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| 17:50 Uhr

Aufregung in sozialen Medien
Darf die das? Sozialdemokratin Chebli und ihre Rolex

24.01.2014, Berlin: Die damalige stellvertretende Sprecherin des Außenministeriums, Sawsan Chebli, aufgenommen im Auswärtigen Amt. Auf dem Bild trägt sie die Rolex-Uhr, die nun für einen Shitstorm in den sozialen Medien gesorgt hat, nachdem ein User das Bild postete und darauf hinwies, dass die Uhr mehrere Tausend Euro kostet.
24.01.2014, Berlin: Die damalige stellvertretende Sprecherin des Außenministeriums, Sawsan Chebli, aufgenommen im Auswärtigen Amt. Auf dem Bild trägt sie die Rolex-Uhr, die nun für einen Shitstorm in den sozialen Medien gesorgt hat, nachdem ein User das Bild postete und darauf hinwies, dass die Uhr mehrere Tausend Euro kostet. FOTO: dpa / Michael Hanschke
Berlin. Staatssekretärin Sawsan Chebli hat in Berlin schon so manche Debatte befeuert. Nun sorgt eine ihrer Uhren für Aufregung in sozialen Netzwerken und einigen klassischen Medien.

Als Sawsan Chebli ihren Posten als Vizesprecherin im Außenamt aufgab, um als Staatssekretärin in den rot-rot-grünen Berliner Senat zu wechseln, kannten sie selbst in der Hauptstadt nur wenige. Knapp zwei Jahre später ist die 40-jährige SPD-Politikerin palästinensischer Herkunft und bekennende Muslima wohl die bundesweit bekannteste Vertreterin der Berliner Landespolitik.

Das liegt weniger an ihrer Arbeit als Bevollmächtigte beim Bund und Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement und Internationales, sondern in erster Linie an ihren ausdrücklich als privat deklarierten und vom Senat durchaus kritisch beäugten Aktivitäten bei Twitter, Facebook und Co. Denn dort provoziert und polarisiert sie oft – Shitstorm inklusive.

So warf Chebli einem Ex-Botschafter Sexismus vor, der sie bei einem missglückten Kompliment „jung“ und „schön“ nannte. Nach den ausländerfeindlichen Demos in Chemnitz twitterte sie im Hinblick auf die demokratische, oft schweigende Mehrheit: „Wir sind zu wenig radikal“. Das sei kein Gewaltaufruf gewesen, stellte sie später klar.

Wenn ihre Kurz-Botschaften missverständlich rüberkommen, neue Fragen hinterlassen und im Netz wild kommentiert werden, sagt Chebli häufig, sie habe eine Debatte anstoßen wollen. Nun steht sie wieder im Fokus: Irgendein Mensch postete ein vier Jahre altes Foto aus Cheblis Zeit im Außenamt, auf dem sie eine Rolex am Arm trägt. „Alles was man zum Zustand der deutschen Sozialdemokratie 2018 wissen muss“, kommentierte der User mit Blick auf die Wahlniederlagen und schlechten Umfragewerte der Partei – und recherchierte, dass das fragliche Modell 7300 Euro kostet.

Dürfen „Sozis“ Rolex tragen? Das Magazin Stern machte daraus – Twittergerecht mit Hashtag garniert – ein „#Uhrengate“. Das «Netz» hyperventilierte. Die einen griffen Chebli an, die anderen verteidigten sie: Welche Uhr man trage, sei Privatsache. „Man muss nicht arm sein, um gegen Armut zu sein“, meinte FDP-Chef Christian Lindner gewohnt griffig und sprang Chebli bei. Sie verdient rund 9400 Euro brutto im Monat.

Die Neiddebatte weckte Erinnerungen an andere Sozialdemokraten mit Hang zum Edlen. Altkanzler Gerhard Schröder etwa trug gern teure Maßanzüge und paffte eine Havanna-Zigarre. Ex-Finanzminister und Weinkenner Peer Steinbrück offenbarte einmal, er würde keinen Pinot Grigio für nur fünf Euro kaufen.

Schließlich konnte Chebli selbst nicht widerstehen und schaltete sich in die Diskussion ein: „Wer von Euch Hatern (Hassern) hat mit 12 Geschwistern in 2 Zimmern gewohnt, auf dem Boden geschlafen&gegessen, am Wochenende Holz gehackt, weil Kohle zu teuer war? Wer musste Monate für Holzbuntstifte warten? Mir sagt keiner, was Armut ist. #Rolex“, twitterte sie. Und fügte später hinzu, sie würde die Uhr und ihre „Klamotten“ sofort verschenken, wenn die SPD dann allein regierte.

Die Reaktion zeigt, dass Kritik – und sei sie noch so abstrus – an ihr nicht wie an manch anderen Politikern abperlt. Denn Chebli ist nicht nur die toughe Politikerin, die sich gern modisch kleidet, die auffallen will. Die gegen Antisemitismus mobil macht und einräumt, dass es unter Muslimen in Deutschland ein Problem mit Judenhass gibt.

Chebli ist selbst gewaltigem Hass und rassistischen Anfeindungen aus der untersten Schublade ausgesetzt – ob nun aus dem rechten Lager oder aus muslimischen Kreisen, die ihren Lebensstil oder ihr Bekenntnis zum Existenzrecht Israels verurteilen. Wie es um Cheblis Nervenkostüm bestellt ist, zeigte sich vor kurzem im Abgeordnetenhaus, als sie eine Debatte um ihre Chemnitz-Tweets mit Tränen in den Augen zeitweise verließ. Wegen der Vielzahl von Hass-Nachrichten hat Chebli nun ihren Facebook-Account deaktiviert.

Chebli wurde 1978 im damaligen Westteil Berlins als 12. von 13 Kindern einer palästinensischen Familie geboren. Erst mit 15 bekam sie die deutsche Staatsbürgerschaft, machte nach dem Politikstudium rasch Karriere. Angst, Not und Armut hätten sie das Kämpfen gelehrt, erinnerte sich Chebli im „Zeitmagazin“. „Für mich war klar: Ich wollte niemals so arm und auf die Hilfe anderer angewiesen sein wie meine Eltern. Ich wollte frei sein, das zu tun, was ich möchte.“ Zuletzt war Chebli übrigens statt mit Rolex mit einer Cartier-Uhr zu sehen.

(dpa/lsc)