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| 10:17 Uhr

Mit Verlaub!
Der Koloss im Laufstall – gut so

Deutschland braucht nirgendwo eine politische Führungsrolle.

Europa ist der älteste Teil dessen, was gemeinhin als "der Westen" bezeichnet wird. Und in Europas Mitte wiederum liegt die nach USA, China und Japan viertgrößte Wirtschaftsnation: Deutschland. Sie ist manch kleinerem Nachbarn als Zucht- und Zahlmeister zugleich suspekt und willkommen. Hans-Dietrich Genschers Nach-Wiedervereinigungs-Frohlocken, nun sei Deutschland von Freunden umgeben, erschien mir stets als Zwangsoptimismus desjenigen, der es eigentlich besser wissen musste. Freunde hat ein Mensch. Ein Staat hat bestenfalls Partner.

Unser Land wirkt von außen betrachtet eher wie ein Koloss im Laufstall. Zu fragen wäre, ob das Einhegen nicht gut sei. Als ich neulich las, Deutschland müsse die Führung in Europa übernehmen, rief alles in mir: Bloß das nicht. Heute vor 129 Jahren wurde im österreichisch-deutschen Grenzgebiet das Scheusal geboren, das den größten anzunehmenden Unfall der deutschen Geschichte verursacht hat. Wir sollten froh und dankbar sein, dass wir wieder in den Kreis zivilisierter Völker aufgenommen wurden und uns 1990 sogar das Zusammenfügen beider deutscher Teilstaaten von Washington und Moskau sowie - widerwillig - von London und Paris gestattet wurde. Wir sind nicht nur, wie es die Historiker ausdrücken, eine verspätete Nation, sondern wir gelten seitdem auch als späte Glückskinder der Geschichte. Man mache sich nichts vor: So etwas schafft Neid unter den gefühlt oder real Zukurzgekommenen.

Den Ruf nach Deutschlands Führungsrolle sollten wir klug überhören. "Partner in leadership" (George H.W. Bush) mit der Grande Nation Frankreich - das ja, aber nichts darüber hinaus. Das fiel den Verantwortlichen in der "Bonner Kaufmanns-Republik" (Joschka Fischer) leichter als denjenigen in Berlin, dort, wo das Großtuende zur Wesensart selbst der Kleinwüchsigen zählt. Wir brauchen wieder mehr vom Bonner Geist.

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(RP)