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Der Fall Skripal
Großbritannien attackiert Russland weiter

  Während der Ermittlungen zur Vergiftung des Ex-Doppelagent Skripal und dessen Tochter am 4. März trugen Soldaten  Schutzanzüge.
Während der Ermittlungen zur Vergiftung des Ex-Doppelagent Skripal und dessen Tochter am 4. März trugen Soldaten Schutzanzüge. FOTO: Andrew Matthews / dpa
London/Moskau. Bei ihrer ersten direkten Konfrontation seit dem Giftanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal haben sich Großbritannien und Russland mit gegenseitigen Vorwürfen überzogen. London beharrte am Mittwoch bei einer Sondersitzung des Exekutivrats der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) in Den Haag darauf, dass Moskau hinter der Attacke stecke. Die britische Regierung bezeichnete den russischen Vorschlag, gemeinsam zu ermitteln, als „pervers“.

Im Fall der Nervengift-Attacke auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal erwartet die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) erst in der kommenden Woche die Ergebnisse der Laboruntersuchungen. Ein Bericht werde dann Großbritannien übergeben, teilte die OPCW am Mittwoch bei der Sondersitzung ihres Exekutivrates in Den Haag mit. Großbritannien hatte bereits angekündigt, dass der Bericht auch anderen Vertragsstaaten zur Verfügung gestellt werden sollte. OPCW-Experten hatten Proben im britischen Salisbury entnommen sowie auch Blutproben der Opfer bekommen. Diese werden in internationalen Labors analysiert.

Was bisher klar ist

Wären das Attentat auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und die politischen Folgen nur ein ausgedachter Film, gäbe es wohl schlechte Kritiken: Nahezu unglaublich erscheint all das, was in den vergangenen Wochen passiert ist. London und Moskau im heftigen Streit, eine schwere diplomatische Krise und die Opfer noch im Krankenhaus. Fraglich ist, ob der Fall jemals gelöst werden kann.

Welche Beweise hat London für seine Vorwürfe gegen Moskau vorgelegt?

Bislang keine. Britische Forscher haben herausgefunden, dass bei dem Attentat auf Sergej Skripal und seine Tochter Julia das Nervengift Nowitschok verwendet worden ist. Der Kampfstoff wurde einst in der Sowjetunion produziert. Das heißt aber noch nicht, dass Moskau automatisch der Drahtzieher des Anschlags ist. Staatliche Labors in anderen Ländern, die sich vor Nowitschok schützen wollten und deshalb dazu geforscht haben, könnten den Kampfstoff theoretisch auch herstellen, wie der deutsche Chemiker Ralf Trapp erläutert. Dazu zähle auch Großbritannien selbst mit seiner Forschungsanlage Porton Down.

Warum ist es so schwer, die Quelle des Gifts herauszufinden?

„Es ist schon möglich, aber dazu braucht man Zugriff auf verschiedene Vergleichsstoffe“, erklärt Trapp, der als unabhängiger Berater auch für die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) arbeitete. Dafür müsse man nach Beimischungen und Verunreinigungen in den Proben suchen. Diese sogenannten chemischen Signaturen können zum Ursprungsort führen. Das Problem: „Das setzt voraus, dass von diesem Ursprungsort entsprechende Kontrollproben vorliegen“, so Trapp.

Wie kommt London aber dann auf Moskau als Schuldigen?

Dass Nowitschok früher in der Sowjetunion produziert wurde, ist nach Angaben der britischen Regierung nur eine von mehreren Spuren. Es soll weitere Belege geben. Aber welche? Außenminister Boris Johnson beschuldigte Moskau sogar, Nowitschok für potenzielle Anschläge produziert und gehortet zu haben. Eine seiner Übertreibungen, zu denen er neigt? Fakt ist, dass es eine Häufung mysteriöser Todesfälle von Ex-Agenten und Kremlkritikern in Großbritannien gibt. Erst Mitte März traf es Nikolai Gluschkow - der Kremlkritiker wurde laut Polizei in London durch „Gewalteinwirkung im Nackenbereich“ ermordet. Die britische Innenministerin Amber Rudd lässt nun 14 Todesfälle neu aufrollen, die eine Verbindung zu Russland haben.

Wie reagiert Moskau jetzt?

Russland fühlt sich bestätigt: ohne Beweise keine Schuld. Der Kreml verlangt deshalb eine Entschuldigung des Westens, Moskau überhaupt ins Visier genommen zu haben. Dass sich die Situation nun wieder entspannen könnte, ist unwahrscheinlich. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, London sei mit diesem „Blödsinn“ zu weit gegangen. Premierministerin Theresa May und Johnson müssten ihren EU-Partnern gestehen, dass Russland zu Unrecht beschuldigt wurde. Aus Moskauer Sicht ist klar, dass auch Washington seine Finger mit im Spiel hat. Das angebliche Ziel: Russland zu diskreditieren. Das Moskauer Außenamt stellte sogar die Theorie auf, dass London Russland die im Sommer geplante Fußball-WM auf diese Weise wegnehmen wolle.

Wie kann der Fall je gelöst werden?

Möglicherweise durch Aussagen der beiden Opfer - falls sie dazu in der Lage sind. Beide haben den Anschlag überlebt und können vielleicht Hinweise geben, ob sie bedroht oder verfolgt worden sind. Julia Skripal geht es nach Auskunft der Ärzte schon deutlich besser. Ihr Vater ist noch im kritischen, aber stabilen Zustand. „Es ist durchaus möglich, dass sie wieder in einen Zustand zurückkommen, wo sie normal für eine bestimmte Zeit funktionieren können“, sagt Trapp. „Ob es Langzeitstörungen geben wird, muss man abwarten, das kann man jetzt nicht sagen.“ Beide waren vor vier Wochen bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury aufgefunden worden.

Wieso gibt es in der Nähe von Salisbury Kampfstoffexperten?

Die Giftproben sind in Porton Down untersucht worden. Das ist ein riesiges Gelände, auf dem auch militärisch geforscht wird. Porton Down wurde als Zentrum der britischen Chemie- und Biowaffenforschung bekannt. „Es war eine Einrichtung des britischen Militärs, die gegründet wurde, als chemische Waffen im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurden“, erläutert Trapp. Dort sei bis in die 50er Jahre hinein auch an Nervenkampfstoffen gearbeitet worden. Heute sei das Ziel der Einrichtung aber der Schutz vor Substanzen wie Nowitschok.

(Von Silvia Kusidlo und Claudia Thaler, dpa)