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| 19:42 Uhr

Mächtigster DDR-Politiker
Was sich Erich Honecker kurz vor seinem Tod wünschte

 Das Archivbild vom 29. Juli1992 zeigt den früheren DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker, wie er mit geballter Faust die chilenische Botschaft in Moskau verlässt. Begleitet wird er vom chilenischen Sonderbotschafter R. James Holger (r.).
Das Archivbild vom 29. Juli1992 zeigt den früheren DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker, wie er mit geballter Faust die chilenische Botschaft in Moskau verlässt. Begleitet wird er vom chilenischen Sonderbotschafter R. James Holger (r.). FOTO: dpa/dpaweb / epa
Berlin. Vor 25 Jahren starb Erich Honecker in Chile. Lange stand er an der Spitze der DDR. Ins Zuchthaus, in das die Nazis ihn sperrten, schickte er später Gegner der SED-Diktatur. Doch manches in Honeckers Leben hätte anders kommen können. Von André Bochow

Nur noch einmal hemm“ – nur noch einmal nach Hause. Das war Erich Honeckers sehnlichster Wunsch, als er 1992 in Untersuchungshaft  saß. Doch das heimatliche Saarland sollte er nicht mehr wiedersehen. Am Ende standen Entmachtung, Flucht, Gefängnis und schließlich das Exil in Chile.

Manches hätte anders kommen können. In den 50er-Jahren bestand die Möglichkeit der Rückkehr des Dachdeckers in seinen Beruf. Damals, als er die Affäre mit Margot Feist begann und Walter Ulbricht scheel auf das Liebesverhältnis mit der späteren Volksbildungsministerin blickte.

Honecker hätte in seiner Jugend auch andere Vaterfiguren finden können als Thälmann, Stalin oder Herbert Wehner. „Honeckers Habitus entsprach viele Jahre dem des suchenden Schülers“, sagt Martin Sabrow. Der Historiker hat ein Buch über Honecker geschrieben, das sich mit dem Leben des späteren Generalsekretärs von 1912 bis 1945 befasst.

Historiker: Erich Honecker hatte enge Bindung ans Saarland

Eine zentrale Rolle spielt aus Sicht des Historiker die Bindung Honeckers an seine Heimat. „So ist etwa die sentimentale Beziehung zu Oskar Lafontaine in den 1980er-Jahren ohne die Bindung an das Saarland kaum nachzuvollziehen.

 Auch als Jäger gefürchtet. Erich Honecker nach einer Pirsch in den 70er Jahren in der Schorfheide.
Auch als Jäger gefürchtet. Erich Honecker nach einer Pirsch in den 70er Jahren in der Schorfheide. FOTO: dpa

Oder die zu Herbert Wehner in den 1970er-Jahren, die ursächlich auf den Abstimmungskampf an der Saar in den 30er-Jahren zurückgeht.“

Sabrow erklärt das nicht zuletzt mit der Größe der westdeutschen Region. „Im Saarland kannte man sich. Es gab persönliche Beziehungen über Parteigrenzen hinweg. Auch zwischen Kommunisten und der katholischen Kirche oder zwischen Kommunisten und Angehörigen der Hitlerjugend.“

Honecker habe früh gelernt, dass man aus pragmatischen Gründen notfalls ohne Berührungsscheu auch mit dem Erzfeind paktieren müsse und könne. „Der konnte dann eben auch Franz Josef Strauß heißen“, erläutertr Sabrow.

Mit 16 Jahren wurde Erich Honecker Kommunist

Ab 1928 gehört der 16-Jährige zu den Kommunisten. Er wird geschult, aber ein Intellektueller wird er nicht, wie Sabrow berichtet. „Als er von 1930 bis 1931 in Moskau an der Leninschule war, tat er sich nicht als jemand hervor, der tief in die Gedankenwelt der marxistischen Klassiker eingedrungen sei.“

 Ein Freund der Frauen: Erich Honecker prostet anlässlich einer Feier zum Internationalen Frauentag geladenen Gästen zu.
Ein Freund der Frauen: Erich Honecker prostet anlässlich einer Feier zum Internationalen Frauentag geladenen Gästen zu. FOTO: imago-images

In KPD-Kaderbögen gibt Honecker auf die Frage, was er gelesen habe, „Zeitungen aller Art“ an. Honecker selbst erwähnt später Goethe und Schiller als Lektüre und zitiert auch mal Dante. Am Ende seines Lebens liest er im Gefängnis „Fegefeuer der Eitelkeiten“ von Thomas Wolfe und hört Vivaldi.

Als die Nazis an die Macht kommen, kämpft Honecker gegen den Anschluss des Saarlandes an das Deutsche Reich. Einer seiner Mitkämpfer ist Herbert Wehner. Am 13. Januar 1935 erklären mehr als 90 Prozent der Saarländer, „heim ins Reich“ zu wollen.

