat ihre Grenze zu Rojava geschlossen. Die Folge: Den Kurden-Gebieten geht es wirtschaftlich schlecht. Und nun müssen auch noch die dem IS entrissenen Gebiete vor einem humanitären Desaster bewahrt werden. Bürgermeisterin Mustafa räumt ein, dass sie drauf und dran ist, den Wettlauf mit der Zeit zu verlieren. Angesichts all der Leichen in der Stadt drohten Epidemien. "Im Sommer wird es Seuchen geben", sagt sie.

Eine weitere Gefahr drohe durch die schwierige militärische Lage der SDF. Die kurdischen Verbände hatten sich aus dem Osten Syriens zurückgezogen, als die Türkei im Januar den bis dahin zu Rojava gehörenden Kanton Afrin im Nordwesten Syriens angriff. Viele Kämpfer sind seitdem entlang der Grenze zur Türkei im Einsatz. Sie fehlen jetzt bei Rakka, wo die SDF weiter zwei Gegnern gegenübersteht: Versprengte IS-Einheiten sowie schiitische Milizen, die dem Assad-Regime gehorchen und von Russland militärisch unterstützt werden. Der IS wie auch Assad wollen Rakka wieder unter ihre Kontrolle bringen. "Wir erwarten, dass sie in den kommenden Monaten wieder hier aktiv werden", sagt die Bürgermeisterin.

Einige Kilometer vom provisorischen Rathaus von Rakka entfernt hat ein weiteres Gebäude den Bomben widerstanden. Der Schuldirektor Mohamed al Ali al Ahmed empfängt mit Stolz in der einzigen Schule Rakkas, die fast noch alle Fenster hat. Auf dem Schulhof präsentiert er ein kleines Wunder: Rund 800 Jungen und Mädchen im Grundschulalter toben in der Pause, wie sie es überall in der Welt tun. Doch bis vor wenigen Monaten war Rakka nicht von dieser Welt. Al Ahmed und seine Lehrer versuchen, wieder etwas Normalität zu schaffen.

Seit 2013 gab es keinen Unterricht mehr in Rakka. Viele Eltern hielten ihre Kinder von Schulen fern, die der IS übernommen hatte. Doch Kinder lassen sich nicht drei Jahre lang im Haus verstecken. Der IS schnappte sie dann doch. Oder sie sahen in der Stadt die Videoübertragungen von Folter, Hinrichtungen und dem Märtyrertod. Als sie dann vor einigen Monaten zum ersten Mal eine Schule betraten, fehlte den Kindern mehr als nur das Alphabet. "Einige gingen auf uns los", sagt der Schulleiter. Und die Kleinen zeigten ein erstaunliches Detailwissen. "Sie wissen alles über Sprengstoff, über den roten Draht bei einer Bombe oder den blauen", sagt er.

Sind derart verrohte Kinderseelen nicht eine schwere Hypothek für die Zukunft? Der Pädagoge schüttelt den Kopf. "Wir Erwachsenen sind doch genauso kaputt. Ich hatte Angst vor einem falschen Gedanken, weil ich sicher war, dass sie das bemerken könnten", sagt er. Nach einem halben Jahr könnten viele seiner Schüler mehr als nur lesen und schreiben, sagt er. "Sie fangen an, miteinander zu spielen", sagt er. Aber die Kinder Rakkas bräuchten nun Hefte, Stifte, Schulen ohne Löcher in den Wänden, Lehrer, die ein Gehalt erhalten und Trauma-Therapeuten. Der Schuldirektor hofft, dass die Welt, die Rakka zerstört hat, um es vom IS zu befreien, die Kinder der Stadt jetzt nicht ihrem Schicksal überlässt.

