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| 18:54 Uhr

Der „Tag der Befreiung“
Der Befreiungsprozess

 Ein Soldat der Ehrengarde marschierte gestern über den Roten Platz während einer Probe für die Militärparade zum Tag des Sieges. Die Parade findet am 9. Mai auf dem Roten Platz statt. Der Tag des Sieges ist in Russland einer der wichtigsten Feiertage.
Ein Soldat der Ehrengarde marschierte gestern über den Roten Platz während einer Probe für die Militärparade zum Tag des Sieges. Die Parade findet am 9. Mai auf dem Roten Platz statt. Der Tag des Sieges ist in Russland einer der wichtigsten Feiertage. FOTO: dpa / Pavel Golovkin
Berlin. Der 8. Mai und was er uns heute noch sagt, insbesondere über uns und die Befreier.

Morgen werden wieder die Panzer und Raketenträger über den Roten Platz in Moskau rollen. Russland wird daran erinnern, dass es als Herz der Sowjetunion zu den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges gehörte und dass es die Sowjetvölker waren, die in diesem Krieg die meisten Opfer brachten. Die Erinnerung wird auch wieder der Selbstbestätigung als militärische Supermacht dienen.

In Moskau geht es um den Tag des Sieges vor 74 Jahren. Es ist gleichzeitig der Tag der deutschen Niederlage. Der militärischen und der moralischen. Dass es ein Tag der Befreiung war, bejahen heute laut Umfragen die meisten Deutschen. Aber bis sich diese Erkenntnis durchsetzte, vergingen Jahrzehnte. Letztlich war es Richard von Weizsäcker, der 1985 so nachdrücklich von Befreiung sprach, dass es bis heute nachhallt. Trotzdem mangelt es nach wie vor nicht an Versuchen, Schlussstriche zu ziehen, über Schuldkult zu fabulieren und sich nachträglich zum Opfer der Geschichte zu machen.

In Ostdeutschland folgte auf die Phase des Grauens eine neue Diktatur, und in Westdeutschland war noch 1949 eine Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt, der Nationalsozialismus sei eine gute Sache, die nur schlecht ausgeführt wurde.

Im Jahr 1946 hatten 37 Prozent der Befragten im Westen angegeben, die Vernichtung von Juden und Polen sei für die Sicherheit der Deutschen wichtig gewesen. Im Osten wurde so etwas nicht gefragt.

Dass die Ostdeutschen Hitler mehrheitlich genauso willig folgten wie die Westdeutschen, wurde in der DDR ignoriert. Stattdessen wurde mit Inbrunst auf weiter aktive Nazirichter, Nazipädagogen, Nazipolitiker, Naziwissenschaftler und Nazigeheimdienstler im Westen verwiesen. Doch angesichts von Vergewaltigungen, Zerstörungen und Entbehrungen aller Art war vom Gefühl der Befreiung in ganz Deutschland weit und breit lange nichts zu spüren.

Und doch war es eine Befreiung. Hüben wie drüben. Die Alliierten, allen voran die UdSSR, haben die Menschheit und die Deutschen vom barbarischen Hitlerfaschismus befreit. Dazu wären die Deutschen allein nicht in der Lage gewesen. Mit wenigen Ausnahmen haben sie es damals auch nicht gewollt.

Dieser Mangel an Widerstand und umgekehrt die verstörende Bereitschaft, andere Völker zu unterjochen, die Bereitschaft zum Massenmord oder zu seiner Duldung, die Willigkeit, auch noch den mörderischsten Befehl auszuführen – das alles hat sich in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt. Nur mit fremder Hilfe, die eine gewaltsame Hilfe war, konnten die Deutschen vom nationalistischen und rassistischen Wahn befreit werden. Diese Schande wird für immer bleiben.

Manche Zeitgenossen sind auf dem besten Weg, sie zu erneuern. Wenn die Höckes dieses Landes wieder „Deutschland, Deutschland über alles“ grölen, ist es so, als ob es nie eine Befreiung gegeben
hätte.

Und so verstörend Militärparaden auch sein können, wer Russland immer neu zum Feind erklärt, hat aus der Befreiung nicht die richtigen Schlüsse gezogen. Befreiung ist ein Prozess. Der allerdings nicht unumkehrbar ist.

 Ein Soldat der Ehrengarde marschierte gestern über den Roten Platz während einer Probe für die Militärparade zum Tag des Sieges. Die Parade findet am 9. Mai auf dem Roten Platz statt. Der Tag des Sieges ist in Russland einer der wichtigsten Feiertage.
Ein Soldat der Ehrengarde marschierte gestern über den Roten Platz während einer Probe für die Militärparade zum Tag des Sieges. Die Parade findet am 9. Mai auf dem Roten Platz statt. Der Tag des Sieges ist in Russland einer der wichtigsten Feiertage. FOTO: dpa / Pavel Golovkin