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| 07:41 Uhr

Kolumne: Gesellschaftskunde
Der neue Hang zum Bekenntnis

FOTO: Krings
Düsseldorf. In Debatten bei sich selbst anzufangen, ist geschickt - aber nicht per se überzeugend. Dorothee Krings

In Debatten bei sich selbst anzufangen, ist geschickt - aber nicht per se überzeugend.

Natürlich war es schon immer schwierig, über Reizthemen wie Geschlechtergerechtigkeit und die sozialen Rolle von Mann und Frau gelassen zu diskutieren. Sobald eine Frage die Identität und Weltsicht von Menschen berührt, ist es mit dem Zuhören, Abwägen, Geltenlassen schnell vorbei.

Denn es geht dann um etwas Anderes: Um die Frage, wer eigentlich den Ton angibt, welche Werte in einer Gesellschaft Gewicht bekommen und damit auch bestimmen, wohin sie sich entwickelt. Sozialer Wandel ist ein komplexer Prozess, der vielen Einflüssen unterliegt. Da mag der Einzelne sich diesen Entwicklungen ausgeliefert fühlen, und entsprechend erbittert wird diskutiert.

Heute allerdings nicht mehr säuberlich getrennt in einer Sphäre der Öffentlichkeit und in privaten Kreisen. Mit den sozialen Medien hat sich eine Ebene dazwischen etabliert, ein Raum, in dem der Einzelne jenseits seines Freundeskreises gehört werden kann. Das trägt zu Austausch und Meinungsvielfalt bei, hat aber auch Schleusen für die viel beklagten Hasskommentare geöffnet.

Außerdem scheint es die Tendenz zu befördern, über strittige Themen im Bekenntnismodus zu streiten. Denn Menschen, die bei sich selbst beginnen, deren Aussagen persönliche Betroffenheit transportieren, wirken glaubhaft und gewinnen Aufmerksamkeit. So bekommt manchmal sogar eine ganze Debatte ein Bekenntnislabel, wie gerade die Überlegungen zu Macht- und Geschlechterfragen unter dem Schlagwort "Me Too".

Bekenntnisse haben Macht, weil sie emotional sind. Menschen treten mit ihrer Person für etwas ein, natürlich verdient das Beachtung. Manchmal überdecken Emphase und Beteuerung aber auch, dass Argumente fehlen. Auch Leute, die nicht eigenes Erleben und Befinden ins Spiel bringen, haben bisweilen Überzeugendes zu sagen.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de