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Der blutige Schnitt zur Trennung von Indien

Islamabad. Die Entstehung Pakistans war eine brutale Zeit. Heute feiert das Land 70 Jahre Unabhängigkeit. Doch die Teilung wirkt nach. Christine-Felice Röhrs und Nick Kaiser

Der Monsunregen prasselt vom Himmel und lässt die Fensterscheiben im alten Bus neblig anlaufen, als der Postmeister und die Akademikerin sich aufmachen in die Vergangenheit. Ihr Ziel sind zwei Dörfer an der pakistanisch-indischen Grenze, Bambanwala und Ghartel. Dort wollen Mohammad Hanif und Fakhra Hassan, freiwillige Helfer eines großen Geschichtsprojekts, Erinnerungen sammeln von Menschen, die vor 70 Jahren eine der größten politischen Umstürze und Migrationswellen der Weltgeschichte überlebt haben.

Die "partition", die Teilung von Britisch-Indien in Indien und Pakistan im Jahr 1947, war ein brutales Kapitel. Mindestens eine Million Menschen starben bei Unruhen und Massakern, die Historiker zu den schwersten religiös begründeten Massentötungen überhaupt zählen. Bis zu 15 Millionen Menschen verloren ihre Heimat, als Muslime westwärts nach Pakistan zogen oder flohen und Hindus und Sikhs ostwärts nach Indien. Die Mitarbeiter des "1947 Partition Archive" haben in Pakistan und Indien seit 2010 mehr als 4300 Geschichten von Überlebenden dieser Zeit gesammelt.

Es ist der Beginn einer Bürger-basierten Bewegung, die die Stimme des Volkes in der Geschichtsschreibung verankern will. Denn hier, sagt Fakhra Hassan, liege ein großes Versagen des pakistanischen Staates seit seiner Gründung. "Er verweigert den Menschen ihre Erinnerungen und das Recht, um Verlorenes zu trauern."

Der Staat porträtiere die Schaffung eines Landes allein für die Muslime der Region als triumphalen Erfolg; Kritiker dieser Darstellung würden potenziell als Staatsfeinde angesehen, sagt Hassan. Heute jährt sich der Unabhängigkeitstag zum 70. Mal. Für viele Menschen sei es der Jahrestag einer Tragödie. Es sei außerdem Zellkern vieler Probleme, die bis heute nachwirkten.

Das trifft wohl vor allem auf die Politik gegenüber Pakistans Nachbarn zu, darunter Erzfeind Indien, Konkurrent im Wettrüsten mit Atomwaffen. Die Teilung hat die Region - die mit 1,3 Milliarden Indern und rund 200 Millionen Pakistanern eine der am dichtesten bevölkerten der Erde ist - ungleich zurückgelassen. Indien ist in der öffentlichen Wahrnehmung heute ein selbstsicherer Staat, der sich aus der Dritten Welt herausgekämpft hat. Pakistan wiederum ist ein Staat mit maroder Wirtschaft und noch schwachen demokratischen Strukturen, dessen Oberster Gerichtshof gerade den Ministerpräsidenten abgesetzt hat. Wegen Korruption, heißt es offiziell. Es halten sich aber hartnäckig Gerüchte, dass das mächtige Militär hier möglicherweise eine Gelegenheit genutzt hat. Nawaz Sharifs Versöhnungskurs mit Indien zum Beispiel war den Generälen immer suspekt. Pakistan hat auch weiter ein massives Sicherheitsproblem mit einer der höchsten Dichten an ex tremistischen Gruppen in der Welt. Seit einigen Jahren bekämpft es sie schärfer und mit Erfolg, kneift aber dabei ein Auge zu. Viele Regierungen kritisieren scharf, dass Pakistans Geheimdienste weiter Islamisten unterstützten, die die Nachbarn Indien und Afghanistan zu destabilisieren suchen.

Auf allen Seiten peitschten damals Demagogen die Massen auf, während der Vertreter der Muslime in Britisch-Indien, Mohammad Ali Jinnah, und der Wortführer der Hindus und Sikhs, Jawaharlal Nehru, für ihre Anhängerschaften um das Territorium des zusammenbrechenden britischen Empires verhandelten. Hindus und Muslime jagten einander in tödlichen Razzien.

Der Autor des Buches "Das tödliche Erbe von Indiens Teilung", Nisid Hajari, beschreibt die Ängste, die Verdächtigungen und den Hass der Massen aufeinander in jenen Monaten des Jahres 1947 als "Furien", die losgelassen und nie wieder eingefangen wurden.