1935: Erich Honecker flieht vor den Nazis nach Paris

Honecker flieht nach Paris. Dort ist er auf verlorenem Posten, aber die illegale Reise nach Berlin unter dem Decknamen „Martin Tjaden“ ist regelrecht selbstmörderisch.

Die Kommunisten wollen zeigen, dass sie noch handlungsfähig sind, besetzen illegale Funktionen nach Verhaftungen immer wieder neu und verlieren so einen Genossen nach dem anderen. Honecker wird wegen Widerstandes gegen das NS-Regime zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

Die verbringt er in Brandenburg an der Havel.  Unauffällig sei Honecker in der Gefängniszeit gewesen, erzählen sie in der heutigen Gedenkstätte. Zum Verräter, wie manchmal behauptet, wird Honecker nicht.

Erich Honecker gelingt 1945 die Flucht aus dem Gefängnis

Am Ende gelingt ihm die Flucht. Martin Sabrow erzählt, dass die kurioserweise mit der Zusage einer baldigen Freilassung zusammenhing. „Weil er  nach einem besonders verheerenden Bombenangriff zusammen mit der Gefängniswärterin Charlotte Schanuel beherzt Rettung in die Hand genommen  hatte.

Er befreite Menschen unter den Trümmern, er barg Leichen, und er turnte über eingestürzten Gebäudeteilen, um  Phosphorbomben auf die Straße zu werfen, die jede Sekunde hochgehen würden.“ Aber  die bevorstehende Freilassung schreckt Honecker.

„Im März 1945 hätte die Begnadigung nichts als Bewährung an der Front und damit den möglichen Tod in letzter Stunde bedeutet. Deswegen die Flucht, die aber kaum weniger lebensgefährlich war.“ Schließlich landet Honecker bei der Wärterin Schanuel, die seine Rückkehr ins Gefängnis organisiert und später Honeckers erste Frau wird. Ihre NS-Biografie verschweigt er.

Nach dem Zweiten Weltkrieg: Erich Honecker und die Frauen

Überhaupt die Frauen. Charlotte Schanuel stirbt 1948. Aber schon ein Jahr zuvor beginnt Honecker ein Verhältnis mit der drei Jahre älteren Edith Baumann. Da ist er Vorsitzender der neu gegründeten FDJ und sie seine Stellvertreterin. Kaum ist Honecker mit Baumann verheiratet, verliebt er sich in die 15 Jahre jüngere Margot Feist.

Die Gattin beschwert sich bei Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck hält die schützende Hand über sie und nach immerhin fünf Jahren folgen Scheidung und die neue Ehe. Aus Margot Feist wird Margot Honecker und aus beiden später das mächtigste Paar des Landes.

Allerdings hätte die Sache auch anders ausgehen und die beiden irgendwo in der Provinz verschwinden können.

DDR: Als Erich Honecker das Erbe von Walter Ulbricht antrat

So aber beerbt Erich Honecker Walter Ulbricht. Nach einem kur­zen ideologischen Tauwetter kommt die Biermann-Ausbürgerung 1976. Aus heutiger Sicht einer der vielen Anfänge vom Ende. In dem Maße, wie die DDR wirtschaftlich in den Keller rauscht, steigt der Starrsinn Honeckers.

Notfalls soll die Mauer 100 Jahre stehen. „Den Sozialismus, so sagt man bei uns immer, in seinem Lauf – halten weder Ochs noch Esel auf!“

So bricht zusammen, was zusammenbrechen musste. Vorher starten Versuche, Honecker abzuservieren, bevor mit ihm die DDR in den Orkus fährt. Hans Modrow gilt  als Hoffnungsträger. „Was ich weiß, ist, dass Gorbatschow sich 1988 in Warschau mit dem polnischen Staatschef Wojciech Jaruzelski darüber unterhalten hat, ob ich ein möglicher Nachfolger von Honecker sein könnte“, sagt Modrow.

 Udo Lindenberg überreichte Erich Honecker (M) bei dessen Besuch 1987 in Wuppertal eine - laut Lindenberg - "nicht ganz billige Gitarre" mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren".
Udo Lindenberg überreichte Erich Honecker (M) bei dessen Besuch 1987 in Wuppertal eine - laut Lindenberg - "nicht ganz billige Gitarre" mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren". FOTO: dpa / A2824 Franz-Peter Tschauner

1989: Hans Modrow als Nachfolger Honeckers im Gespräch

Honecker, der sonst vieles nicht mehr wahrnimmt, was im Land geschieht, ahnt, dass ihm der SED-Bezirkschef von Dresden im Nacken sitzt.  „1986 hat der BND eine Bewertung möglicher Kandidaten für die Nachfolge vorgenommen.

