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Interview
„Gefragt ist fürsorgliche Mitarbeiterführung“

Egal ob Wochenende, freie Tage oder Urlaub – immer mehr Arbeitgeber verlangen von ihren Angestellten die permanente Bereitschaft zum Kontakt oder zum Einsatz.
Egal ob Wochenende, freie Tage oder Urlaub – immer mehr Arbeitgeber verlangen von ihren Angestellten die permanente Bereitschaft zum Kontakt oder zum Einsatz. FOTO: Sikov / Fotolia / Sikov - stock.adobe.com
Der Leiter des Instituts zur Zukunft der Arbeit im RUNDSCHAU-Interview über das Problem der ständigen Erreichbarkeit im Job. Stefan Vetter

Immer mehr Beschäftigte in Deutschland checken nach Feierabend noch dienstliche E-Mails. Der Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück plädierte in dieser Woche für radikale Gegenmaßnahmen, um ein Recht auf Nichterreichbarkeit durchzusetzen. Die RUNDSCHAU sprach darüber mit dem Chef des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), Hilmar Schneider.

Herr Schneider, ständige Verfügbarkeit und immer mehr Stress – soll das die Zukunft der Arbeit sein?

Schneider Zumindest müssen wir uns darauf einstellen, dass sich Arbeit und Freizeit immer mehr vermischen werden. Der Arbeitsplatz als Ort  physischer Anwesenheit verliert in vielen Branchen an Bedeutung. Was wir dienstlich tun, muss nicht immer im klassischen Büro erfolgen. Es geht auch an einem anderen Ort.

Das sind nicht gerade rosige Aussichten.

Schneider Ich sehe das anders. Gibt diese Arbeitsweise den Beschäftigten doch auch die Möglichkeit, zwischendurch private Dinge erledigen zu können. Der Preis ist, dass man dafür aber auch in Zeiten dienstlich zu tun hat, die normalerweise als Freizeit zählen.

Porsche-Betriebsratschef  Hück regt an, E-Mail-Konten nach Dienstschluss zu sperren und spätere Benachrichtigungen zu löschen. Kämpft da einer gegen Windmühlen?

Schneider Der Vorschlag wirkt sehr antiquiert. Denn längst sind es ja nicht nur E-Mails, mit denen man  außerhalb der Dienstzeiten kommunizieren kann. Whatsapp oder Twitter gehören genauso dazu. Diesen Kampf kann der Betriebsratschef von Porsche nur verlieren.

Aber der Porsche-Betriebsrat Hück trifft den Nerv vieler Beschäftigter, denen die ständige Verfügbarkeit zunehmend  auf  die Psyche schlägt.

Schneider Die Idee von Herrn Hück ist ja nicht neu. Die Telekom hatte schon vor einigen Jahren verfügt, dass Mitarbeiter am Wochenende nicht auf E-Mails antworten müssen. Das Ergebnis war, dass diejenigen, die davon abwichen, als karrieretüchtig galten, während die anderen als Bremser dastanden. Am Ende hat man die Mitarbeiter nicht geschützt, sondern der Stress wurde im Gegenteil sogar noch größer. Bei Porsche würde das genauso passieren.

Genervte Mitarbeiter können aber nicht im Interesse eines Unternehmens sein.

Schneider Richtig. Die große Herausforderung besteht deshalb auch darin, Lösungen zu finden, um die Mitarbeiter nicht zu überfordern. Das ist zweifellos kompliziert. Nur ein Beispiel: Wenn mir als angestellter Event Manager früh beim Rasieren die Idee für ein Veranstaltungskonzept kommt und ich das gleich aufschreibe, dann habe ich gearbeitet. Meine Firma interessiert es aber nicht, ob ich das in der Freizeit oder im Büro gemacht habe. Was zählt, ist nur, ob die Idee gut ist. So etwas lässt sich nicht mit einer klassischen Arbeitszeitregelung erfassen.

Haben Sie eine bessere Idee?

Schneider Das geltende Arbeitszeitgesetz ist hier untauglich für die Zukunft. Denn es sagt nur, wie lange gearbeitet werden darf, aber es sagt nicht, was Arbeit ist.  Wenn man will, dass Beschäftigte nicht wie eine Zitrone ausgepresst werden, dann erfordert das eine fürsorgliche Mitarbeiterführung.

Das klingt  mit Verlaub ein bisschen nach Sozialromantik.

Schneider Auch wenn das die Gewerkschaften nicht gern hören, aber die Lösung sind hier keine Flächentarifverträge, sondern ganz spezielle betriebliche Vereinbarungen. Eine allgemeine Vorschrift könnte darauf hinauslaufen, dass es in Betrieben konkrete Ansprechpartner geben muss, die darauf achten, dass es nicht zu individuellen Überlastungen kommt. Und die mit der Befugnis ausgestattet sind, hier auch ein Stoppzeichen zu setzen.

Mit Hilmar Schneider
sprach Stefan Vetter

Hilmar Schneider: Die große Herausforderung besteht darin, die Mitarbeiter nicht zu überfordern.
Hilmar Schneider: Die große Herausforderung besteht darin, die Mitarbeiter nicht zu überfordern. FOTO: Kristin Kruthaup / picture alliance / Kristin Kruth