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| 17:55 Uhr

Kampf für Meinungsfreiheit
Deniz Yücel erhält Medienpreis M100

Deniz Yücel saß ein Jahr in der Türkei in Untersuchungshaft.
Deniz Yücel saß ein Jahr in der Türkei in Untersuchungshaft. FOTO: dpa / Soeren Stache
Potsdam/Istanbul. „Mutige und unbestechliche Arbeit“ des Journalisten wird gewürdigt. Seine Kollegin Mesale Tolu prangert mangelnde Pressefreiheit an.

( Der bis zum vergangenen Februar in der Türkei inhaftierte Journalist Deniz Yücel erhält in diesem Jahr den Medienpreis M100 Media Award. Mit der Verleihung am 18. September in Potsdam solle die „mutige und unbestechliche Arbeit“ des „Welt“-Korrespondenten gewürdigt und zugleich an alle in der Türkei inhaftierten Journalisten erinnert werden, wie die Preisverleiher am Dienstag mitteilten.

Die Laudatio bei der Preisverleihung zum Abschluss der internationalen Medienkonferenz M100 wird die Deutsche-Welle-Chefredakteurin Ines Pohl halten. Auch unter dem Druck seines einjährigen Gefängnisaufenthalts in der Türkei habe sich Yücel weder Denk- noch Sprechverbote erteilen lassen, befand die Jury.

Yücel habe „unerschrocken und fundiert über die politischen Verhältnisse in der Türkei berichtet“ und sich selbst aus der Haft heraus für einen kritischen und unabhängigen Journalismus eingesetzt, erklärte der M100-Beiratsvorsitzende und Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). „Dies erfordert in einer Zeit, in der Autokraten und Populisten die Werte einer freien und offenen Gesellschaft bedrohen, besonders viel Mut.“

Dem 44-jährigen Yücel wird von der türkischen Justiz wegen seiner Artikel „Volksverhetzung“ und „Terrorpropaganda“ vorgeworfen. Die Bundesregierung sieht die Vorwürfe als politisch motiviert an. Yücel war Mitte Februar nach einem Jahr in Untersuchungshaft freigelassen worden und nach Deutschland zurückgekehrt.

Der M100 Media Award wird jährlich an Menschen vergeben, die „durch ihr Schaffen in Europa und der Welt Spuren hinterlassen“, insbesondere im Kampf um Presse- und Meinungsfreiheit. Zu den früheren Preisträgern gehören der italienische Mafiaexperte Roberto Saviano, das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und der verstorbene Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP). Vergangenes Jahr nahm die russische Fernsehmacherin Natalja Sindejewa die Auszeichnung entgegen.

Unterdessen hat die in der Türkei unter Terrorvorwürfen angeklagte deutsche Journalistin Mesale Tolu mangelnde Pressefreiheit im Land beklagt. Noch immer seien mehr als Hundert ihrer Kolleginnen und Kollegen in der Türkei inhaftiert, „weil sie ihren Job getan haben“, schrieb Tolu am Montagabend auf Twitter. „Solange die Journalist*innen eingesperrt sind, kann man nicht von einer Verbesserung hinsichtlich der Presse- und Meinungsfreiheit sprechen.“

Trotz der Aufhebung ihrer Ausreisesperre sei sie noch immer in der Türkei, schrieb Tolu. Nach Angaben ihres Solidaritätskreises ist die Ausreise der 33-Jährigen für den kommenden Sonntag geplant.

Tolu, die für die linke Nachrichtenagentur Etha arbeitete, war im Frühjahr 2017 wegen des Vorwurfs der Mitgliedschaft in einer Terrororganisation verhaftet worden. Sie saß mehr als sieben Monate in Istanbul in Untersuchungshaft und kam erst am 18. Dezember mit der Auflage frei, das Land nicht verlassen zu dürfen. Wie am Montag bekannt wurde, darf Tolu das Land nun verlassen, der Prozess gegen sie wird aber fortgeführt.

Es gibt unterschiedliche Angaben zur Zahl der in der Türkei inhaftierten Journalisten. Die Nichtregierungsorganisation P24 zählt mehr als 180 inhaftierte Journalisten und Mitarbeiter von Medien, die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) listet 30 Journalisten in Haft auf. Weitere Inhaftierungen im Zusammenhang mit einer journalistischen Tätigkeit seien jedoch wahrscheinlich, heißt es bei ROG.

Nach  offiziellen  Angaben sind in der Türkei zudem mindestens sieben deutsche  Staatsbürger  „aus politischen  Gründen“  im Gefängnis.

(AFP)