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| 19:30 Uhr

Handel
Der Kampf um faire Preise

 Lob vom Minister für das Bioangebot: Lidls hatte Ende 2018 zudem begonnen, das Sortiment auf 100 Prozent Fairtrade-Bananen umzustellen.
Lob vom Minister für das Bioangebot: Lidls hatte Ende 2018 zudem begonnen, das Sortiment auf 100 Prozent Fairtrade-Bananen umzustellen. FOTO: picture alliance/dpa / Roland Weihrauch
Berlin. Entwicklungsminister kritisiert Ausbeutung und Kinderarbeit für Supermarkt-Produkte. Von André Bochow

Der Faire Handel hatte im Jahr 2017 mit bundesweit 1,5 Milliarden Euro ein Umsatzhoch. Eine Steigerung um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Umsatz verfünffacht. Trotzdem fristet der Handel mit Produkten aus Entwicklungsländern, für die „faire“ Preise gezahlt werden, ein Nischendasein.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat es selbst gesehen. Immer wieder. „Wenn Sie in Westafrika auf eine Kaffee-Plantage gehen, dann treffen Sie dort sehr häufig auf ganze Familien. Die Kinder müssen mitarbeiten, weil der Preis für den Rohkaffee vor Ort so gering ist, dass das Elterneinkommen nicht genügt.“ Der Minister will das ändern. „Wenn in Deutschland für ein Kilo Kaffee im Geschäft zehn bis 12 Euro zu zahlen sind, bekommen die Kleinbauern in Afrika oder Lateinamerika 30 Cent.“

Bei anderen Produkten ist es ähnlich. Der Discounter Lidl erlebt gerade, was im deutschen Einzelhandel passieren kann, wenn man die Initiative ergreift. „Wir haben uns entschieden, komplett auf Fairtrade umzustellen“, sagt Matthias Oppitz, Chef von Lidl Deutschand. Die Konkurrenz reagierte. Mit einem Preiskampf. „Wir finden jetzt Kilopreise für Bananen von 89 Cent oder sogar darunter.“ Vor allem Aldi hat sich unrühmlich hervorgetan. In Ecuador sollen noch einmal die Erzeugerpreise gesenkt werden. Der Entwicklungsminister ist empört: „Die Menschen sind doch nicht unsere Bananensklaven.“

Beim Kaffee gibt es ähnliche Missverhältnisse. „Allein in Deutschland sind die Einnahmen, die die Exporteure von Rohkaffee im Jahr erzielen konnten, in den vergangenen 20 Jahren um 130 Millionen Euro pro Jahr gesunken“, rechnet Jonas Lorenz, Kaffeeexperte vom Forum Fairer Handel vor. „Gleichzeitig wird aber gerösteter Kaffee im Wert von 2,62 Milliarden Euro mehr umgesetzt. Eine Steigerung um 115 Prozent.“ Die Röstereien aber stehen in Europa oder in den USA.

Dabei geht der Kampf um faire Preise in sein fünftes Jahrzehnt. Wer im Supermarktregal darauf achtet, findet die entsprechenden Siegel auf mittlerweile vielen Produkten. Das bekannteste ist sicher das von Fairtrade. Kurt Damm, der für TransFair als Referent arbeitet, erklärt die Idee so: „Wenn Sie ein Fairtrade-Produkt kaufen, wissen Sie, dass ein Mindestpreis an Kleinbauern gezahlt wurde, die sich in einer Kooperative zusammengeschlossen haben. Den Bauern wird eine Prämie gezahlt und die Vorfinanzierung ist garantiert.“ Nicht zu vergessen: Das Produkt wird ohne Kinderarbeit und ohne Diskriminierung von Frauen hergestellt. Außerdem müssen ökologische Mindeststandards eingehalten werden.

Es gibt jedoch eine Vielzahl von anderen Nachhaltigkeits-Siegeln. „Der Begriff des Fairen Handels ist gesetzlich nicht geschützt“, sagt Damm und verweist zum Beispiel auf „Rainfores Alliance“. „Da geht es mehr um Natur und Tier, weniger um die Menschen.“ Bei den im Dachverband „Forum Fairer Handel“ versammelten Mitgliedern ist geklärt, dass die Produzenten im Mittelpunkt stehen. Darunter sind so bekannte wie Gepa oder Naturland. Forum-Geschäftsführer Manuel Blendin weiß, dass die Verbraucher ein Einheitssiegel bevorzugen würden. „Ein Einheitssiegel würde man am ehesten mit einer gesetzlichen Regelung hinbekommen. Da besteht allerdings die Gefahr, dass der kleinste gemeinsame Nenner gesucht wird, und das könnte viel verwässern.“

Der faire Handel ist nicht unumstritten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat eine Studie über Fairtrade-Kaffee veröffentlicht. Mitautorin Helene Naegele bestreitet nicht, dass ein Teil des Preises für Fairtrade-Produkte tatsächlich an die Produzenten geht. „Aber die Konsumenten zahlen darüber hinaus noch einen Aufschlag an die Handelsketten.“ Profitmaximierung durch Abschöpfung des Gewissensbonus’. Naegele hält aber auch bestimmte Prinzipien von Fairtrade für problematisch. So fallen jährliche Lizenzgebühren an, wenn man Teil des Systems ist. „Diese Zertifizierungskosten belasten die Bauern unabhängig davon, wie viel Kaffee tatsächlich für den Mindestpreis verkauft werden kann.“

„Die Zertifizierungsgebühren für Fairtrade betragen insgesamt nur drei Prozent der ausgezahlten Prämien“, hält Manuel Blendin vom Forum Fairer Handel dagegen. Der Mindestabnahmepreis für ein Kilogramm Kaffee beträgt 1,40 Euro, die Prämie 20 Cent und der Biozuschlag 30 Cent. „Außerdem sind der Zusammenschluss in Kooperativen, die diskriminierungsfreie Arbeit, auch die höhere Rechtssicherheit nicht gering zu schätzen. Das ändert die Form der Produktion und des Zusammenlebens enorm.“

Blending weiß, dass sich wirklich fairer Handel ohne Veränderungen in den Wirtschaftsbeziehungen nicht entwickeln kann. Beim Kaffee liegt der Marktanteil fair gehandelten Kaffees nach 40 Jahren bei fünf Prozent. Es bedarf gesetzlicher Regelungen. Denn: „Die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen zwischen der EU und Afrika konterkarieren das, was im fairen Handel aufgebaut wird. Da wird viel Druck ausgeübt, um Deregulierungen durchzusetzen.“

Xaver Kitzinger dagegen geht seinen eigenen Weg. Zusammen mit Partnern aus Ruanda hat er die „Kaffee-Kooperative“ aufgebaut. Dass die Großen im fairen Handel solchen Direktvermarktern mangelnde Transparenz bescheinigen, ficht ihn nicht an. Das Besondere an Kaffee wie „Angelique‘s Finest“, ist, dass er in Ruanda geröstet und verpackt wird. „Es kommt deutlich mehr Geld bei den Produzenten an“, sagt Kitzinger. „Wir streben 50 Prozent vom Verkaufspreis an und sind schon bei 40 Prozent.“ Und noch etwas ist besonders: Die ruandischen Kleinbauern kosten wegen der Qualititätskontrolle regelmäßig vom aufgebrühten Kaffee. Das ist keine Selbstverständlichkeit. „Die Mehrzahl der Produzenten in Afrika hat noch nie Kaffee getrunken.“