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| 18:41 Uhr

Interview mit Martin Schulz
„Das hat gravierende gesundheitliche Folgen“

 Prof. Martin Schulz.  Foto: Steffen Roth
Prof. Martin Schulz. Foto: Steffen Roth FOTO: Steffen Roth
Berlin. Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission sieht die deutsche Regierung in der Pflicht zu handeln.

Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind nicht nur ärgerlich, sie können auch gefährlich sein, warnt Professor Martin Schulz, der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker.

Apotheker verbringen fast sechs Stunden in der Woche damit, schwer lieferbarer Arznei hinterherzujagen. Was ist da los?

Martin Schulz Ja, Apothekerinnen und Apotheker müssen sehr viel Zeit damit verbringen, damit aus Lieferengpässen keine Versorgungsengpässe werden, die Patienten gefährden. Dies geht auch aus unserer eigenen Umfrage unter 865 öffentlichen und 54 Krankenhausapotheken hervor. Diese hatte ergeben, dass 90 Prozent der Apotheken vor Ort und 80 Prozent der Krankenhausapotheken in den vorangegangenen drei Monaten Lieferengpässe erlebt hätten. Betroffen waren etwa  Herz-Kreislauf-Mittel, Antibiotika, Schmerzmittel und Antidiabetika. Und das Problem scheint weiter zuzunehmen.

Was bedeutet das denn für die Patienten?

Schulz Nicht jeder Engpass ist kritisch. Falls möglich, können Apotheken das fehlende Arzneimittel gegen ein wirkstoffgleiches Präparat austauschen. Doch sollten sogenannte versorgungsrelevante Arzneimittel, wie einige Krebsmittel, fehlen, kann dies gravierende gesundheitliche Folgen für die Patienten haben.

Als ein Grund für die Engpässe gilt die Konzentration der Produktion bei wenigen Billigfabriken in Asien. Die Hersteller machen dafür die Rabattverträge der Krankenkassen verantwortlich. Zu Recht?

Schulz Zum Teil. Die Ursachen sind vielfältig und beruhen in der Regel auf Herstellungsproblemen, Preisgestaltungen oder Marktrücknahmen sowie der Nachfrage. Arzneimittelengpässe machen sich aber tatsächlich insbesondere dann bemerkbar, wenn die weltweite Versorgung mit den bestimmten Wirkstoffen nur wenigen Herstellern obliegt, die nicht selten in Indien oder China ansässig sind.

Brauchen wir mehr Produktion in Deutschland oder zumindest in Europa?

Schulz Nötig sind vor allem nachhaltige Lösungen, um die Apotheken zu entlasten, die mit viel Aufwand die Versorgung individuell sichern. Daher ist die Politik in der Pflicht Rahmenbedingungen zu schaffen, die sicherstellen, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln der geforderten Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität gewährleistet bleibt. Und sicherlich ist eine Produktion in Deutschland bzw. innerhalb der EU wünschenswert, aber zumindest mittelfristig unrealistisch.

 Prof. Martin Schulz.  Foto: Steffen Roth
Prof. Martin Schulz. Foto: Steffen Roth FOTO: Steffen Roth