| 02:38 Uhr

Das Weiße Haus als Rangierbahnhof

Anthony Scaramucci muss gehen – sein loses Mundwerk war offenbar sogar US-Präsident Donald Trump zu viel.
Anthony Scaramucci muss gehen – sein loses Mundwerk war offenbar sogar US-Präsident Donald Trump zu viel. FOTO: dpa
Washington. Politik, als hielte jemand die Taste für schnellen Vorlauf gedrückt. Nur zehn Tage nach seiner Berufung zum Kommunikationschef unter Donald Trump kann sich Anthony Scaramucci schon wieder nach einem neuen Job umsehen. Martin Bialecki / dpa

Vollmundig gestartet mit einem mehrfachen "Ich liebe den Präsidenten!" und sorgsam imitierter Trump-Gestik, durchschlug der alerte New Yorker vergangene Woche alle roten Niveauböden, als er Führungsfiguren des Weißen Hauses unflätig und obszön beschimpfte.

US-Medien berichteten, bei Trumps neuem Stabschef habe das mehr als nur leichtes Missfallen erregt. Erst am Montag wurde John Kelly vereidigt. Nur Stunden später war Scaramucci weg - obwohl er offiziell noch gar nicht angefangen hatte mit seinem Job. Aus dem ersten Meeting unter Kelly zitierte die "New York Times" ihn: Er sei jetzt am Drücker. Ordnung schaffen, für Disziplin sorgen, gerade Linien ziehen, fokussieren, schlicht ordentliche Regierungsarbeit abliefern: All diese Ziele wurden mit der Ernennung Kellys verbunden. Hier der schneidige Militär mit klaren Vorstellungen von Zucht und Ordnung, dort der gegelte Kommunikator mit losem Mundwerk und blauverspiegelter Brille: Das konnte wohl nicht lange gut gehen.

Allerdings schrieb die "Washington Post", dass auch der Meister selbst nicht begeistert von Scaramuccis unterirdischer Verbalattacke gewesen sei. Selber beileibe kein Kind rhetorischer Traurigkeit, habe Trump angesichts der weltweit kritisierten Ausfälle seines eigenen Kommunikationschefs doch um das Ansehen der präsidialen Familie gefürchtet. Und wenn Trump etwas ernst nimmt, dann seine Familie. Ob diese Darstellung stimmt, weiß man freilich nicht, stand doch Scaramuccis verbaler Unrat über Tage folgenlos im Raum. Drei dürre Zeilen lang ist dann das Statement des Weißen Hauses am Montag. Es liest sich ein bisschen so, als habe man Scaramucci sozusagen die Dienstwaffe auf die Brust gedrückt und ihn dann verlauten lassen: Einen unbelasteten Start habe er Kelly ermöglichen wollen und diesen sein eigenes Team bauen lassen. Das passt nicht wirklich zum galaktischen Selbstbewusstsein, mit dem "The Mooch" (Der Schnorrer) noch vergangene Woche gegen Trumps innersten Kreis zu Felde gezogen war.

Unflätig hatte Scaramucci Stabschef Reince Priebus beschimpft, am Freitag räumte der Parteisoldat nach einem unwürdigen Prozedere seinen Posten. Auch Trumps Chefstrategen Steve Bannon hatte Scaramucci mit Schmutz beworfen, das blieb nach außen hin folgenlos. Bannon ist offensichtlich ein Mann mit mehreren Leben. Wer ihn abgeschrieben sehen wollte, auch mehrfach, muss jedes Mal neu nachdenken. Ob sich für Scaramucci (53) in der weitläufigen Regierungszentrale nach seinem rasanten Abgang nun ein anderer Job finden würde, war zunächst nicht ganz klar. Sollte Kelly das mit dem Aufräumen aber ernst meinen, ist das schwer vorstellbar. Beim echten Saubermachen würde ja eher nichts unter den Teppich gekehrt, schon gar nicht von einem ehemaligen Vier-Sterne-General.

Irgendwo dürfte an diesem Montag Sean Spicer gesessen haben und, vielleicht leise lächelnd, sanft genickt haben. Sofort hatte er seinen Job als Trumps Sprecher hingeworfen, als er von Scaramuccis Bestallung erfahren hatte. Das Durcheinander werde mit Scaramucci nicht geringer werden, hatte er gesagt. Dass der neue Stabschef das wenig später offensichtlich ähnlich sehen sollte, könnte zumindest etwas späte Genugtuung sein.

Diese Washingtoner Tage sind wie ein Leben auf einem Rangierbahnhof, allerdings bei Tempo 210. CIA-Chefs werden entlassen, Sprecher treten zurück und Stabschefs auch, Kommunikationschefs werden - mit rhetorischem Goldlack verziert und über den grünen Klee gelobt - erst aufgebaut und Tage später wieder deinstalliert. Einmal zwinkern, und schon wieder neues Personal. Wie im Improvisationstheater. Nur: Außerhalb dieser schillernden Hochdruckblase gärt der Konflikt mit Nordkorea, wird mit Russland gestritten, die Rolle der USA in der Welt neu vermessen. Seit Monaten aber verwendet das Weiße Haus einen Großteil seiner Energien auf die Beschäftigung mit sich selbst, auf seine Lagerkämpfe und Raufereien, sieht seine Aufmerksamkeit von erregten Diskussionen über die Fäkalsprache seines Kommunikationschefs gebunden. Dieses Weiße Haus hat noch nicht eine Krise gemanagt, die es nicht selber erzeugt hat. Könnte sein, dass John Kelly gesagt hat: Ich bin der Mann, der zumindest diesen Stecker zieht. Oder ziehen will.

Denn ob der Präsident ihm dabei folgen wird, als hochnervöser Stifter aller Unruhe mit ewig losem Twitterfinger, wird man sehen.

Zum Thema:
US-Präsident Donald Trump soll laut einem Bericht der "Washington Post" die Stellungnahme seines ältesten Sohnes zu einem umstrittenen Treffen mit einer russischen Anwältin selbst diktiert haben. In der Erklärung hieß es, bei dem Gespräch von Donald Trump Jr. mit der Anwältin Natalja Veselnitskaja im Juni 2016 sei es lediglich um ein Adoptionsprogramm für russische Kinder gegangen, und dies sei zur damaligen Zeit kein Wahlkampfthema gewesen. Präsident Trump habe die irreführende Erklärung am 8. Juli auf dem Rückflug vom G20-Gipfel in Hamburg an Bord der Air Force One formuliert, berichtete die "Washington Post" unter Berufung auf Regierungskreise. Jay Sekulow, einer von Trumps Anwälten, bezeichnete in einer Stellungnahme die Beschreibung als fehlerhaft und unangemessen. (dpa)