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„Das Misstrauen gegenüber Medien ist riesig“

Der ehemalige Regierungssprecher Bela Anda.
Der ehemalige Regierungssprecher Bela Anda. FOTO: Jochen Lübke (dpa)
Cottbus/Berlin. Der frühere Regierungssprecher von Kanzler Gerhard Schröder (SPD), Béla Anda, kennt sich mit „alternativen Fakten“ aus – allerdings sei der Begriff jetzt durch das Trump-Lager unglücklich besetzt, sagt Anda im Gespräch mit der RUNDSCHAU.

Herr Anda, Falschnachrichten kennen Sie aus Ihrer Zeit als Regierungssprecher. Wie sind Sie damals damit umgegangen?

In der Tat sind Falschnachrichten und Halbwahrheiten kein neues Phänomen. Sie hat es gegeben, seit es Politik gibt. Als wir 2003 mit der Agenda 2010 in einer neue politische Phase eintraten, wurde der Umgang mit Gerüchten und Halbwahrheiten zu einer regelrechten Bewährungsprobe. Damals haben wir uns mit einem Team speziell darum bemüht, möglichst schnell zu reagieren und die Dinge klarzustellen. Mit der heutigen Debatte um Fake News ist dies aber nicht vergleichbar.

Gehörten auf der anderen Seite "alternative Fakten" auch zu Ihrem Repertoire?

Fakten sind erst einmal Fakten. Aber natürlich gibt es auch alternative Fakten - auch wenn der Begriff jetzt durch das Trump-Lager sehr unglücklich besetzt ist. Alternative Fakten können welche sein, die in einem Beitrag nicht genannt werden, die jedoch das gezeichnete Bild oder die Wahrheit relativieren würden. Die berühmten Zahlenspiele bei Parteitagen sind dafür ein gutes Beispiel. Wenn man sagt, der Kandidat hat bei den Wahlen 90 Prozent Zustimmung bekommen, man aber die Enthaltungsquote nicht in das Ergebnis einfließen lässt, dann gibt es zum offiziellen Ergebnis einen alternativen Fakt.

Aber Trumps "alternativer Fakt" ist eine Lüge, oder?

Kern bleibt der Realitätsbezug. Wenn die Trump-Regierung nun also klare Belege wie bei der Zahl der Zuschauer während der Vereidigung ignoriert, dann ist der alternative Fakt eine Lüge und selbstverständlich lächerlich. Aber mein Eindruck ist, dass in den USA das Misstrauen gegenüber den etablierten Medien riesig ist. Auch, weil während des Wahlkampfes von Donald Trump massiv Stimmung gegen sie gemacht wurde. Dies ist der Grund dafür, warum eine Falschbehauptung in einem immer größer werdenden Teil der US-Bevölkerung einen großen Nährboden findet.

Kann man einen Krieg gegen die Medien, von dem Trump spricht, gewinnen?

Politik braucht Zustimmung. Sie muss für ihre Vorhaben werben. Das kann man inzwischen auch gegen die klassischen Medien organisieren, und zwar über andere Kanäle wie die sozialen Netzwerke. Aber auf Dauer wird ein Krieg gegen die Medien nicht funktionieren, auch weil die Anhänger von Trump das Gefühl haben wollen, dass die Politik des Präsidenten richtig ist und nicht dauerhaft von 90 Prozent der amerikanischen Medien kritisiert wird.

Mit Bela Anda sprach Hagen Strauß