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| 13:31 Uhr

Interview mit Christian Booß
„Sie wussten, wo die roten Linien sind“

Cottbus. Der Projektkoordinator bei der Stasi-Unterlagen-Behörde hat ein Buch zu DDR-Anwälten in der Ära Honecker verfasst. Peter Blochwitz

Cottbus Christian Booß, Projektkoordinator in der Abteilung Bildung und Forschung der Stasi-Unterlagen-Behörde, hat sich mit der Arbeit von DDR-Anwälten in der Ära Honecker befasst. Etwa 600 Anwälte gab es gegen Ende der DDR. Booß untersuchte, wie sie sich in politischen Prozessen verhielten. Gab es Drehbücher für solche Prozesse, wie war die Stasi involviert, welche Rolle spielten Inoffizielle Mitarbeiter? Ein Fazit: „Wie sich jemand als Anwalt verhielt, hatte nicht unbedingrt etwas mit der Stasi zu tun.“ Das Buch „Im goldenen Käfig. Die DDR-Anwälte im politischen Prozess“ von Christian Booß erschien 2017 bei Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. Booß stellte es kürzlich in Cottbus vor.

Herr Booß, die DDR-Anwälte im politischen Prozess, das ist ein komplexes Thema. Ihr Buch umfasst denn auch mehr als 800 Seiten, wie lange braucht man denn, um die zusammenzukriegen?

Booß Der ganze Arbeitsprozess hat sieben Jahre gedauert, aber da waren dann zwei Jahre Fertigstellung des Manuskriptes dabei, Redigieren, juristische Überprüfung, die Grafiken noch mal schön machen, dass sie einheitlich sind und so weiter.

Nun haben Sie sich besonders mit politischen Prozessen befasst – sicher auch ein umfassender Themenbereich. Allerdings klang es bei Ihrem Vortrag so, als wären Sie ein bisschen enttäuscht über den Ertrag, als wäre da relativ wenig rausgekommen.

Booß Nein, das betraf nur die Anfänge meiner Arbeit – insgesamt war ich nicht enttäuscht. Ich bin zunächst wirklich mit den Erwartungen herangegangen, ich würde in den IM-Akten viel darüber finden, wie politische Prozesse manipuliert wurden. Also diese berühmten Drehbücher für die prozessbeteiligten Juristen, die man aus den Havemann-Verfahren kennt. Das der Eindruck, den man aus den Diskussionen der 90er-Jahre mitgenommen hat. Und da hat sich rausgestellt: Für das unmittelbare Prozessgeschehen hatte eine IM-Rolle fast keine Bedeutung. In gewisser Hinsicht hatte ich mir die ganze Arbeit, die IM-Akten daraufhin durchzuwühlen, umsonst gemacht. Aber immerhin ist das ja auch eine Erkenntnis. Weil, wenn Sie Leute auf der Straße fragen, würden sie vermutlich sagen: Ja, die IMs haben die Prozesse manipuliert! Viele sind nach wie vor dieser Überzeugung. Ich bin aber inzwischen der Meinung, das hat vollkommen anders stattgefunden.

Zum Beispiel?

Booß Zum Beispiel, dass ein Anwalt einfach Gesetze nicht infrage gestellt hat. Er hätte sagen können, laut Verfassung haben wir ja eine Meinungsfreiheit, in der Uno-Charta steht Freizügigkeit – dann können wir ja dem Angeklagten nicht vorwerfen, was er gemacht hat. Ich dachte, so was hat’s vielleicht gegeben, kritische Anwaltsplädoyers. Aber die wesentliche Erkenntnis war dann: Nein, ein DDR-Anwalt hat so etwas nicht gemacht. Und dann setzte sich peu a peu ein Puzzle zusammen, wo ich, so meine ich jedenfallls auf diesen 800 Seiten – deswegen ist es so lang geworden – einen neuen Ansatz gefunden habe, zu erklären, wie politische Justiz in der DDR wirklich funktioniert hat.

Wie denn?

Booß Sehr stark über die Auswahl der Juristen, sehr stark über die Vorgaben, die sie bekommen haben – gemeint sind die gesetzlichen Vorgaben, aber auch die Kommentierungen, die es dazu gegeben hat, die mehr oder minder geheim auf der politischen Ebene festgesetzt worden sind. Dann durch Konsultationen auch mit den Richtern. Die Unabhängigkeit des Richters gab es in der DDR in diesem Maße nicht. Es war durchaus üblich, dass die Instanz „eins drüber“, wenn die mitbekam, dass da ein brisanter Prozess läuft, den Richter „unten“ angerufen und gefragt hat: Wie willst denn du da eigentlich urteilen? Oder der Richter „unten“ hat die Instanz oben angerufen und gesagt: Ich bin unsicher, was meint Ihr? Das wäre heutzutage fast undenkbar. Wegen der Unabhängigkeit der Richter.

Da spielt sicher auch die Frage der Selbstkonditionierung eine Rolle, wie man sich als Anwalt ins System eingefügt hat.

Booß Selbstkontrolle, ja. Wenn man in dieses System hineingewachsen war, Jura gelernt hatte, durch die ganzen Ausbildungsgänge gegangen ist, wusste man, wo die roten Linien sind . Und man wusste, man spielt mit der beruflichen Existenz, wenn man diese roten Linien überschreitet. Und das hat zu dieser Schere im Kopf geführt, zur Selbstdisziplinierung geführt. In der Bundesrepublik müssen Sie schon sehr viel ausfressen, um ihren Anwaltsjob zu verlieren. Denken Sie an die Leute, die Waffen ins Gefängnis transportiert haben, da ist dann so eine Schwelle. Oder wenn sie wegen eines Betruges angeklagt werden, Mandantengelder veruntreuen, das sind so Fälle, wo sie auch eine Anwaltszulassung verlieren. Aber doch nicht, weil sie vor Gericht...

...eigentlich nur ihren Job machen?

Booß IGenau! Ihren Job machen, Fragen stellen, Beweisanträge... Das Schlimmste, was ihnen passieren kann, es wird alles abgelehnt, und das war’s dann. Aber deswegen setzen sie ihren Job nicht aufs Spiel. In der DDR konnte unter Umständen eine zu offensive Fragetechnik vor Gericht zu einem Disziplinarverfahren führen, das muss man sich mal vorstellen!

Mit Christian Booß

sprach Peter Blochwitz