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| 07:13 Uhr

30 Jahre Wende
Löcher im Zaun

 Ein symbolischer Akt: Der ungarische Außenminister Gyula Horn (r.) und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock (l.) durchtrennen am 27. Juni 1989 ein Stück des Eisernen Vorhangs zwischen Ungarn und Österreich bei Klingenbach.
Ein symbolischer Akt: Der ungarische Außenminister Gyula Horn (r.) und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock (l.) durchtrennen am 27. Juni 1989 ein Stück des Eisernen Vorhangs zwischen Ungarn und Österreich bei Klingenbach. FOTO: dpa / Robert Jäger
Berlin. Der Mauerfall 1989 hat eine Vorgeschichte. Zu der gehörte der 2. Mai 1989. An diesem Tag ging  es in Ungarn den Grenzanlagen und damit dem gesamten  sozialistischen Weltsystem an den Kragen. Erst einmal begann danach ein Massenexodus aus der DDR. Von André Bochow

Am Nachmittag berichtet der Rias. Mit der üblichen lakonischen Nachrichtenstimme wird am 2. Mai 1989, einem Dienstag,  eine ziemliche Sensation verkündet. „Um acht Uhr morgens haben ungarische Grenzsoldaten mit großen Drahtscheren die ersten Löcher in den Eisernen Vorhang geschnitten. 44 Jahre nach der Teilung Europas begann der Abbau der gesamten Grenzsperren zwischen Ungarn und Österreich.“ Den Bericht dazu liefert dann der Journalist Thomas Gerlach. Von ihm erfahren die Hörer, dass die Grenze zwischen den Blöcken aus ungarischer Sicht sinnlos geworden war. „Praktisch jeder Ungar kann sich einen Reisepass ausstellen lassen und gen Westen reisen. So es sein Geldbeutel erlaubt.“

Der Zaun kommt weg

 In den wenigen Fällen, in denen immer noch Grenzverletzungen festgestellt wurden, handelte es sich „fast immer um Bürger der DDR, die über Ungarn in den Westen wollten“. Nun werde es Grenzkontrollen geben, „so wie es auch im Westen üblich ist.“  Bis dahin ist es noch ein Schritt. Aber der Zaun kommt auf jeden Fall weg. Denn die ungarischen Grenzer haben von diesem maroden Ding die Nase voll. Ständig hatte es Alarm gegeben, wenn ein Hase die Grenze passierte oder sich einfach nur ein paar Drähte berührten. Eine Erneuerung wäre teuer gewesen. Im ungarischen Staatshaushalt 1989 waren die Mittel dafür gerade gestrichen worden.

Die Staats-und Parteiführung der DDR  interpretiert  die ungarische Grenzwirklichkeit auf ihre eigene Weise.  In einem Brief des damaligen Verteidigungsministers Heinz Keßler an Erich Honecker vom 6. Mai 1989 wird deutlich, was die Nomenklatura seinerzeit vor allem auszeichnete: Realitätsverlust. „Planmäßig“ sei mit der Grenzdemontage begonnen worden. Schließlich habe es ja einen Beschluss des Politbüros des Zentralkomitees der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei vom 28. Februar 1989 gegeben.  Und letztlich habe das alles keine große Bedeutung. Die Ungarn  wollten lediglich „die gut nachbarlichen Beziehungen zu Österreich besonders hervorheben“.

 Paneuropäisches Picknick 1989
Paneuropäisches Picknick 1989 FOTO: dpa

Neben eher eigenwilligen Aufzählungen von Details („Der Grenzsignalzaun verläuft in 1,5 bis 2,5 Kilometer Entfernung zur Grenzlinie. In diesem Streifen leben in 25 kleineren Siedlungen etwa 4200 Einwohner“)  ist dem Armeegeneral besonders wichtig, dass als Ersatz für den abgebauten Zaun eine „Erhöhung des Streifendienstes“, ein „erhöhter Einsatz berittener Grenzstreifen“  sowie die „effektivere Einbeziehung der Bevölkerung des grenznahen Raumes in die Grenzsicherung“ geplant sind.  Die Bruderpartei werde also  dafür sorgen, „dass die Staatsgrenze der Ungarischen Volksrepublik zu Österreich auch weiterhin gesichert wird“.