Konrad Naumann, den 1. Sekretär der Berliner SED-Bezirksleitung, hielt man charakterlich für schwach, aber Naumann war im Politbüro. Über mich hieß es, ich sei ein Wirtschaftsfachmann und in der Bevölkerung beliebt, aber nicht Politbüromitglied. Was nach BND-Ansicht meine Chancen stark reduzierte. Und was der BND dachte, wusste das MfS meistens ziemlich genau.“

Erich Honeckers schwere Krankheit und das falsche Attest

Modrow kommt dann doch erst nach Egon Krenz und dem Mauerfall an die Macht, und irgendwann ist Erich Honecker wieder auf der Flucht. Stationen sind ein sowjetisches Militärkrankenhaus, Moskau und die Auslieferung zum Prozess nach Deutschland mit einem gefälschten ärztlichen Attest, in dem geleugnet wird, dass Honecker Krebs hat.

Fast zwei Jahrzehnte stand der Saarländer an der Spitze einer Funktionärskaste, die mit ihrem Allmachtsanspruch und ihrer ideologischen Verblendung eine tödliche Grenze um ein ganzes Land zog, ein Spitzelsystem errichtete und das Leben sehr vieler Menschen einschränkte.

 In dieser Badewanne im Gästehaus auf dem Flugplatz Sperenberg soll Erich Honecker sein letztes Bad genommen haben, ehe er und seine Frau Margot bei Nacht und Nebel aus den Hoffmannsthaler-Anstalten kommend, nach Moskau ausgeflogen wurden.
In dieser Badewanne im Gästehaus auf dem Flugplatz Sperenberg soll Erich Honecker sein letztes Bad genommen haben, ehe er und seine Frau Margot bei Nacht und Nebel aus den Hoffmannsthaler-Anstalten kommend, nach Moskau ausgeflogen wurden. FOTO: Jan Siegel

Manche verloren wegen dieser Diktatur ihr Leben. Am 3. Dezember 1992 raffte der schwerkranke Angeklagte Honecker die letzten Kräfte zusammen und erklärte vor Gericht:  „Die DDR wurde nicht umsonst gegründet. Sie hat ein Zeichen gesetzt, dass Sozialismus möglich und besser sein kann als Kapitalismus. Sie war ein Experiment, das gescheitert ist.“ Die Menschheit werde nicht aufgeben.

„Es ist nun zu prüfen, warum das Experiment scheiterte.“ Es folgt eine lange Liste sozialistischer Errungenschaften und die Behauptung: „Immer mehr ‚Ossis‘ werden erkennen, dass die Lebensbedingungen in der DDR sie weniger deformiert haben als die ‚Wessis‘ durch die ‚soziale‘ Marktwirtschaft deformiert worden sind.“

Erich Honeckers letzte Worte vor dem Richter

70 Minuten spricht Honecker. Am Ende wendet er sich an den Richter mit den Worten: „Resümiert man den politischen Gehalt dieses Prozesses, so stellt er sich als Fortsetzung des Kalten Krieges dar.“

Weil der Krebs, den es angeblich nicht gibt, wuchert, wird  der Angeklagte nach 169 Tagen aus der Haft entlassen und fliegt nach Chile, wo Margot Honecker schon auf ihn wartet. Manche finden, dass dies eine schlimmere Strafe sei, als sie das Gericht hätte verhängen können.

Der Autor und Liedermacher Reinhold Andert, den man 1980 aus der SED warf und der jahrelang faktisch Berufsverbot hatte, hat nach dem Zusammenbruch der DDR  viele Tonbänder mit Honecker-Interviews gefüllt.

Biograf: Erich Honecker kannte nicht mal die Witze über ihn

Andert berichtete, wie weltfremd Honecker war. Nicht einmal Witze über ihn waren an sein Ohr gedrungen. Dabei gab es die reichlich. Zum Beispiel den: Honecker sieht am Morgen die Sonne aufgehen. „Guten Morgen, liebe Sonne!“ Darauf die Sonne: „Guten Morgen, Genosse Generalsekretär und Vorsitzender des Staatsrats der Deutschen Demokratischen Republik!“

Nach dem Mittagessen wiederholt sich der Vorgang. Und am Abend ruft Honecker: „Guten Abend, liebe Sonne!“ Die Sonne antwortet: „Jetzt kannst du mich am Arsch lecken, jetzt bin ich im Westen.

Erich Honecker starb schließlich sehr weit westlich von Deutschland, am 29. Mai 1994 in Santiago de Chile. Eine richtige letzte Ruhestätte gibt es nicht. Die Urnen mit der Asche von ihm und Margot werden von Getreuen in Chile aufbewahrt. Honecker soll sich ein Grab „hemm“ im Saarland gewünscht haben.