Wie es mit Rakka weitergeht, entscheidet sich 150 Kilometer nordwestlich. Der Weg in die Stadt Manbidsch führt mit einem rostigen Kahn über den Euphrat, denn in der gesamten Region ist jede Brücke eingestürzt. Entlang der Route sind sogar von Bushäuschen nur noch Schutthügel übrig. Unkraut wuchert auf unbestellten Feldern. In den zerstörten Dörfern regt sich kaum Leben. Die Türme eines Getreidesilos bei Manbidsch sind oben angefressen von Raketeneinschlägen. Auch hier haben die Kämpfe gewütet zwischen dem IS und der von der Anti-IS-Koalition aus der Luft unterstützten SDF. Deren Kämpfer haben die verlassenen Silos zu einer Festung ausgebaut. Ibrahim Hamdeel vom Militärrat der SDF zwirbelt sich den Bart, als er nach der aktuellen Lage gefragt wird. Er spricht von einem Zweifrontenkrieg. Auf der einen Seite bedrängten die libanesische Hisbollah, die Iraner und Assad-Milizen die Stadt. Noch gefährlicher sei die Lage im Norden, wo die SDF sich der türkischen Armee und mit ihnen verbündeten syrischen Rebellen gegenübersehe. Alles hänge nun davon ab, ob die amerikanischen und französischen Soldaten in der Stadt blieben und die Türkei so von einem Angriff auf Manbidsch abhielten.

Was das für den Anti-IS-Kampf in Ostsyrien bedeutet? Hamdeel antwortet nicht direkt. Er sei sicher, dass US-Präsident Donald Trump erkannt habe, wie gefährlich ein Abzug aus Syrien für die USA sei."Ich bekomme nichts mit von einem Rückzug. Im Gegenteil, die Amerikaner verstärken ihre Truppen hier", sagt er. So könnte er Teile seiner Truppen wieder von der türkischen Front abziehen, um den IS zu jagen. Es gehe aber nicht nur um die Dschihadisten, meint er. "Ich glaube nicht, dass die USA ganz Syrien Russland überlassen wollen, die Türkei wird sich schon fügen", sagt Hamdeel.

Ein Fußball fliegt über den Zaun eines Sportplatzes in Manbidsch. Der Trainer ruft auf Arabisch: Shabab - Jungs! Der 18-jährige Hamoudi al Hadsch ist mit seinen Freunden gekommen, um das Spiel der Jugendliga anzusehen. Und später wollen die Fußballer der SDF sich ein Match mit der lokalen Polizei von Manbidsch liefern. Im Publikum sieht man auch Männer mit blonden Haaren und in modernen Wüstenuniformen. Amerikanische Soldaten unterhalten sich mit kurdischen Kämpferinnen der SDF.

Wie lebt es sich in einer arabischen Stadt, in der Kurden stationiert sind und US-Soldaten patrouillieren? Al Hadsch hebt den Daumen. Alles sei besser als unter dem IS oder anderen Dschihadisten-Gruppen. "Sie haben uns gezwungen, ständig zu beten. Und wir haben einfach die rituellen Waschungen weggelassen, damit diese Gebete nichts gelten", sagt der 18-Jährige. Seine Wangen sind glatt und er trägt eine Wuschelfrisur, die ihm unter dem IS wohl Peitschenhiebe eingebracht hätte.

Al Hadsch schüttelt den Kopf, als er auf die Versprechungen des türkischen Präsidenten Erdogan angesprochen wird, Manbidsch seinen arabischen Einwohnern wiederzugeben. "Soll er doch herkommen und die Leute fragen, von wem sie beschützt werden wollen", sagt er. Wenn er so zufrieden ist mit der Lage in der Stadt, sollte das arabische Manbidsch dann seiner Ansicht nach nicht dauerhaft Teil der von den Kurden dominierten Demokratischen Föderation Nordsyriens werden? Aber da schüttelt der 18-Jährige wieder den Kopf. "Wir sind Araber, und Manbidsch gehört zu Syrien", sagt er. Es klingt wie eine Warnung an die SDF, ihr Blatt in der Region nicht zu überreizen. Denn der Weg der Kurden vom Beschützer zum Besatzer könnte kurz sein.