Die letzte 1. Mai-Demonstration

Überhaupt scheint die sozialistische Welt von Honecker, Keßler  und den anderen „führenden Genossen“ in diesen Frühlingstagen des Jahres 1989 völlig in Ordnung zu sein. An einem strahlenden Sonnentag hat das SED-Politbüro in Berlin  einen Tag vor der ungarischen Grenzdemontage das Volk, wie üblich, an sich vorüberziehen lassen.

Dass es die letzte 1.Mai-Demonstration dieser Art sein würde, ahnt zu diesem Zeitpunkt allerdings auch außerhalb der Parteiführung  noch niemand. Die SED-Bezirkszeitung  „Neuer Tag“ zeigt einen gut gelaunten Honecker auf der Tribüne in Berlin und meldet 60 000 Frankfurter, die mit ihrem „farbenfrohen Zug“  ein Gefühl von Optimismus und sozialer Sicherheit vermitteln.“ Auf einem Transparent liest man: „Unsere Stimme am 7. Mai den Kandidaten der Nationalen Front“. Ein Aufruf zu den Kommunalwahlen, die dann wegen der erstmals nachgewiesenen   Fälschungen berühmt werden.

 Im Sommer 1989 wendeten sich dann Hunderte DDR-Bürger vom real existierenden Sozialismus ab und flohen über die ungarisch-österreichische Grenze.
Im Sommer 1989 wendeten sich dann Hunderte DDR-Bürger vom real existierenden Sozialismus ab und flohen über die ungarisch-österreichische Grenze. FOTO: picture-alliance / dpa/dpaweb / Votava

Schon im März war der ungarische Ministerpräsident Miklos Nemeth nach Moskau gereist, um über die Grenzanlagen zu reden. Michail Gorbatschow versprach, sich nicht einzumischen, wenn die Ungarn den mittlerweile rostigen Zaun an der Grenze einrollen wollten.  Und das Versprechen wird gehalten.

Etwas stimmt nicht

Die ungarischen Ereignisse finden in diesen Maitagen in der DDR-Presse keine Erwähnung. Aber am 12. Mai spricht Erich Honecker auf dem „Pfingsttreffen der FDJ“   in Berlin. Genauer gesagt spricht er auf der „Manifestation der FDJ.“  Und  wer will, kann heraushören, dass irgendetwas nicht stimmt.

Nachdem Honecker die üblichen Aufgaben  aufgezählt hat, wobei die Erhaltung des Weltfriedens deutlich herausragt, sagt der Parteichef Folgendes: „Bei der Lösung dieser Aufgaben dürfen wir uns keinen Augenblick davon beirren lassen, dass die Entwicklung in dem einen oder anderen Land des Sozialismus unterschiedlich verläuft.“ In der Sowjetunion und anderswo gebe es gerade „eine große Umgestaltung“, was nichts da­ran ändere, dass diejenigen „nichts, aber auch gar nichts“  von der gesellschaftlichen Entwicklung verstünden, „die am liebsten den Sozialismus zu Grabe tragen würden“.

Fällt der Eiserne Vorhang?

Am 2. Mai orakelt im Rias der Korrespondent Thomas Gerlach: „Das Loch, das ab heute in die Grenzsperren geschlagen wird, regt die Fantasie an.  Vielleicht fällt der Eiserne Vorhang ja einmal auf seiner ganzen Länge – zwischen Ostsee und Donau.“

 Bevor es so weit ist, geschieht noch viel Widersprüchliches. Einerseits werden die Löcher im ungarisch-österreichischen Grenzzaun immer größer und ab Ende Juni setzt die Massenflucht von DDR-Bürgern ein. Anderseits demonstrieren in Ostdeutschland Tausende und rufen: „Wir bleiben hier“.

  Einerseits hatte Ungarn versichert, es werde an der Grenze nicht mehr geschossen, anderseits stirbt der Weimarer Architekt Kurt-Werner-Schulz am 21. August beim Fluchtversuch nach Österreich durch eine Kugel. Aber das war auch der letzte Tote des Kalten Krieges. Am 11. September 1989 ist die ungarische Grenze endgültig offen.

 In den drei Wochen danach flüchten 25 000 DDR-Bürger nach Österreich. Die DDR verbietet darauf Reisen nach Ungarn. Aber das hält nichts und niemanden mehr auf.