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Verletzung religiöser Gefühle
Pussy Riot und der Gottesmann

Moskau. Wenn es um die „Verletzung religiöser Gefühle“ ging, war Dmitrij Zorionow sofort zur Stelle. Der Anführer der orthodoxen Moskauer Aktivistengruppe „Gottes Wille“ erkannte in religiösen Grenzverletzungen ein häufiges Übel. Daraus wurde inzwischen ein Rundumvorwurf, gegen den sich Andersdenkende in Russland kaum noch wappnen können. Von Klaus-Helge Donath

Der Aktivist Dmitrij Zorionow ist besser bekannt unter dem orthodoxen Kampfnamen Enteo. Mit provokanten Aktionen erlangte der ultraorthodoxe Gotteskrieger einen großen Bekanntheitsgrad. Auch religiöse Sponsoren scheuten die Nähe des Eiferers nicht.

Vor zwei Jahren zerschlug Zorionow, Kind aus gutem Hause und Absolvent der Moskauer Diplomatenschmiede MGIMO, in der Manege-Ausstellungshalle vor den Toren des Kreml Skulpturen eines christlichen Bildhauers. Grund: sie fügten sich nicht in sein religiöses Verständnis’. Der junge Mann gehört zu den Späterleuchteten, noch als Student versuchte er es mit Yoga-Rave und New Age. Die Offenbarung soll sich unterdessen in Sibirien beim Militär zugetragen haben. Dort versuchte er Russlands konfessionelle Vielfalt für den orthodoxen Glauben zu missionieren.

Militant und aktiv wurde der Diplomatensohn indes erst 2012. Damals hatte die Punkband Pussy Riot mit einem Überraschungsauftritt in der Christi Erlöser Kirche in Moskau mit eiem Punkgebet für Furore gesorgt. Die Frauen kreischten „Jungfrau Maria werde eine Feministin“ und „verjage Putin“. Nach einer Auszeit als Ministerpräsident wollte sich Wladimir Putin im März wiederwählen lassen. Dem waren Massenproteste wegen Wahlbetrugs der Krempartei bei den Dumawahlen 2011 vorausgegangen. Im Schulterschluss mit der orthodoxen Kirche ging der Kreml gegen Pussy Riot und die Protestbewegung vor.

Vierzig Sekunden dauerte der Auftritt, bis die Wachen die maskierten Frauen aus der Erlöser-Kathedrale entfernten. Noch im Sommer wurden sie von einem Moskauer Gericht zu einer zweijährigen Lagerstrafe wegen der Entfachung religiösen Hasses verurteilt.

Enteo gründete damals den Kampfbund „Gottes Wille“, um der Forderung nach einer Haftstrafe für die Frauen Nachdruck zu verleihen. Ansonsten agitierte er gegen Homosexualität und Abtreibung. Auch machte er sich dafür stark, an russischen Schulen statt der Evolutionslehre den Kreationismus zu unterrichten. In der Bewegung „Pro Life“ organisierte er öffentliche Gebete gegen „Propaganda für Homosexualität“ und allerlei blasphemische Auswüchse.

Heute sind Enteo und Maria Aljochina ein Paar. Sie war neben Nadja Tolonnikowa eine der sichtbaren Frontfrauen von Pussy Riot. Die 29jährige machte auch als Gefangene durch Furchtlosigkeit und Widerstand auf sich aufmerksam.

Zurzeit ist sie mit dem Theaterstück „Burning Doors“ in Europa und den USA unterwegs. Vor kurzem erschien das Buch „Riot Days“, eine Sammlung von Reflektionen aus der Zeit in der Frauenkolonie. „Es ist nicht nur meine Geschichte, es ist die Pussy Riots und Russlands. Ob Polizisten, Gefangene und Wärter, sie alle trafen ihre Wahl“, sagt sie. Jeder habe die Wahl.

Auch sie hat ihre Wahl getroffen. Als Maria sich nach fast einem Jahr zu der Beziehung mit Enteo bekennt, geht ein Aufschrei durch die Protestszene. Viele kündigten ihr die Freundschaft auf.

Angefangen hatte alles vor einem Jahr auf einem Fest des liberaleren Radiosenders Echo Moskwy. „Hallo, ich bin Mascha!“ will sie sich Zorionow damals vorgestellt haben. Der wollte sich auch gleich mit ihr treffen. Später willigte sie ein, da sie wissen wollte, was das für ein Mensch sei, der eine Bewegung gründet, um sie ins Gefängnis zu bringen.

In einer ersten gemeinsamen Aktion lasen sie in diesem Frühjahr vor dem Justizministerium aus dem Matthäusevangelium - „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“.

Maria schleppt Dmitri mit zu Demonstrationen des linken Spektrums. Inzwischen befasst sich dieser in einer neuen Organisation mit „Entkommunisierung“, der Befreiung vom kommunistischen Erbe.

Konflikte seien bis heute an der Tagesordnung, gesteht sie dem russischen Medium „takie dela“. Richtig ärgerlich wurde Aljochina, als sie für die Freilassung des Starregisseurs Kirill Serebrennikow vom Moskauer Gogol-Zentrum demonstrierte. Dmitrij hielt dagegen: vor solchen Leuten wie dem schwulen Theatermann müsse die Kultur geschützt werden. In solchen Situationen wird Aljochina ungehalten. Die Metamorphose des Gottesmannes ist noch nicht abgeschlossen.

„Über unseren ersten Sex werde ich jetzt aber nichts erzählen“, sagt sie nach einer langen Pause.