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| 15:42 Uhr

Interview mit Manfred Sapper
„Russland ist integraler Bestandteil Europas“

Wladimir Putin ist gerade mit großer Mehrheit in seinem Amt bestätigt worden. 
Wladimir Putin ist gerade mit großer Mehrheit in seinem Amt bestätigt worden.  FOTO: Maxim Shipenkov / dpa
Berlin. Manfred Sapper, Politologe  von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde vermisst Sachkenntnis im Umgang mit Russland. Jan Selmons

Die politische Lage in Russland scheint nur stabil. Davon ist der Politologe Dr. Manfred Sapper von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (dgo) überzeugt. Aus Sicht des Chefredakteurs der Zeitschrift „Osteuropa“ hat es der Kreml-Chef Wladimir Putin in seiner bisherigen Amtszeit nicht geschafft, das Land in die Moderne zu führen. Umso wichtiger ist aus seiner Sicht Fachkenntnis im Umgang mit dem riesigen Land. Daran fehlt es laut Sapper in Deutschland auch auf höchster Ebene. Zudem warnt er Parteien davor, mit der Russlandpolitik innenpolitisch Meinung machen zu wollen.

Herr Sapper, Wladimir Putin ist gerade mit großer Mehrheit in seinem Amt bestätigt worden. Der Mann steht doch zumindest für Stabilität. Das sollte Deutschland doch eigentlich freuen.

Sapper Vorsicht! Was wir in Russland sehen, ist eine Scheinstabilität. Wir haben es unter Putin mit einer neuen Art von Autokratie in Russland zu tun. Aber unter der Oberfläche gibt es viele Probleme. Putin hat darin versagt, das Land in die Moderne zu führen.

Aber wie wird denn die Politik bei den Menschen in Russland wahrgenommen?

Sapper Die Wahrnehmung von Politik ist dort höchst begrenzt. Es gibt in den Medien kaum außenpolitische Berichte.

Warum ist das so?

Sapper Zunächst  ist das Land traditionell recht abgeschottet. Das war schon zu Seiten der Sowjetunion so. Fakt ist: Außenpolitische Berichte gibt es kaum. Dabei spielt es eine Rolle, dass unter Putin der Pluralismus in den Medien stark eingeschränkt wurde. Das Fernsehen ist vollständig unter Kontrolle des Kreml. Die russischen Oligarchen mit Einfluss sind unter Putin aus den Medien verdrängt worden. Politisch sehen wir eine Entkoppelung zwischen den Herrschenden und der Bevölkerung.

Was heißt das?

Sapper Es gibt überhaupt kein gewachsenes staatsbürgerliches Bewusstsein. Dafür gibt es viele Gründe, einer ist, dass die Herrschenden dies über Jahrhunderte verhindert haben. So ist es auch in der Ära Putin. Das heißt, dass die Gesellschaft vom Staat bestimmt wird. Das ist ein Grundproblem in Russland und ist heute ähnlich wie zu Zeiten der Sowjetunion unter der KPdSU: Es hat sich keine Selbstverantwortlichkeit für die Gesellschaft in Russland entwickelt.

Aber vielleicht sollten wir nicht immer unsere demokratischen Maßstäbe anwenden wollen. Schließlich gibt es in Russland nicht solche demokratischen Traditionen wie bei uns, und die Leute dort sind vielleicht froh über etwas Stabilität und dass es ihnen unter Putin wirtschaftlich etwas besser geht?

Sapper Falsch. Auch Deutschland hat wenig demokratische Traditionen. Da muss man nicht weit in die Geschichte gucken. Dieser Blick ist ein wenig arrogant. Wer sagt denn, dass es nicht möglich ist, eine bürgerliche Gesellschaft zu entwickeln, wenn solche Traditionen fehlen. Das ist sehr wohl möglich, wie viele junge Beispiele in der Welt zeigen. Noch etwas: Russland geht es wirtschaftlich nicht gut. Im Gegenteil: Russland ist schwach. Nach wie vor hängt das Land von Rohstoffexporten ab.

Aber davon hat Russland ja genug.

Sapper Aber die Preise können stark schwanken. In den letzten Jahren sind die Rohstoffpreise wegen neuer Technologien wie dem Fracking gesunken. Das hatte Auswirkungen auf die russische Wirtschaft. Das hat sich unter Putin weiter verschärft. Die zur Schau gestellte außenpolitische Stärke ist daher mehr Schein als Sein. In Syrien interveniert Russland zwar, ist aber nicht in der Lage, das Land politisch zu stabilisieren.

Es  scheint sich da eine neue Konfrontation zwischen Europa und Russland anzubahnen.

Sapper Das ist ein schwerer Denkfehler: Russland ist integraler Bestandteil Europas.

Aber dennoch scheint die Kommunikation bestimmt von Reflexen und Vorurteilen. Schadet das nicht?

Sapper Dringend notwendig ist Sachkenntnis. In der Vergangenheit ist uns viel notwendige Expertise verlorengegangen. Deshalb ist auch die Lehre gefragt. Wir brauchen dringend Lehrstühle an den Hochschulen und akademischen Austausch. Gerade in den vergangenen Wochen gab es wieder Fehleinschätzungen zu Russland auch auf höchster Ebene. Zudem verwenden manche Parteien das Verhältnis zu Russland als innenpolitische Munition. Das ist oft unredlich. Die AfD etwa beruft sich auf Putin, weil ihr dessen Anti-EU und Anti-Nato-Rhetorik gefällt. Das ist ähnlich bei manchen Personen von den Linken. Sie sind wiederum aus DDR-Zeiten noch Pro-Sowjetunion geschult und verhalten sich entsprechend. Doch das Thema taugt nicht zur Stimmungsmache. Dafür ist es zu wichtig und zu kompliziert.

Was macht es so kompliziert mit Russland?

Sapper Schon die Tatsache, dass es eigentlich nicht nur ein Russland gibt. Auf dieser gewaltigen Fläche gibt es mehrere, sehr verschiedene „Russlands“.

Welche?

Sapper Es gibt das moderne Russland in Moskau und ein, zwei, anderen Großstädte, die so modern sind wie andere  internationale Großstädte. Dann gibt es das Russland der Vormoderne, riesige Landstriche, weit abseits der technischen Entwicklungen und vor allem abgeschnitten von der Mobilität, die das moderne Leben prägen. Dann gibt es das antimoderne Russland der kleinen und mittleren sowjetischen Industriezentren. Dort sind die Menschen vollkommen vom Staat abhängig, weil die Industrie nicht mehr lebensfähig ist. Schließlich der Nordkaukasus, der mit dem übrigen Russland in vielen Dingen gar nichts zu tun hat.

Mit Manfred Sapper
sprach Jan Selmons